# taz.de -- Bilanz von Kulturhauptstadt Chemnitz: Wahrnehmung veränderten Einwohnerverhaltens
       
       > Chemnitz war die Kulturhauptstadt 2025 und wollte damit sein negatives
       > Image aufbessern. Über die Bilanz und die Beteiligung der
       > Stadtgesellschaft.
       
 (IMG) Bild: Was blieb: Lichtkunstfetival in Chemnitz zog viele BesucherInnen an
       
       Läge die Evaluation des Chemnitzer Kulturhauptstadtjahres 2025 bei den
       aufgeschlossenen Teilnehmern von nunmehr vier [1][taz-Bildungsreisen],
       könnte sie kaum besser ausfallen. Ob die Soziologen der Chemnitzer
       Universität, die [2][offiziell mit der Auswertung beauftragt sind], ebenso
       positiv urteilen, wird im Juni zunächst ein interner Austausch mit der
       Stadt und der Kulturhauptstadt gGmbH zeigen. Der spannendste Teil, der auf
       Befragungen im laufenden Jahr über die Nachhaltigkeit der angestoßenen
       Bewegungen beruht, wird erst 2027 erwartet.
       
       Dem lässt sich dann doch schon jetzt mit einem Stimmungsbild ein halbes
       Jahr nach Ende des Kulturjahres vorgreifen. Chemnitz bemüht sich ja nicht
       nur seit Jahrzehnten, das Image von „Ruß-Chemnitz“ abzustreifen, der
       unansehnlichen Proletenstadt des Maschinenbaus.
       
       Es galt auch, die durch die ausländerfeindlichen Krawalle 2018 verfestigte
       Gleichsetzung mit einer Nazistadt [3][abzuschütteln,] aus der man besser
       flieht, als sich positiv zu emanzipieren. Hat also vor allem die
       Zivilgesellschaft durch breite Basismitwirkung beim Eventjahr einen
       nachhaltigen Impuls erhalten?
       
       „Das Jahr hat viele Menschen und Menschengruppen zur Mitwirkung animiert,
       die bislang noch nicht miteinander gearbeitet hatten“, sagt Sebastian
       Reichelt auf die Frage nach dem Stadtklima. Im [4][Kulturzentrum Weltecho],
       an dessen Programm der Co-Vorsitzende der Chemnitzer SPD maßgeblich
       beteiligt ist, beobachtet er, dass insbesondere junge Menschen wieder
       gemerkt hätten, wie man in Chemnitz etwas schaffen und leisten kann. Die
       Förderung 2025 habe sie zur Verwirklichung eigener Ideen stimuliert.
       
       ## Kultur nicht die Antwort auf alle Probleme
       
       Ähnlich äußert sich Octavio Gulde vom Verein [5][Bordsteinlobby], der neben
       vielen anderen Aktivitäten alternative Stadtführungen veranstaltet. Er
       wuchs in Dresden auf, verliebte sich aber während seines Studiums in
       Chemnitz. Gulde verweist sofort auf das [6][Kosmos-Kulturfestival].
       
       Das gründete sich 2018 als Antwort auf die rechten Ausschreitungen, wollte
       damit zugleich ein Statement für Demokratie und Toleranz setzen. Im Vorjahr
       zog es die Rekordzahl von 115.000 Besucher an. Auch andere aus demselben
       Anlass entstandene Initiativen wie die [7][Buntmacher*innen] wurden vor
       dem Kulturhauptstadtjahr zu wenig wahrgenommen.
       
       „Diese Stadt neu erzählen“ will Gulde, behauptet aber nicht, dass Kultur
       die Antwort auf alle Probleme sein könne. Aber viele hätten die neue
       Erfahrung gemacht, „dass Kultur etwas ist, wo ich mich hintrauen kann“, zu
       Veranstaltungen, die sonst „außerhalb des eigenen Zugangshorizonts“ lagen.
       
       Schon die Mitwirkung von mehr als 1:100 Volunteers überwiegend älterer
       Jahrgänge sorgte für einen breiten Anschluss an die Bevölkerung und für
       einen einzigartigen „Betreuungsschlüssel“ bei Veranstaltungen. Bei dem am
       18. Juni beginnenden größten Theaterfestival der Bundesrepublik
       [8][„Theater der Welt“] werden diese Freiwilligen wieder gebraucht.
       
       ## Rechte wie paralysiert
       
       Von Stefan Schmidtke, programmverantwortlicher Geschäftsführer der
       [9][Kulturhauptstadt gGmbH], darf man Genugtuung erwarten. Aber seine
       Wahrnehmung veränderten Einwohnerverhaltens und eines Lernprozesses teilen
       viele: „Ich bin Teil dieser Stadt und tue etwas für mich und mein Umfeld!“
       
       Preise für Chemnitzer Vereine können diese Einstellung belegen. Am 12. Mai
       wurde in Aachen die Initiative [10][„k_einheit“ als deutscher Preisträger
       des Jugendkarlspreises] ausgezeichnet. Ihr Thema, eine „Post-Ost-Debatte“
       zu immer noch wenig verarbeiteten Transformationsprozessen nach 1990, sei
       in der jungen Generation derzeit en vogue, beobachtet auch Reichelt vom
       Weltecho.
       
       Zwei sächsische Demokratiepreise gingen im vorigen November an das queere
       Beratungs- und Begegnungsangebot [11][different people] und den Sportverein
       mit Kampfsportsektion von [12][Athletic Sonnenberg.] Auch couragierte
       Frauen finden hier eine Alternative zu einem sonst von rechten Kräften
       besetzten Revier.
       
