# taz.de -- 30 Jahre Tanztage Berlin: Alles aus Liebe
       
       > Seit 30 Jahren präsentiert sich bei den Tanztagen Berlin der
       > choreografische Nachwuchs. Viele der Produktionen thematisieren den
       > Alltag auf der Bühne.
       
 (IMG) Bild: Schlüpft von einer Unterhaltungsrolle in die andere: Carro Sharkey am Eröffnungsabend in „Did4luv“
       
       In „A Chorus Line“ muss man bis kurz vor Schluss des Stücks auf dessen wohl
       bekanntesten Song warten. Bis einer der angehenden Tänzer:innen, um die es
       in dem 1980er-Jahre-Broadway-Musical geht, unglücklich stürzt und sich so
       böse verletzt, dass seine Karriere jäh vorbei zu sein scheint.
       
       Man könnte „What I did for love“, wenn man den Kontext nicht kennt, für ein
       cheesy Liebeslied halten, gewissermaßen ist es auch eines. Nur richtet sich
       der besungene Abschiedskuss an keine Person, sondern an den Tanz an sich.
       Der Song erzählt von der großen Leidenschaft, der großen Liebe, die Tanz
       für diejenigen bedeutet, die ihn als Beruf ergreifen. Weil man die eben
       auch braucht, um sich dem auszusetzen, was dieser abverlangt.
       
       Am Eröffnungsabend der [1][Tanztage Berlin 2026], dem Festival für
       choreografischen Nachwuchs, das in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag
       feiert, wird „What I did for Love“ gleich zu Beginn des Solos „Did4Luv“ von
       Carro Sharkey (und Dominique McDougal – die beiden teilten sich die Abende
       auf) angespielt.
       
       Sharkey trägt zu diesem Zeitpunkt ein Ganzkörper-Plüschkostüm einer roten,
       kulleraugigen, knollennasigen, dauerlachenden Figur, wie sie in der
       Sesamstraße mitspielen könnte, führt darin allerlei Faxen auf, tanzt,
       breakdanct, klatscht mit dem Publikum ab, winkt, als wäre er/sie Mickey
       Mouse und würde in Disneyland arbeiten, spielt mit einem Schild, auf dem
       „Open 4 Collaborations“ steht.
       
       ## Prekärer Alltag als Performer:in
       
       Später wird sich die Person, die Sharkey verkörpert, aus der Verkleidung
       lösen und weitere Rollen der Unterhaltungsindustrie einnehmen, einen
       Zauberer etwa oder eine Pole-Tänzerin mimen. Sharkey strampelt sich ab,
       bringt zum Lachen und Staunen, was dabei aber immer wieder durchscheint,
       ist die prekäre Realität des Alltags als Performer:in.
       
       Was es bedeutet, auf einer Bühne zu stehen, das zieht sich als Thema durch
       den Abend und auch durch einige der kommenden Produktionen des Festivals,
       das noch bis zum 24. Januar andauert.
       
       Jee Chan hat sich dafür Naniek K. zur Seite geholt, verwandelt gemeinsam
       mit ihr die Bühne in einen Laufsteg. „Ratu“ ist ein Porträt der
       81-Jährigen, die in Indonesien als traditionelle höfische Tänzerin
       arbeitete und 1978 als Model nach Berlin kam. Naniek K. schwingt die
       Hüften, lässt Pose auf Pose auf Pose folgen, gelernt ist gelernt.
       
       Ihre Geschichte, die Wandlungen, die kulturellen Grenzüberschreitungen, die
       sie darin vollzogen hat, bilden die Folie für das Stück, in dem sich die
       beiden gemeinsam enthüllen und verhüllen, gegenseitig in Rollen helfen und
       dabei, aus ihnen auszubrechen. Im Hintergrund sind währenddessen immer
       wieder Fotos aus dem Familienalbum Naniek K.s zu sehen. Zurechtgemacht
       steht sie da zwischen vollgestopften Regalen, unter traditionellen Masken
       oder als brave Hausfrau am Herd.
       
       ## Die Erschöpfung danach
       
       Alvin Collantes schließlich, dritter Perfomer des Auftakts, präsentiert
       sein Drag-Alter-Ego Bibingka. Süß wie der philippinische Reiskuchen, nach
       dem sie benannt ist, unwiderstehlich, mitreißend, sexy. Collantes
       präsentiert aber auch die Erschöpfung, zeigt sich keuchend, schwitzend,
       japsend, abgeschminkt, ohne falsches Haar und hohe Hacken, so überzeugend,
       dass es am Ende Standing Ovations gibt.
       
       [2][Die Tanztage] sind ein Erfolgsprojekt von der Szene für die Szene,
       beliebt von Beginn an auch beim Publikum. Ausverkauft sind die Abende oft,
       am Eröffnungsabend mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden.
       
       Gegründet wurde das Festival in den 1990ern von Barbara Friedrich, um allen
       Choreograph:innen und performativen Künstler:innen eine Plattform zu
       bieten, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen oder neu in der Stadt
       sind.
       
       Entdeckungen kann man da machen, für nicht wenige Künstler:innen ging es
       nach dem Auftritt in den Sophiensaelen richtig los. Einige Produktionen
       gingen international auf Tour, was freilich auch Jee Chan, Carro Sharkey
       und Alvin Collantes zu wünschen ist.
       
       Auszudehnen sind die guten Wünsche leider auch auf die Tanztage selbst, wo
       das Geld, wie so oft im Tanz, notorisch knapp ist. Finanziert werden die
       Taztage aus dem Budget der Sophiensaele, wo sie seit 2001 stattfinden.
       Jährlich 120.000 Euro sind dafür vorgesehen, ein Betrag, der – wie man in
       einer kleinen, empfehlenswerten, von den Sophiensaelen zu diesem Anlass
       herausgegeben [3][Publikation] nachlesen kann – seit 2017 nicht erhöht
       werden konnte.
       
       Für 2026 kamen zusätzliche rund 148.000 Euro aus der spartenoffenen
       Förderung des Berliner Senats hinzu. Einmalig. Für die nächsten 30 Jahre
       eine gefestigte Finanzierung, das wäre doch einmal was.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tanztage-Berlin/!6059875
 (DIR) [2] /Tanztage-in-den-Berliner-Sophienslen/!5979892
 (DIR) [3] https://sophiensaele.com/de/festival/tanztage-sophiensaele-forever
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Beate Scheder
       
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