# taz.de -- Vorschläge zur Rentenreform: Rentenkommission will Minijobber feuern
> Die Rentenkommission der Regierung will Minijobs streichen.
> Gewerkschaften und Mitte-Links-Parteien fordern das schon länger. Es gibt
> aber Fallstricke.
(IMG) Bild: Einmal Prekarität im Alter, bitte: vor allem in der Gastronomie gibt es viele Mini- und Midijobs
Dem 31-jährigen Dias gefällt die Nachricht nicht. „Also ich finde das
schlecht“, sagt er am Montagvormittag, angesprochen auf Empfehlung Nummer
26 der Rentenkommission: Der Sonderstatus von Minijobs soll abgeschafft
werden. Arbeitnehmer:innen mit einem Verdienst bis 603 Euro dürften
dann nicht mehr frei wählen, ob sie in die Rentenkasse einzahlen oder
nicht, um entsprechend mehr oder weniger Rentenansprüche zu erwerben. Nur
für Schüler:innen sollen die Minijobs erhalten bleiben.
Und auch die Sonderregel für Midijobber, die mehr als 603 Euro verdienen,
aber weniger als 2.000 Euro, würde hinfällig: Sie erhalten bislang einen
Rabatt auf ihre Rentenbeiträge, ohne dass dafür ihre spätere Rente sinkt.
Dias ist einer dieser Midijobber. Eigentlich studiert er Audiodesign,
nebenbei arbeitet er aber in einer Berliner Boulderhalle. Schon jetzt müsse
er mehr als die Hälfte seines Gehalts für Miete und Nebenkosten ausgeben,
erzählt er am Tresen der Halle. Wenn jetzt noch die Rentenbeiträge und
vielleicht auch andere Sozialabgeben anstiegen, könne er sich noch weniger
leisten.
„Ich liebe es in einer Boulderhalle zu arbeiten“, sagt Dias, nachdem er
einen Gast abkassiert hat. Es sei für ihn aber schwierig, noch mehr neben
dem Studium zu arbeiten, um auch weiterhin über die Runden zu kommen.
Am Dienstag wird die von schwarz-rot eingesetzte Rentenkommission die
finale Version ihrer Empfehlungen an die Bundesregierung übergeben. Schon
seit dem Wochenende kursiert ein erstes Papier [1][mit den 33 Vorschlägen],
auf die sich Expert:innen und Abgeordnete in der Arbeitsgruppe geeinigt
haben. Die Kommission selbst soll ihr Werk als Paket sehen, das eins zu
eins umgesetzt werden sollte. Allein schon die Forderung zu den Mini- und
Midijobs zeigt aber: Bis zu einer Verabschiedung im Bundestag könnte es
noch einige Diskussionen geben.
## Millionen Betroffene
Betroffen sind etliche Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen: Nach
Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung waren im Jahr
2023 rund 6,2 Millionen Menschen in Midijobs beschäftigt. In Minijobs
arbeiten laut aktuellen Angaben rund 6,8 Millionen Menschen – teils als
Nebentätigkeit, teils als einzige Beschäftigung.
Die Regelung für Minijobs, auch geringfügige Beschäftigung genannt oder
früher 450-Euro-Jobs, ist die bekanntere der beiden Varianten. Um sie gibt
es seit Jahren die größeren Debatten und sie weicht von regulären
Beschäftigungsarten besonders stark ab.
Diese Arbeitnehmer:innen zahlen überhaupt nicht in Kranken-,
Arbeitslosen- und Pflegeversicherung ein und haben auch keinen Anspruch auf
deren Leistungen. In die Rente zahlen sie selbst nur einen kleinen Beitrag
in Höhe von 3,6 Prozent ein. Dem dürfen sie wie gesagt aber auch
widersprechen, was ein Großteil der Betroffenen auch macht. Kurzfristig
mehr Netto vom Brutto: Das macht die Minijobs für sie attraktiv.
Arbeitgeber:innen müssen dagegen anteilig gerechnet sehr viel
draufzahlen: Auf bis zu rund 31 Prozent belaufen sich Abgaben und Steuern
für sie – ein höherer Satz als bei regulären Beschäftigungsarten. Trotzdem
lohnen sich die Minijobs häufig auch für sie. Nicht zuletzt, weil sich
Beschäftigte bei niedrigeren eigenen Abgaben mit einem geringeren
Bruttolohn zufriedengeben.
## Arbeitgeberverbände protestieren
Entsprechend läuft der Protest von Arbeitgeberverbänden gegen die
vorgeschlagene Abschaffung bereits an. Sie argumentieren unter anderem
damit, dass Arbeitsplätze komplett verloren gingen, wenn die Minijobs nicht
weiterhin privilegiert werden. Zudem gibt es schon seit langem Warnungen,
dass ohne Minijobs die Schwarzarbeit weiter zunehmen könnte.
Anders die Gewerkschaften: Verdi-Chef Frank Werneke nennt den Vorschlag zur
Abschaffung zum Beispiel „absolut richtig“. Im letzten Bundestagswahlkampf
warben auch schon die Grünen mit der Abschaffung von Minijobs, die Linken
gar mit der von Mini- und Midijobs.
Häufige Kritikpunkte an den bisherigen Regelungen, zum Teil auch durch
Studien belegt: Betroffene haben entweder zu wenig Anreize, von Minijobs in
reguläre Beschäftigungen zu wechseln, oder bleiben gegen ihren Willen darin
hängen, weil Minijobs richtige Stellen verdrängen. Ihr Einkommen bleibt
somit dauerhaft überschaubar. Sie sind kaum abgesichert. Und gegen den
Arbeitskräftemangel hilft es auch nicht.
22 Jun 2026
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