       Die wirken seit eineinhalb Jahren zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung
       wie paralysiert. Der klägliche Versuch der „Freien Sachsen“, von „Pro
       Chemnitz“ oder der jungen „Chemnitz Revolte“, die Eröffnungsfeier am 18.
       Januar mit geschätzt 80.000 Teilnehmern zu sabotieren, hat dazu
       beigetragen. Eine peinliche Vergewaltigung echter Erzgebirgsfolklore.
       
       ## Meckerer verlieren
       
       „In einer Stadt, in der die Mehrheit selbstbewusst von sich spricht, können
       sie als Meckerer in der Ecke nur verlieren“, zeigt sich Geschäftsführer
       Schmidtke zufrieden.
       
       Stadtführer Jan Weiße, als Historiker hauptberuflich im Landesmuseum für
       Archäologie beschäftigt, ist noch optimistischer: „Die Rechten haben sich
       verkalkuliert.“ Und er sagt voraus, dass das auch so bleiben werde.
       
       Im Weltecho und bei der Bordsteinlobby bleibt man nüchterner. Natürlich
       möchte man triumphieren angesichts der Tatsache, dass sich auch noch die
       AfD-Stadtratsfraktion im September selbst zerlegt hat. „Aber die Strukturen
       sind ja weiterhin vorhanden“, gibt Sebastian Reichelt zu bedenken.
       
       Es seien eben viele kleine Splittergruppen, Leute, die früher den
       NSU-Terror unterstützt hätten und heute in Handel und Gewerbe, in
       Sicherheitsfirmen und im Sport säßen. Aber es stimme, dass das
       Kulturhauptstadtjahr diesem „Furor“ Einhalt geboten, dass sich der
       Organisationsgrad „zumindest nicht verschlimmert hat“.
       
       ## Und nun aber zum prekären Haushalt
       
       Octavio Gulde erinnert daran, dass die „Freien Sachsen“ weiterhin alle zwei
       Wochen montags marschierten, dass der Identitären-Gründer Martin Sellner
       bei der AfD im Rathaus gesprochen habe. Aber der Stadt sei es 2025
       gelungen, Neonazis Treffpunkte zu vergällen, den Innenstadtraum unbequem
       für sie zu halten. Das sei aber „natürlich nur eine Verlagerung des
       Problems!“, sagt Gulde.
       
       Die größere Gefahr für die Fortschreibung des verbindenden
       Kulturhauptstadtjahres droht aber wie überall v[13][om prekären Chemnitzer
       Stadthaushalt.] Die Kunstsammlungen öffnen verkürzt, das Congress-Hotel
       schließt, die Stadt hat eine Lösung für das seit vier Jahren geschlossene
       Schauspielhaus verschlafen und steht nun vor Millioneninvestitionen.
       
       „Das Kulturhauptstadtjahr hat der Stadt gutgetan und sie zugleich
       ausgelaugt“, konstatiert Gulde. „Die Haushaltskrise kommt zur falschesten
       Zeit, manche positiven Vibes vom Vorjahr erscheinen jetzt schwerer
       vermittelbar“, bedauert Stadtführer Jan Weiße. Dennoch hätte die aktive
       Zivilgesellschaft mehr Gewicht als zuvor.
       
       Chemnitz und der Freistaat Sachsen verhandeln in diesem „Brückenjahr“ über
       die Weiterfinanzierung des sogenannten Legacy-Prozesses im Anschluss an das
       Kulturhauptstadtjahr.
       
       Von 200 eingegangenen Anträgen für 2026 berichtet Geschäftsführer
       Schmidtke. Und ruft noch einmal die zivilgesellschaftliche Bilanz 2025 in
       Erinnerung: Gegenüber dem Antragsbuch zur Bewerbung hat sich die Zahl der
       Projekte auf 266 vervierfacht, getragen von 400 Vereinen mit mehr als
       10.000 Aktiven, vier Fünftel von ihnen keine Profikünstler. 123
       Mikroprojekten von Gemeinschaften, Vereinen und Einzelpersonen in Chemnitz
       und der Region wurde Anfang Juni eine Förderung zugesprochen, eine
       Rekordzahl – trotz der Haushaltsmisere!
       
       8 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /reisen-in-die-zivilgesellschaft/chemnitz-und-erzgebirge/!v=7cc13595-596b-4daf-aa94-c4197fdc9d98/
 (DIR) [2] https://www.tu-chemnitz.de/hsw/soziologie/Forschung/Projekte/Chemnitz2025/
 (DIR) [3] /Fazit-der-Kulturhauptstadt-Chemnitz/!6131836
 (DIR) [4] https://weltecho.eu/?cookie-state-change=1780907771379
 (DIR) [5] https://bordsteinlobby.de/
 (DIR) [6] https://www.kosmos-chemnitz.de/en
 (DIR) [7] https://www.buntmacherinnen.eu/
 (DIR) [8] https://www.theaterderwelt.de/
 (DIR) [9] https://chemnitz2025.de/ueber-uns/die-chemnitz-2025-ggmbh/
 (DIR) [10] https://www.europedirect-aachen.de/aachen/news/ed-aktuell/deutscher-jugendkarlspreis-gewinner-2026
 (DIR) [11] https://www.different-people.de/
 (DIR) [12] https://athleticsonnenberg.de/
 (DIR) [13] https://www.chemnitz.de/de/rathaus/haushalt
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Bartsch
       
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