# taz.de -- Menschen ohne Krankenversicherung: Notfallfonds kann Behandlungen nicht mehr bezahlen
> Die Hamburger Clearingstelle für Ausländer:innen ohne
> Krankenversicherung kann ihre Arbeit nicht fortsetzen. Nötige Mittel
> wurden nicht bewilligt.
(IMG) Bild: Chronisch unterfinanzierte Versorgung: Während die Fallzahlen seit 2012 steigen, wurde das Budget nie dauerhaft angepasst
Ausländer:innen ohne Krankenversicherung erhalten seit Mitte Mai in
Hamburg auch in akuten medizinischen Notlagen [1][keine Kostenübernahme
mehr für notwendige Behandlungen]. Benötigte Mittel für den Notfallfonds
der städtisch geförderten Clearingstelle wurden nicht bewilligt. Damit
fehlen diese Gelder für das restliche Jahr. Das teilt das Medinetz mit, ein
Zusammenschluss medizinischer Einrichtungen und Beratungsstellen, der
Menschen ohne Versicherung medizinisch versorgt und sozial begleitet.
„Wir sind fassungslos, dass der Senat seinen Sparkurs auf Kosten der
Kranken und Armen durchzieht“, sagt Marian Laue, stellvertretende
Koordination beim Medinetz. „Und ärgern uns, dass dabei mal wieder nicht
die Folgekosten bedacht werden – besonders für die Betroffenen, aber auch
für Krankenhäuser, die dadurch vermeidbare medizinische Notfälle auffangen
müssen.“
Die Clearingstelle, [2][angesiedelt im Hamburger Flüchtlingszentrum], gilt
seit ihrer Einrichtung durch die Bürgerschaft im Jahr 2012 als
Vorzeigemodell. Sie soll Menschen ohne Versicherungsschutz in das reguläre
Gesundheitssystem vermitteln oder – falls das nicht möglich ist – durch
einen städtischen Notfallfonds die Kosten für akute Behandlungen decken.
Vor allem Geflüchtete und obdachlose Menschen nutzen das Angebot.
## Chronisch unterfinanzierter Notfallfonds
Bevor der Fonds einspringt, durchlaufen Hilfesuchende ein strenges
Verfahren: Die Clearingstelle prüft, ob für die Betroffenen ein Anspruch
auf eine reguläre Krankenversicherung besteht oder ob andere Kostenträger
einspringen müssen.
Erst dann kann der Notfallfonds als letzte Instanz die Kosten für eine
medizinisch notwendige Behandlung übernehmen. Öffentliche Gelder werden
also nur dann genutzt, wenn es keine andere legale Möglichkeit gibt. Im
Jahr 2024 erhielten [3][laut dem Evaluationsbericht der Clearingstelle] von
781 Klient:innen 678 eine Förderzusage. Insgesamt wurden rund 718.000
Euro Behandlungs- und Rezeptkosten bezahlt.
Dabei ist das Modell chronisch unterfinanziert: Während die Fallzahlen seit
2012 von 284 auf mehr als 2.300 Beratungen im Jahr 2024 deutlich gestiegen
sind, wurde das Budget nie dauerhaft angepasst, obwohl der Senat [4][im
aktuellen Koalitionsvertrag] das Ziel bekräftigt hat, die Clearingstelle
„weiterhin bedarfsgerecht“ auszustatten.
In den vergangenen Jahren wurde immer nachgesteuert: Statt das Budget von
vornherein an den steigenden Bedarf anzupassen, wurden Mittel meist erst
freigegeben, wenn der Fonds signalisierte, dass die Deckung für laufende
Behandlungen nicht mehr ausreichte.
## Potenziell tödliche Folgen
Doch in diesem Jahr wurde diese Praxis de facto beendet. Zunächst wurden
500.000 Euro aus dem Haushalt bereitgestellt. Von der benötigten
Aufstockung um weitere 500.000 Euro wurde im Mai jedoch nur rund ein
Fünftel bewilligt. Das reiche laut Medinetz gerade aus, um bereits
entstandene Schulden zu begleichen. Für neue Behandlungsfälle sei der Topf
nun faktisch leer.
Der Internist Matthias Plieninger, Mitglied im Medinetz, warnt vor den
gesundheitlichen Konsequenzen: „Ohne diese wichtige Anlaufstelle werden
viele Menschen nicht mehr behandelt.“ Krankheiten könnten sich dann
verschlimmern und Betroffene schwerstkrank die Notaufnahmen von
Krankenhäusern aufsuchen. „Das wird dann oft zu spät sein.“ In vielen
Fällen wie bei unbehandelten Infektionen könne dies potenziell tödliche
Folgen haben.
Das Medinetz fordert die Stadt dazu auf, die Zusagen aus dem
Koalitionsvertrag einzuhalten, die Mittel kurzfristig bereitzustellen und
langfristig eine bedarfsgerechte Finanzierung zu sichern.
Der Senat jedoch betont in seiner Antwort auf eine Anfrage der
Linken-Abgeordneten Carola Ensslen von Anfang Juni zur Situation der
Clearingsstelle, dass es sich um ein „freiwilliges Angebot“ handle. Er
verweist darauf, dass die Bereitstellung der Mittel „stets unter dem
Vorbehalt der haushaltsrechtlichen Genehmigung“ stehe.
„Aus Sicht der für Soziales zuständigen Behörde sind bei der weiteren
Ausgestaltung des Notfallfonds die aktuellen haushaltswirtschaftlichen
Rahmenbedingungen zu berücksichtigen“, schreibt der Senat. „Im Übrigen sind
die diesbezüglichen Überlegungen noch nicht abgeschlossen.“
Clearingstellen und Medinetze gibt es auch in den anderen Nordländern. In
Bremen betreibt der [5][Verein zur Förderung der gesundheitlichen und
medizinischen Versorgung von nichtversicherten und papierlosen Menschen]
eine Clearingstelle und organisiert ein System mit Behandlungsscheinen für
ambulante und stationäre Leistungen.
In Hannover wird die [6][Clearingstelle Gesundheitsversorgung] als zentrale
Anlaufstelle gemeinsam vom Diakonischen Werk und dem Caritasverband
betrieben. In Schleswig-Holstein sind es oft regionale Initiativen wie etwa
die Medibüros [7][in Kiel] oder [8][in Lübeck].
24 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gesundheitsversorgung-fuer-alle/!6029733
(DIR) [2] https://www.fz-hh.de/de/projekte/clearingstelle_mv.php
(DIR) [3] https://www.fz-hh.de/Evaluationsbericht_2024.pdf
(DIR) [4] https://www.spd-hamburg.de/fileadmin-hamburg/user_upload/Koalitionsvertrag_2025_final.pdf
(DIR) [5] https://www.mvp-bremen.de/
(DIR) [6] https://diakonisches-werk-hannover.de/hilfe-finden/gesundheit-fuer-alle-clearingstelle-fuer-gesundheitsversorgung-in-hannover/
(DIR) [7] https://www.medibuero-kiel.de/
(DIR) [8] https://www.medibuero-luebeck.de/
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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