# taz.de -- „Oma gegen rechts“ zu rechten Drohungen: „Das macht schon Schiss“
       
       > Eine Aktivistin nannte Björn Höcke auf einen Plakat „Nazi“ – und geriet
       > ins Visier der Behörden und Höckes selbst. Ein Gespräch über die
       > Ermittlungen.
       
 (IMG) Bild: Ein Bild, dem nichts mehr hinzuzufügen ist
       
       Die interviewte Person möchte auf eigenen Wunsch anonym bleiben. Deshalb
       wird in diesem Gespräch ein Pseudonym verwendet. Der Redaktion ist der
       tatsächliche Name bekannt. 
       
       taz: Bei einer Demo gegen die AfD im April in Magdeburg haben Sie ein
       Schild mit der Aufschrift „Björn Höcke ist ein Nazi“ getragen. Hatten Sie
       damals damit gerechnet, dass das vor Gericht landen könnte? 
       
       Katrin Schmidt: Nein, im Leben nicht. Dieses Plakat habe ich seit Jahren.
       Ich hatte es auch schon bei einem Gerichtsprozess gegen Höcke in Halle
       dabei. Die Justiz hat immer wieder entschieden, dass diese Aussage nicht
       strafbar ist. Das war für mich völlig klar.
       
       taz: Bei der Demo gegen den [1][AfD-Parteitag im April] hat die Polizei das
       anders gesehen. Was war da los? 
       
       Schmidt: Ich stand mit anderen Omas gegen rechts ganz vorne an der
       Polizeiabsperrung und habe das Schild hochgehalten, und zwar sehr lange:
       dreieinhalb Stunden mindestens. Dann kam der AfD-Landtagsabgeordnete Ulrich
       Siegmund heraus, hat sich vor uns gestellt und gesagt, dass diejenigen, die
       sich heute gegen ihn stellen, das später bereuen werden. Dann ging er
       wieder und zehn Minuten später hat die Polizei mich angesprochen und
       gesagt, ich dürfe das Plakat nicht weiter benutzen. Das sieht doch klar
       danach aus, als habe die AfD der Polizei gesagt, sie solle etwas gegen das
       Schild tun. Ich habe versucht, mit den Polizisten zu diskutieren, gesagt,
       dass es Gerichtsurteile gibt, dass man Höcke als Nazi bezeichnen darf, das
       ist Meinungsfreiheit – [2][ein Gericht in Halle hat ihn ja sogar wegen der
       Verwendung einer NS-Parole verurteilt]. Das hat die Polizisten aber nicht
       interessiert. Die haben meine Personalien aufgenommen und wollten, dass ich
       das Plakat übermale. Vollkommen absurd. Aber die Veranstaltung war dann
       sowieso kurz danach zu Ende.
       
       taz : Die Sache mit dem Schild war dann aber noch nicht zu Ende. 
       
       Schmidt: Nein. Ein Grünen-Abgeordneter hat zu dem Vorgehen eine Kleine
       Anfrage an die Landesregierung von Sachsen-Anhalt gestellt. In der Antwort
       hieß es, dass gegen mich wegen eines Anfangsverdachts einer Straftat
       ermittelt werde. So habe ich überhaupt erst davon erfahren. Als das
       öffentlich wurde, gab es im Internet einen Shitstorm, weil das so absurd
       war. Gleichzeitig habe ich ganz viel Unterstützung bekommen. Sharepics mit
       Solidaritätsbekundungen und Angebote, mir mit Rechtsvertretung zu helfen.
       
       taz: Die haben Sie dann aber gar nicht benötigt.
       
       Schmidt: Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat Journalisten gesagt, sie
       hätte sich nie zu einem Anfangsverdacht geäußert, sondern allein über die
       örtliche Zuständigkeit. So ist der Fall bei der Staatsanwaltschaft in Halle
       gelandet, wo ich auch lebe. In Halle wurden die Ermittlungen sofort
       eingestellt. Auch das habe ich nur aus der Presse erfahren.
       
       taz : Das klingt alles ein wenig kafkaesk. 
       
       Schmidt: Ja. Und es hat mir ganz schön zu schaffen gemacht. Es ist nicht so
       lustig, zu erfahren, dass die Staatsanwaltschaft gegen einen ermittelt – in
       einer Sache, die rechtlich völlig klar ist. Da frage ich mich schon, wie
       weit Staatsanwaltschaft und Polizei rechts angehaucht sind, dass so etwas
       überhaupt ins Rollen gebracht wird. Die Polizei hat ja im Grunde
       unrechtmäßig gehandelt. Immerhin ist es dann nicht tatsächlich zu einer
       Anklage gekommen, das wäre noch absurder gewesen.
       
       taz : Hatten Sie in der Vergangenheit schon mit Staatsanwaltschaft und
       Gerichten zu tun? 
       
