# taz.de -- Theater der Welt in Chemnitz: Am Ende das Messerwetzen
       
       > Für Chemnitz wie gemacht: Das Festival Theater der Welt bringt 33
       > internationale Produktionen in eine Stadt, die Aufmerksamkeit braucht.
       
 (IMG) Bild: Tanya Tagaq, Inuk-Multikünstlerin, erzählt in „Split Tooth: Saputjiji“ mithilfe von Knochen von kultureller Unterdrückung
       
       Vor dem Opernhaus in Chemnitz liegt ein großer Platz. Männer in dunklen
       Anzügen umschreiten ihn, während die ersten Besucher zum Festival Theater
       der Welt kommen. Es ist sehr heiß. Sind das Securityleute? Oder kommt hier
       gleich eine politische Demonstration? Sehen ihre Undercuts und Bärte nicht
       verdächtig aus? Die Männer gruppieren sich auf den Stufen und beginnen zu
       brüllen, die Körper angespannt, die Hälse dick, die Köpfe vorgeneigt, als
       gelte es, Wut und Zorn herauszuschleudern.
       
       Aber! Da steht ein Dirigent. Rhythmus etabliert sich, das klingt dada,
       Textzeilen werden erkennbar, „Freude schöner Götterfunken“. Ah, das ist der
       finnische Männerchor Mieskuoro Huutajat (Schreichor). Er kommt aus
       [1][Oulu, dieses Jahr Kulturhauptstadt Europas]. Vergangenes Jahr trug
       Chemnitz den Titel. So stiftet der Chor eine Verbindung zwischen dem
       [2][Jahr als Kulturhauptstadt] und dem diesjährigen Festival Theater der
       Welt in Chemnitz.
       
       Gleich die erste Performance führt weit weg. „Split Tooth: Saputjiji“ von
       der kanadischen Künstlerin [3][Tanya Tagaq], Sängerin, Autorin und
       Komponistin, spielt in der Welt und den Mythen der kanadischen Inuit. Die
       Stimmen von Tanya Tagaq und weiteren Sängerinnen summen, knarzen, knurren.
       
       Die Texte bleiben unübersetzt, doch dass sich in den vorgestellten Figuren
       im spärlichen Licht kleiner Flammen Kämpfe abspielen, in denen
       unterschiedlichste Wesen darum streiten, wer im Körper der Frauen Platz
       nehmen kann, wird allein durch die stimmliche Dramatik sichtbar.
       
       ## Alleingelassen im Reich der Geister
       
       Es geht um Verwandlung, Besessenheit, aber auch um zärtliche Verbundenheit
       zwischen den Frauen. Videoseqenzen zeigen den Alltag im Eis,
       Schlittenhunde, Motorräder, viele Schlachtszenen. Es ist eine unheimliche
       und grausame Welt, die sich visuell und akustisch entfaltet.
       
       Nicht nur der Kehlkopfgesang ist virtuos. Auch wie mit hölzernem Schlagwerk
       auf einer hölzernen Platte eine Vielzahl von Klängen und Rhythmen erzeugt
       werden, lässt begeistert staunen. Die letzten Klänge kommen von
       Messerklingen.
       
       Tanya Tagaq wurde als Autorin mit dem Roman „Eisfuchs“ bekannt, der Motive
       mit der Performance teilt. Er erzählt von einem jungen Mädchen, das sich
       nach den Jahrzehnten der gewaltsamen Unterdrückung der indigenen Kultur
       alleingelassen fühlt im Reich der Geister. Die Begegnung mit den mythischen
       Wesen ist fast immer ein Kampf, den sie mal mit Angst, oft aber auch mit
       Lust und sexueller Erregung erlebt. Das findet sich wieder in den Klängen
       und den Bildern der Performance, wenn die Protagonistinnen lustvoll an
       Knochen lecken.
       
       Dieser mit elementarer Wucht auf die Bühne geschleuderte Brocken einer
       Geisterwelt, deren Schlüssel wir nicht haben, markierte zum Auftakt des
       Festivals den Wunsch, die Blickrichtung zu ändern, sich auf Unbekanntes
       einzulassen. 33 Produktionen werden im Verlauf von drei Wochen gezeigt (bis
       5. Juli). Ausgewählt wurden sie von neun jungen internationalen
       Kurator:innen, denen gemeinsam ist, Absolvent:innen der Festival
       Academy Brüssel zu sein.
       
