# taz.de -- Performancekünstlerin über Gärten: „Zurück in den Überlebensmodus“
> Azade Shahmiri hat sich für ihre filmische Performance mit Gärten
> beschäftigt, besonders in Iran. Sie versteht sie als Orte von Macht,
> Erinnerung und Protest.
(IMG) Bild: Wo es einst Kunst, Widerstand und Protest gab, stehen heute Botschaften autokratischer Staaten
Während des Interviews möchte Azade Shahmiri den Ton ihres Mobiltelefons
für den ersehnten Fall, Nachrichten aus Iran zu erhalten, anlassen: „Es
gelingt mir nicht, auch nur eine Minute nicht daran zu denken, wie es ihnen
geht.“ Das Gespräch wurde vor dem Waffenruheplan geführt.
taz: Frau Shahmiri, Sie haben sich in den letzten Jahren viel mit
[1][Gärten] beschäftigt, wie kam das Thema auf Ihren Weg?
Azade Shahmiri: Gärten sind sehr präsent in Iran: in Kunst und Literatur,
als lebendes Kulturerbe sowie auch als Orte, die wegen der Wasserknappheit
gefährdet sind. Bevor Teheran zur Hauptstadt wurde, waren zwei Drittel der
Fläche Gärten. Spuren aus dieser Zeit sieht man fast überall – das ist
nicht übertrieben.
taz: Nicht umsonst ist der Persische Garten gartengeschichtlich ein
feststehender Begriff.
Shahmiri: Dieses Modell hat sich bis nach Indien und Nordafrika verbreitet
sowie europäische Gärten inspiriert. Der Pasargadae-Garten aus dem sechsten
vorchristlichen Jahrhundert gilt als eines der ältesten und
einflussreichsten Beispiele für Gartenarchitektur in der Welt.
taz: Der europäische Barockgarten wäre ohne ihn nicht vorstellbar – was
auch direkt darauf hindeutet, dass er durch die repräsentative Beherrschung
der Natur für Macht und Ordnung steht.
Shahmiri: Obwohl der Begriff des Persischen Gartens sich auf ein Modell der
Repräsentation bezieht, auf ein höfisches Modell, würde ich doch nicht
sagen, dass sich darin in erster Linie die Herrschaft über die [2][Natur
ausdrückt.] Vielleicht sprechen wir eher davon, die [3][Natur so zu
kuratieren], dass sie den Menschen dient.
taz: Was vielleicht überhaupt eine Definition von Garten wäre! Gibt es in
Iran, ähnlich wie in Europa, auch eine Entwicklung der Gartenmodelle, zum
Beispiel vom repräsentativen Park hin zum Landschaftspark, der versucht,
Naturnähe herzustellen?
Shahmiri: Auf Farsi verwenden wir das Wort bagh, sehr weitgefächert. Es
kann der private Blumen- und Obstgarten, aber auch ein öffentlicher Garten
sein. Wobei solche, die nach europäischem Vorbild für die Bevölkerung
geöffnet oder gestaltet wurden, meist auch „Parks“ heißen. Bei meiner
Recherche ging es mir jedoch weniger um klassische Gartengeschichte als
vielmehr darum, die gesellschaftliche Teilhabe von Gärten zu thematisieren.
Sehr viele Gärten, die ehemals zu aristokratischen Anwesen gehörten,
beherbergen heute Friedhöfe, Universitäten, Botschaften, Gefängnisse,
Kinos, Theater oder Krankenhäuser …
taz: Traditionell wird der Persische Garten von einer Mauer umgeben. Hat
dieses Element für Ihre Recherchen Bedeutung?
Shahmiri: Es ist zunächst etymologisch interessant, da sich das Wort
„Paradies“ aus dem Prinzip des ummauerten Gartens entwickelt hat und später
zum Bild des Himmels auf Erden wurde. Aber ob wir jetzt vom klassischen
Modell des ummauerten Gartens ausgehen oder nicht: Ein Garten ist ein Ort,
der sich durch eine Grenze definiert. Dadurch ist er ein Ort der
Geborgenheit und Verborgenheit zugleich. Ereignisse können dort vor der
Öffentlichkeit abgeschirmt bleiben. Hinrichtungen genauso wie
Widerstandsbewegungen, politische Morde und das Entstehen neuer politischer
Motive.
taz: Zum Beispiel?
Shahmiri: Die erste Theateraufführung von Frauen in einem Privatgarten. Das
war 1910, das Stück hieß „Adam und Eva“ und wurde gespielt von
Frauenrechtlerinnen aus gehobenen Verhältnissen. Der Zugang erfolgte durch
Einladung nur von Frauen, und der Erlös kam komplett der Bildung von Frauen
zugute.
taz: Gibt es den Garten noch?
Shahmiri: Auf seinem Gebiet steht heute die russische Botschaft. Generell
sind all jene Botschaften, die für langjährige diplomatische Beziehungen
mit Iran stehen, auf Gartengrundstücken entstanden: die britische, die
deutsche, die französische, die italienische und auch die türkische
Botschaft. Es gehört also zum repräsentativen Image, nicht nur eine
Botschaft, sondern auch einen Garten zu besitzen – was dessen Stellenwert
im Gastland widerspiegelt.
taz: Spielen Gärten auch in der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung, die nach
dem Tod von Jina Mahsa Amini entstand, eine Rolle?
