# taz.de -- „Debritz“ am Badischen Staatstheater: Die große Versalzung
> Kann nur noch Barbarossa unsere Provinz retten? Ein abgehängtes Dorf wird
> in Kaleb Erdmanns neuem Stück zum Brennglas der deutschen Gegenwart.
(IMG) Bild: Ist das der Messias? Antonia Mohr als Barbarossa mit Zottelbart
Die besten Jahre liegen längst hinter Debritz. Die Ernteerträge sind mies,
die meisten jungen Leute abgewandert. Von der Industrie und dem Nahverkehr
ganz zu schweigen. Obwohl dieses traurige Jwd im Osten Deutschlands fiktiv
ist, steht es exemplarisch für zahlreiche Dörfer in sogenannten
strukturschwachen Gebieten. Auch weil dessen literarischer Begründer, der
1991 in Witten geborene [1][Kaleb Erdmann], dafür beherzt in die
Klischeekiste greift.
Wir alle erkennen die Typen seines nach dem Ort benannten Dramas, das just
am [2][Badischen Staatstheater in Karlsruhe] uraufgeführt wurde, wieder:
den hilflosen Bürgermeister mit viel zu langem Redemanuskript, die
Fabrikarbeiter, die aus Zorn über ihr Abgehängtsein einen Rechtsdrall
entwickeln, mithin die reiche, städtische Touristin, die in der Totenstille
die meditative Ruhe bewundert. Und tatsächlich geht es dem Autor in
mehreren Szenentableaus um nichts weniger als ein Gesellschaftspanorama im
Mikrokosmos. Sämtliche Krisen unserer Tage verdichten sich dort wie in
einem Brennglas.
Allen voran der Klimawandel hat seine Spuren hinterlassen. Aus der
einstigen Hochburg des Salzabbaus mit Prädikat „Luftkurort“ ist eine Wüste
geworden. Sie spiegelt sich in einem bräunlich-monochromen Bühnenbild mit
kristallartigen Ausstülpungen (Kulisse: Hella Prokoph). Dass die Arbeiter
mit Pappkartons und schablonenhaft ausgeschnittenen Gesichtern darauf im
selben Farbton auftreten, macht einmal mehr die unveränderbare Statik
dieses Molochs der Verzweiflung deutlich.
## Reichlich Blödsinn und Slapstick
Immerhin will eine gegen die Verhältnisse aufbegehren, gezwungenermaßen.
Denn in Debritz gab es nicht nur schon lange keinen Regen mehr, hinzu kommt
das Eindringen der Salzsole in das Grundwasser, wodurch der
Zuckerrübenbäuerin Peggy (Rebecca Seidel) die Existenzgrundlange verloren
geht. Neben ihrem Freund Maik (Jannik Süsselbeck) erscheint sie als der
einzig wahrhaftige Charakter des Stücks. Beide hadern. Sie will weg, er
hingegen seine Wurzeln nicht aufgeben. Am Ende jagen sie die Siedlung in
die Luft.
Allein diese durchgeknallte Wendung zeichnet das Drama als Farce aus, die
nicht an reichlich Blödsinn und Slapstick spart. Wo Buntes und Schräges
gefordert ist, liefert die Regie von Brit Bartkowiak. Insbesondere der im
Erdreich schlummernde Barbarossa mit Zottelbart (Antonia Mohr), den die
oberirdischen Bewohner als hoffentlich bald erwachenden Kyffhäuser-Messias
preisen, sorgt für Witz.
Wenn er prollig die Vita-Limo runterkippt, werden die Schluckgeräusche mit
einem monumentalen Bass unterlegt. Ähnlich lustig fällt der Auftritt von
„Candy the Candle“ aus. Unter einem pinken Kerzenkostüm gibt eine der
Darstellerinnen zur Wiedereröffnung der sponsorenfinanzierten Sporthalle
ein „Arm, aber sexy“-Lied über das Kaff zum Besten.
Zuletzt darf auch eine Szene über [3][Onlinedating] nicht unerwähnt
bleiben. Um sich wegzuträumen, tindert sich Peggy durch den digitalen
Konsumtempel der Liebe. Nachdem sie mit Mini-Disko-Kugel kurz einen
sehnsuchtsgeladenen Popsong anstimmt, einen der wenigen berührenden Momente
des Abends, ploppen die Nachrichten aus dem Off auf. Sport sei dem anonymen
Gegenüber wichtig. An erotischen Fantasien mangelt es auch nicht.
Als Bewässerungssystem bietet ein Mann sich an, der sodann auch kurz im
Entertainer-Look auf die Bühne tritt. Seine Anbandelungsversuche laufen ins
Leere. Kurz darauft mach sich Protagonistin mit ihrem Gefährten zu Danny
Elfmanns Batman-Musik (und mit der dazugehörigen Fledermaus-Maske) auf, die
biedere Welt von allem Übel zu erlösen.
## Spielfreude des Ensembles
Alles also ziemlich auf- und abgedreht. So darf man es durchaus von einer
Groteske erwarten. Dass die Premiere auf einem soliden Niveau gelingt,
verdankt sich der experimentierfreudigen Regie von Brit Bartkowiak. Sie
zieht sämtliche Register der Comic- und Pop-Ästhetik, die zudem durch die
Spielfreude des Ensembles glänzen darf.
Dabei täuscht nichts über den mäßigen Text hinweg. Gewiss, er soll und muss
mit Stereotypen operieren. Erdmann treibt es aber zu weit und verfügt kaum
über das nötige Gespür, wann Handlung und Dialoge erstarren. Dem Abend, der
sich vollends in seiner Großkarikatur ergeht, mangelt es daher
streckenweise an emotionaler und gedanklicher Variation.
Seine Wichtigkeit ist ihm jedoch unbenommen. Auch weil die Diskussionen auf
deutschen Bühnen über das Stadt-Land-Gefälle sowie die Folgen des
Klimawandels in jüngster Zeit ins Hintertreffen gerieten.
Apropos hinten. Am Ende öffnet sich noch im Rücken des Publikums, das dem
Stück im Neuen Entrée beiwohnt, ein Vorhang. Dahinter zwei Personen in
Strahlenschutzanzügen. Die Verteilungskriege liegen längst hinter der
Menschheit, berichten sie. Wenn das die Zukunft sein soll, gilt es
jedenfalls, die Gegenwart in „Debritz“ ernster zu nehmen.
26 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Shortlist-zum-Deutschen-Buchpreis/!6114006
(DIR) [2] /Aki-Kaurismaeki-in-Karlsruhe/!6154814
(DIR) [3] /Modernes-Dating/!6181310
## AUTOREN
(DIR) Björn Hayer
## TAGS
(DIR) Theater
(DIR) Karlsruhe
(DIR) Uraufführung
(DIR) Inuit
(DIR) Theater
(DIR) Theater
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Theater der Welt in Chemnitz: Am Ende das Messerwetzen
Für Chemnitz wie gemacht: Das Festival Theater der Welt bringt 33
internationale Produktionen in eine Stadt, die Aufmerksamkeit braucht.
(DIR) Szenische Einrichtung neuer Theatertexte: Die Wucht der Wörter
Es geht um Soapstars, den Tod und Kiefern: Am Deutschen Theater Berlin
gingen die Autor*innen-Theatertage mit einer langen Nacht zu Ende.
(DIR) „Fassade“ am Theater Freiburg: Wir baden doch nur am See!
Das Freiburger Theater geht den Spuren der braunen Stadtvergangenheit nach.
„Fassade“ ist eine Mischung aus Audiowalk, Performance und Installation.