# taz.de -- Performance-Festival „Never Work“: Die destruktive Kraft von Heldenerzählungen
> In den Berliner Sophiensaelen läuft das Performance-Festival „Never
> Work“. Es illustriert die Suche nach der richtigen Erzählung für das
> eigene Leben.
(IMG) Bild: Beim brasiliansichen Kollektiv MEXA geht es auch um Überwachung und ständige Sichtbarkeit beim Job
Das Publikum im Ballsaal der Sophiensaele klatscht und tanzt am Ende der
Aufführung „Reality Show“, während die Performer*innen des
brasilianischen Künstlerkollektivs MEXA längst wieder ihre
Ausgangspositionen auf der Bühne eingenommen haben. Für sie scheint die
Arbeit noch nicht zu Ende. Zwei Stunden lang haben sie Geschichten erzählt,
Tränen produziert, sich bewerten lassen und schließlich selbst das Publikum
bewertet. Wer performt hier eigentlich für wen? Diese Frage bleibt auch
nach dem Schlussapplaus offen.
„Never Work“ heißt das internationale Performancefestival, das vergangenes
Wochenende in den Sophiensaelen eröffnet wurde. Ein ironischer Titel in
einer Zeit, in der Politiker wieder mehr [1][Leistungsbereitschaft]
einfordern und die Debatte über Arbeit vor allem um Produktivität kreist.
Die Arbeiten des Eröffnungswochenendes interessieren sich jedoch kaum für
den klassischen Arbeitsalltag zwischen Büro, Meetings und Dienstplänen.
Stattdessen richteten sie den Blick auf jene Arbeit, die keinen Feierabend
kennt: das Ringen um die richtige Erzählung über das eigene Leben. Die
Künstler*innen zeigen Menschen, die sich an Geschichten über Erfolg,
[2][Authentizität], Heldentum und Selbstverwirklichung abarbeiten und ihnen
dennoch nie ganz entkommen.
## Hilfsbereitschaft läuft ins Leere
Besonders deutlich wird das bei MEXA. Das Kollektiv entstand in einer
Unterkunft für wohnungslose Menschen in São Paulo, wo sie in einem ständig
von Kameras überwachten Gemeinschaftsraum lebten. Diese Erfahrung bildet
den Hintergrund für „Reality Show“, eine kluge Untersuchung der Mechanismen
öffentlicher Sichtbarkeit: Die Performer*innen treten in
Talentwettbewerben an, stehlen einander ihre Opfergeschichten, weinen auf
Kommando und sitzen abwechselnd auf dem Beichtstuhl. Wer die vierte Wand
ignoriert, wird mit weniger „Screentime“ bestraft. Es gelten die Regeln von
[3][Reality TV] und sozialen Medien, Authentizität wird zur Ressource, die
sich bewerten, verkaufen und konsumieren lässt.
Am Ende der Aufführung soll das Publikum eine Performerin auffangen, die
sich in drei Minuten rückwärts von einem Baugerüst stürzen will. Ein großer
Teil der Besucher*innen stürmt bereitwillig auf die Bühne, bildet eine
Kette aus Armen. Vergebens: Die Performerin wählt den sicheren Abstieg über
die Leiter. Die potenzielle Heldenerzählung des Publikums läuft ins Leere,
gefeiert wird trotzdem.
Während MEXA die Logik der ständigen Sichtbarkeit untersucht, widmet sich
die Künstlerin Liina Magnea den großen kulturellen Erzählungen. Ihre
Performance „What’s a Mob to a King (Plot-Twist Redemption)“, gezeigt im
Hochzeitssaal der Sophiensaele, springt zwischen Pablo Picasso,
Hip-Hop-Ästhetik, Soldatenmythen und Kinofantasien hin und her.
Es geht um Geschichten, die dem Leben Sinn verleihen sollen und dabei
schnell zu Ideologien werden. Der Mythos des männlichen Künstlergenies
gehört ebenso dazu wie die Vorstellung vom Soldaten als Helden. Doch Magnea
interessiert sich weniger für die Erzählungen selbst als vielmehr für ihre
zerstörerische Anziehungskraft, der sich ihre Figuren auch physisch nicht
entziehen können. Immer wirken sie [4][fremdgesteuert], zappeln,
marschieren oder schreien aus vollem Hals. Für Zwischentöne gibt es hier
keinen Ort mehr.
Bei Abhishek Thapar verschwinden wiederum die Menschen hinter den großen
Erzählungen. Seine Installation „Soft Pressure (Working Title)“ lädt
jeweils eine Person ein, sich auf eine Massageliege zu legen und die
Geschichte eines Migranten anzuhören, der in Berlin als Masseur arbeitet.
Während die eine Person entspannt, arbeitet die andere, unsichtbar. Die
Installation legt diesen Widerspruch behutsam offen, bleibt dabei aber zu
sanft, um ihm wirklich nahe zu kommen.
## Postkarten von der Bundeswehr
Den stärksten Moment des Wochenendes liefert Laurie Young mit ihrer „After
Work Tour“. Die Tänzerin führt durch die Geschichte der Sophiensaele und
verbindet sie mit Briefen an die Anarchistin, Friedensaktivistin und
Feministin Milly Witkop. Dabei wird deutlich, wie wenig die politischen
Kämpfe von damals vorbei sind.
Einmal muss Young kurz innehalten, um sich wieder zu fassen. Sie erzählt
von Postkarten, mit denen die Bundeswehr Freunde ihres Sohnes anwerben
will. Diese Vorstellung nimmt sie sichtlich mit. Für einen Augenblick tritt
hinter der Inszenierung etwas anderes hervor: die Sorge einer Mutter.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieses Festivalauftakts. Die
Performances, Installationen und Aufführungen zeigen Menschen, die
unablässig an ihrer eigenen Geschichte arbeiten. Doch die eindringlichsten
Momente entstehen dort, wo diese Arbeit ins Stocken gerät.
16 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Verena Harzer
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