       Schmidt: Ja, das bleibt gar nicht aus, wenn man sich gegen rechts
       engagiert. Wir hatten hier in Halle lange Zeit eine Staatsanwaltschaft, die
       aus meiner Sicht auf dem rechten Auge völlig blind war. Jahrelang lagen da
       Anzeigen im dreistelligen Bereich gegen einen einzelnen Neonazi, und man
       hatte den Eindruck, da passiert nichts. Da habe ich schon angefangen,
       meinen Glauben an den Rechtsstaat zu verlieren. Das hat sich erst vor etwa
       zwei Jahren geändert. Seitdem hat man das Gefühl, da guckt endlich mal
       jemand richtig hin.
       
       taz: Einen einzelnen Neonazi …?
       
       Schmidt: Halle gegen rechts hatte die Kampagne „Neonazi Sven Liebich den
       Prozess machen“ gestartet, und daraufhin gingen alle möglichen Anzeigen
       gegen ihn ein: wegen Beleidigung, übler Nachrede, auch tätlichen Angriffen.
       Die wurden gefühlt fast alle eingestellt.
       
       taz: Später kam Liebich, heute mit dem Vornamen Marla-Svenja, doch noch vor
       Gericht. Und wurde auch verurteilt.
       
       Schmidt: Ja, und ich habe auch erfahren, dass meine Anzeige dazu
       beigetragen hat.
       
       taz: Worum ging es? 
       
       Schmidt: Wir hatten uns im Winter 2019 gerade neu als Omas gegen rechts
       gegründet. Damals ist jeden Montag eine Gruppe um Liebich durch die Stadt
       gezogen und hat die wildesten, rechten Sachen verbreitet. Einmal habe ich
       gehört, wie ein Lied gespielt wurde, in dem behauptet wurde, alle Migranten
       würden Kinder missbrauchen. Ich war so fassungslos und habe zu den Omas
       gesagt, da müssen wir etwas tun. Dann haben wir uns an einem Montag als
       Gegenprotest an den Rand einer Kundgebung von Liebich gestellt, vier oder
       fünf Omas mit Schildern, auf denen „Omas gegen rechts“ stand. Liebich hat
       das sofort gesehen und durchs Mikrofon gesagt: Dann müssen wir die Omas mal
       ordentlich begrüßen. Daraufhin ist die ganze Gruppe auf uns zugelaufen, hat
       uns umringt und beschimpft.
       
       t az: Das klingt gruselig. 
       
       Schmidt: Ja, das war erschreckend. Und die Polizei hat relativ lange
       gebraucht, bevor sie das überhaupt mitbekommen hat. Immerhin ist ein
       Passant eingesprungen und hat uns geholfen. Später hat mich der MDR
       angerufen und gefragt, wie es mir eigentlich mit dem geht, was Liebich
       gesagt hat. Aber ich hatte gar nichts gehört. Die haben mir das dann
       vorgespielt. Es ging in etwa so, dass wir Omas in Asylheime gehen sollen
       und dort unseren Körper – er hat das sehr eklig und konkret gesagt –,
       unsere Löcher zur Verfügung stellen sollten, damit Geflüchtete mit uns Sex
       hätten, statt andere Menschen zu vergewaltigen. Darüber war ich einfach
       fassungslos. Halle gegen rechts hat mich dann gefragt, ob ich im Rahmen der
       Kampagne Anzeige erstatten möchte – und das habe ich gemacht. Mit der
       Konsequenz, dass Liebich über seinen Kanal nach mir hat fahnden lassen.
       
       taz: Das heißt, er hat ein Foto von Ihnen online gestellt und dazu
       aufgerufen, Sie ausfindig zu machen? 
       
       Schmidt: Ja. Er hat geschrieben, ich hätte eine falsche Aussage gegen ihn
       gemacht und das wolle er richtigstellen. Daraufhin bin ich eine ganze Weile
       nur noch mit Sonnenbrille, Sonnenhut und hochgebundenen Haaren
       herumgelaufen. Die Polizei hat mir geraten, mein Namensschild zu Hause zu
       überkleben und meine Adresse im Melderegister sperren zu lassen.
       
       taz : Jetzt ist Liebich verurteilt, nach seiner Flucht in Tschechien
       gefasst und [3][inzwischen wieder nach Deutschland ausgeliefert worden].
       Sind Sie stolz, dass Sie mit dazu beigetragen haben? 
       