       Die Direktorin der Academy, Inge Ceustermans, bildet zusammen mit Christoph
       Dittrich, dem Generalintendanten der Theater Chemnitz, und mit Stefan
       Schmittke, Geschäftsführer Programm Chemnitz 2025 gGmbH, die
       Festivalintendanz. Das Festival Theater der Welt wird vom ITI, dem
       Internationalen Theaterinstitut, alle drei Jahre in eine andere deutsche
       Stadt vergeben, von Bund, Land und Stadt finanziert. Chemnitz hat sich
       erfolgreich darum beworben.
       
       Am Tag der Eröffnung brauchte es eine Stunde lang Reden, dieses
       Strukturgeflecht zu würdigen. Am zweiten Tag geht es in den Spinnbau, einen
       großen Fabrikkomplex in Altchemnitz, der schon seit 2022 als
       Ausweichspielstätte für das [4][sanierungsbedürftige Chemnitzer
       Schauspielhaus] dient.
       
       In der Stadt gibt es kulturpolitisch deshalb gerade Zoff. Die
       Sanierungskosten sind gestiegen, ein Neubau wird diskutiert, da kam die SPD
       mit dem Vorschlag, eine Spielstätte zu streichen und das Schauspiel auch im
       Opernhaus spielen zu lassen. Die Empörung der Theaterleute ist groß,
       Schrumpfung der Spielmöglichkeiten und der Zuwendung für die Kultur wird
       befürchtet. Da hilft der große Auftritt, den das Festival Theater der Welt
       dem Gastgeber bietet, mit überregionaler Aufmerksamkeit.
       
       ## Als queere Familie in Taiwan
       
       Aus Taiwan kommt das Künstler:innentrio Hung Chien-Han, Hung Wie-Yao,
       Ray Tseng, die in ihrem Stück „Family Triangle“ von ihrem erfolgreichen
       Versuch erzählen, [5][eine queere Familie zu leben]. Die Regisseurin Hung
       Chien-Han und Ray Tseng sind ein lesbisches Paar. Um ein Kind zu bekommen,
       bitten sie Chien-Hans Bruder, Wie-Yao, um eine Samenspende.
       
       Sie erzählen mit viel Witz und Leichtigkeit von beginnender Eifersucht, von
       rechtlichen Bedenken, von patriarchaler Ungerechtigkeit, von biologischer
       Zumutung, von Erwartungshaltungen und Ängsten. Im Pingpongspiel wird
       ausgehandelt, welchen Namen das Kind tragen soll.
       
       Keine Entscheidung ist einfach, aber trotz aller Zweifel, die sie immer
       wieder einholen, gelingt es ihnen Schritt für Schritt, eine Gemeinsamkeit
       zu bilden. Die wird auch als sechsbeiniger Kugelmensch vorgestellt, der
       nicht wissen kann, wo denn jetzt geradeaus ist.
       
       „Family Triangle“ lebt von der großen Offenheit und genauen Selbstbefragung
       der Beteiligten, aber auch von der Lust am Spiel. Hung Chien-Han schreibt
       sich zum Beispiel das Tagebuch der künstlichen Befruchtung mit Filzstift
       auf den Körper, mit kleinen, lustigen Zeichnungen, die uns die Kamera
       zeigt.
       
       ## Der Körper als Bühne
       
       Die Intimität des Körpers wird zur Bühne ohne Scham und Peinlichkeit. Das
       Team aus Taiwan hat eine erstaunlich zugängliche Form des Erzählens
       gefunden. Unter Bäumen ist im Spinnbaugarten eine Bar aufgebaut,
       Liegestühle, eine kleine Bühne für Einführungen zu den Stücken und
       Konzerte.
       
       Die alte Industriearchitektur ist imposant, klassische Moderne. Eine große
       Terrasse liegt vor einem Flügel. Hier nutzt das Theater eh schon mehrere
       Räume, für das Festival ist eine große Halle dazugekommen. Auch das
       Figurentheater hat hier seinen Ort.
       
       Es ist eine eigene Sparte am Theater Chemnitz, ebenso wie ein Theater für
       junge Leute. Auch deshalb hat das internationale Kurator:innenteam
       Produktionen für Kinder und Figurentheater für Erwachsene eingeladen.
       
       Einmal begegnet mir in Chemnitz eine ganze Schulklasse von ungefähr Neun-
       und Zehnjährigen, die in Zweierreihe ihrer Lehrerin folgen. Sie tragen
       Kronen, Zöpfe oder Geweihe aus Papier, manche haben papierne Flügel oder
       einen Schweif aus gerissenen Streifen. Sie kommen aus dem Paper Planet, zu
       dem das Polyglott Theatre aus Melbourne eingeladen hat.
       