Shahmiri: Nicht direkt. Jedoch sind viele Unis, die auf oder in dem Terrain
einstiger Gärten entstanden, zu Zentren mutiger Proteste geworden, zum
Beispiel die Universität Teheran und die Universität der Künste. Ebenso
erhalten Friedhöfe nun symbolische Funktionen, wenn Ermordete dort begraben
werden und die Beerdigungen die gemeinsame Trauer und Solidarität sichtbar
machen. In vielen iranischen Städten werden auch Friedhöfe „Gärten“
genannt.
taz: Sie haben zuvor gesagt, dass es auch Gefängnisse auf dem Terrain
ehemaliger Gärten gibt?
Shahmiri: Gleich mehrere Gefängnisse in Teheran sind auf ehemaligen Gärten
gebaut. So das berüchtigte [4][Evin-Gefängnis] oder das Qasr-Gefängnis, das
älteste der Stadt, wo heute wiederum ein Gartenmuseum untergebracht ist.
Auch der Ort, an dem ab 1953 der damalige iranische Premier Mohammad
Mossadegh gefangen gehalten wurde, nachdem die Briten und Amerikaner einen
Coup gegen ihn unterstützt hatten, befindet sich auf einem Terrain alter
Gärten, das teilweise in militärisches Sperrgebiet umgewandelt wurde. Im
Hintergrund von Fotos des Gefangenen sind daher Pflanzen zu sehen. Zuletzt
nun wurde das Gebiet durch israelische und amerikanische Luftangriffe
getroffen.
taz: Der demokratisch legitimierte Mossadegh verstaatlichte damals die
Ölindustrie, was vor allem den Briten, die erhebliche Anteile daran
hielten, nicht passte. Der Coup gilt als zentrales geschichtliches Moment.
Verwundert es Sie, dass derzeit so wenig darauf reflektiert wird?
Shahmiri: Aus inzwischen freigegebenen Dokumenten geht deutlich hervor,
dass die Briten und Amerikaner damals fürchteten, ihre kolonialen und
imperialen Interessen unter Mossadegh nicht mehr durchsetzen zu können. Es
scheint jedoch wenig überraschend, dass sich der Westen weigert, die
Zerstörung, die er in Iran, und nicht nur dort, angerichtet hat, zu
reflektieren. Meines Erachtens nach wird viel zu wenig anerkannt, welche
Bedeutung der damalige Coup und die darauf folgende massive Verfolgung von
Intellektuellen und Aktivist:innen für die Revolution von 1979 hatte.
taz: Um eine Gartenmetapher zu bedienen: Sehen Sie eine Chance, dass nach
dem Krieg die Saat demokratischer Bestrebungen aufgehen kann?
Shahmiri: Ich denke, das leere Versprechen, dem Volk die Demokratie
näherzubringen, ist nichts als eine verlogene Legitimation für den Krieg,
die die öffentliche Meinung manipulieren soll. Der Krieg stellt eine
Kontinuität imperialer Machtansprüche dar und wird Iran um Jahrzehnte
zurückwerfen. Die Auswirkungen auf die Graswurzel-Akivismusbewegung werden
fatal sein.
Es hat Jahrzehnte an Mut und Opfer gekostet, die Proteste der letzten Jahre
zu wagen! Nun aber wird die Zivilgesellschaft zerdrückt zwischen den
repressiven Kräften von innen und außen. Nach dem Krieg wird sie
wahrscheinlich in einen Überlebensmodus zurückfallen und kaum die Kraft
haben, für Demokratie oder Frauenrechte zu kämpfen. Dennoch denke ich, dass
sie ihre Forderungen und ihren Widerstand nicht aufgeben wird.
taz: Die Utopie des Gartens als eines Himmels auf Erden, ist da für Sie
etwas dran, haben Gärten einen utopischen Wert?
Shahmiri: Aus einer posthumanistischen und politischen Perspektive
gesprochen denke ich, dass sie ein Modell der Zusammenarbeit zwischen
menschlichen und nicht menschlichen Wesen ermöglichen, also einer Art
Zusammenarbeit, die [5][für unsere Erde] im weiteren Sinn überlebenswichtig
ist. Krieg ist in jeder Hinsicht das Gegenteil davon, und sowohl die
humanitären als die ökologischen Folgen sind verheerend. Daher hoffe ich
sehr, dass wir es schaffen, so viele Gärten als möglich zu erhalten und von
ihnen zu lernen. Aber das scheint wirklich eine Utopie zu sein, denn
zurzeit wünsche ich nur, dass diese Düsternis, in der wir uns befinden,
sich lichtet.
Premiere von Azade Shahmiris Performance ist am 17. 4. in Berlin. Infos:
[6][sophiensaele.com]
10 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://sophiensaele.com/de/stueck/you-and-i-have-seen-the-garden-from-that-cold-sullen-crack
(DIR) [2] /Nature-Writing-Festival-in-Hamburg/!6092824
(DIR) [3] /Verleger-ueber-Nature-Writing-/!6091346
(DIR) [4] /Recherche-zu-New-York-Times/!6109387
(DIR) [5] /Klimakrise-in-der-Literatur/!6118509
(DIR) [6] https://www.berlin-buehnen.de/de/spielplan/azade-shahmiri-you-and-i-have-seen-the-garden-from-that-cold-sullen-crack/events/363466/
## AUTOREN
(DIR) Astrid Kaminski
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