       Schmidt: Ja, ein bisschen schon.
       
       taz: Wie kamen Sie dazu, sich überhaupt bei den Omas zu engagieren? 
       
       Schmidt: Ich habe die hier in Halle 2019 sogar gegründet. Es gab eine Demo
       gegen die AfD und da lief eine Frau mit einem „Omas gegen rechts“-Schild
       herum. Das fand ich toll. Ich bin sofort hingegangen, habe sie ausgefragt
       und erfahren, dass sie mit anderen Omas aus Berlin kam – die haben uns dann
       auch beim Aufbau einer eigenen Gruppe unterstützt.
       
       taz: Auf Demos gegen rechts waren Sie aber auch schon vorher. 
       
       Schmidt: Ja, ich war schon immer auf Demos. Und ich glaube, ich war damals
       mit 16 Jahren die jüngste Juso-Frau in Bayern.
       
       taz: Wie kommt man von Bayern nach Halle? 
       
       Schmidt: Meine Tochter hat hier studiert und ist hier kleben geblieben. Als
       ihr erstes Kind kam, habe ich beschlossen, nach Halle zu ziehen.
       
       taz: Bereuen Sie das heute? 
       
       Schmidt: Nein, aber ich muss ganz ehrlich sagen, wir haben uns gerade erst
       darüber unterhalten, was wir machen, wenn die AfD hier wirklich ans Ruder
       kommt. Ob wir dann alle weggehen. Das macht schon Schiss, wenn man nicht
       weiß, was auf einen zukommt. Und wenn man dann auch noch öffentliche
       Drohungen mitbekommt.
       
       taz: Sie meinen Höckes Post bei X, nachdem die Staatsanwaltschaft die
       Ermittlungen in Ihrem Fall eingestellt hat? Da nannte er den Staatsanwalt
       mit Namen und schrieb von Justizskandalen, die „aufgearbeitet werden
       müssen, wenn unser Land wieder souverän ist. Es könnte bald so weit sein“. 
       
       Schmidt: Der muss so siegessicher sein, dass er sich traut, so was zu
       schreiben. Das ist unglaublich.
       
       taz: Und das ist auch der Hintergrund, warum Sie hier in der Zeitung nicht
       mit Ihrem richtigen Namen genannt werden wollen? 
       
       Schmidt: Ja. Wir geraten immer mehr in den Fokus der AfD. Ganz geheuer ist
       mir das nicht.
       
       taz: Würden Sie dennoch wieder mit dem Schild zu einer Anti-AfD-Demo gehen? 
       
       Schmidt: Ich denke schon. Wobei es jetzt ein neues Schild vom Bündnis
       „Aufstehen gegen Rassismus“ gibt, auf dem steht: Höcke ist immer noch ein
       Nazi. Das finde ich noch schöner.
       
       30 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /AfD-Parteitag-in-Sachsen-Anhalt/!6169128
 (DIR) [2] /Urteil-gegen-AfD-Politiker/!6009855
 (DIR) [3] /Neonazi-Flucht-gescheitert/!6196268
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johanna Treblin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Omas gegen Rechts
 (DIR) Polizei
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Meinungsfreiheit
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Zivilgesellschaft
 (DIR) Reichsbürger
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Protest gegen die AfD: „Wir haben kein Vertrauen in eine vermeintliche Brandmauer“
       
       Am Freitag startet die AfD ihren Wahlkampf für Marzahn-Hellersdorf. Antifas
       halten mit einem Konzert dagegen – und sagen auch SPD und CDU den Kampf an.
       
 (DIR) Antifaschismus in Mecklenburg-Vorpommern: Cool bleiben
       
       Michael Steiger leitet den Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern. Der
       Greifswalder kämpft vor Ort seit drei Jahrzehnten gegen Rechtsextremismus.
       
 (DIR) Reichsbürger-Prozess in Frankfurt: Der Hellseher war schuld an den Umsturzplänen
       
       Wegen Putschplänen steht ein Ex-KSK-Soldat vor Gericht. Er schiebt die
       Schuld auf Mitangeklagte, belastet sich dabei aber unfreiwillig selbst.