       ## Kleine Figuren erzeugen große Emotionen
       
       Da liegen dünne und dicke Papiere bereit, ein Wasserfall und ein Wald sind
       angedeutet, in den täglich mehr der Tiere und der krummen Wesen einziehen,
       die Kinder und Erwachsene hier zurechtknüllen und kleben.
       
       In Singapur entstand „Stream of Memory“. Ein mutiges Mädchen und ein etwas
       ängstlicher Junge werden bei einem Sturm auseinandergerissen. Wie Tiere aus
       der Wassertiefe und ein großer Geist, der im Fluss etwas traurig dessen
       Vermüllung miterleben muss, ihr helfen, Unwetter zu überleben und ihren
       Freund wiederzufinden, das ist die Geschichte, die das Papermoon Puppet
       Theatre erzählt.
       
       Deren große Emotionalität geht vor allem davon aus, wie die kleinen Figuren
       bewegt werden. Ein Spieler schiebt die Füße des Mädchens voran, wenn sie
       geht oder springt, einer steuert die Hände, einer den Kopf: Schon das
       allein ist immer ein Bild der zärtlichen Fürsorge für die Figuren.
       
       Ähnlich ist es auch bei „Antuco“, einer Produktion der Silencio Blanco
       Company aus Chile. Wieder sind die Figurenspieler:innen zugleich auch
       Tänzer:innen. Neben dem sehr detailreichen Figurenspiel, für das sich der
       Blick auf die kleinen Puppen konzentrieren muss, entstehen so auch
       Erzählstränge, die den großen Raum einnehmen.
       
       ## Endlich zum Militärdienst!
       
       In „Antuco“ verlässt ein Sohn seine alten Eltern, um zum Militär zu gehen,
       mit kindlichen Fantasien vom Abenteuer im Kopf. Dafür bilden die fünf
       Spieler:innen eine Gruppe galoppierender Pferde. Eine lange Szene
       beschreibt aber dann, wie der Sohn beim Militär schikaniert und zugerichtet
       wird.
       
       Die kleine Soldatenpuppe ist dabei der Gewalt der männlichen Puppenspieler
       hoffnungslos ausgeliefert. Nur drei Szenen hat diese Geschichte; aber das
       genügt. So hat das erste Wochenende des Festivals vor allem nahbare Stücke
       präsentiert, die oft auch gar nicht der Übersetzung bedurften.
       
       23 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Europaeische-Kulturhauptstadt-Oulu/!6138343
 (DIR) [2] /Bilanz-Kulturhauptstadt-Chemnitz/!6185218
 (DIR) [3] /Neues-Album-von-Tanya-Tagaq/!5835724
 (DIR) [4] /Kulturkuerzungen-in-Chemnitz/!6087439
 (DIR) [5] /Queerer-Kinderwunsch/!6150880
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Bettina Müller
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Inuit
 (DIR) Chemnitz
 (DIR) Puppentheater
 (DIR) Theater der Welt
 (DIR) Theater
 (DIR) Theater
 (DIR) Theater
 (DIR) Chemnitz
 (DIR) Nahost-Debatten
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Festival Theater der Welt in Chemnitz: Neue Weltläufigkeit
       
       Von der Kulturhauptstadt Europas zur Weltstadt des Theaters: Nach Dresden
       1996 gastierte das Theater der Welt wieder in einer ostdeutschen Stadt.
       
 (DIR) „Debritz“ am Badischen Staatstheater: Die große Versalzung
       
       Kann nur noch Barbarossa unsere Provinz retten? Ein abgehängtes Dorf wird
       in Kaleb Erdmanns neuem Stück zum Brennglas der deutschen Gegenwart.
       
 (DIR) Bilanz von Kulturhauptstadt Chemnitz: Wahrnehmung veränderten Einwohnerverhaltens
       
       Chemnitz war die Kulturhauptstadt 2025 und wollte damit sein negatives
       Image aufbessern. Über die Bilanz und die Beteiligung der
       Stadtgesellschaft.
       
 (DIR) Sachsens „Jahr der jüdischen Kultur“: Zu viel Tacheles
       
       Die Künstlerin Nirit Sommerfeld hat in Chemnitz eine Gesprächsreihe mit
       jüdischen Gästen organisiert. Doch die Förderung wurde zurückgezogen.
       Warum?
       
 (DIR) Über Ehrenamt und Kultur in Chemnitz: „Ich bin hier noch nicht fertig“
       
       Antonia Melzer ist ein Jahr als Freiwillige rund um die Aktionen der
       Europäischen Kulturhauptstadt dabei. Und was macht sie nun? Ein Resümee.