# taz.de -- Umm Kulthum in Berlin geehrt: Eine Stimme, die Grenzen überwindet
> Im arabischen Raum, aber auch in Israel ist die Sängerin Umm Kulthum
> berühmt. Ihre Musik öffnet einen Kulturraum, der bis nach Neukölln
> reicht.
(IMG) Bild: Ihre virtuos ornamentierte Gesangstechnik zeichnete Umm Kulthum aus
Wenn die große ägyptische Sängerin [1][Umm Kulthum] zu einem Lied ansetzt,
dann kann das schon mal eine Dreiviertelstunde lang sein. Sie beginnt
möglicherweise bei der Sehnsucht nach einer großen Liebe und erkundet dann
jede Richtung, jede Verästelung in die das Durchleben von Trennungsschmerz
und Trost sie trägt. „Wie kann ich die Erinnerung an die Liebe loslassen,
wenn es doch die Erinnerung ist, die mein Leben prägt?“, singt sie. Dabei
hilft es sicherlich, den arabischen Text zu verstehen. Doch das Schwere,
das Süße und das Leichte lassen sich auch ohne Sprachkenntnisse in ihrer
Musik miterleben.
Der Musik von Umm Kulthum widmet sich die Neuköllner Oper, ein kleines
freies Musiktheater, das rund um Oper, Revue, Musical oder Soap eine
Alternative zur großen klassischen Oper sein will. In dem Stück „Tarab“
singen drei Sängerinnen in verschiedenen Lebens- und Altersphasen eine von
Nesrine Belmokh für das Stück neu komponierte Collage aus Liedern von
Kulthum. „Tarab“ bedeutet übersetzt aus dem Arabischen einen Zustand von
Verzückung und körperlicher Entrücktheit durch Musik – diese Entrücktheit
bringt das Theater eher als meditative Erkundung auf die Bühne, die sich
vor allem auf Gesten und Symbole und eben auf die Musik verlässt.
Umm Kulthum, 1904 geboren, war die Tochter eines Imams, der als
Koranrezitatator bei religiösen Feiern auftrat, um sein Gehalt
aufzubessern. Seine Tochter, so heißt es, imitierte ihn schon als Kind. Der
Vater nahm sie daraufhin mit, und sie durfte mit ihrem Bruder mit
auftreten. Sie nahm Gesangsunterricht und ging nach Kairo, wurde erst dort
und nach Auftritten in Bagdad, Damaskus, Beirut und Tripolis auch
international als Sängerin berühmt.
Der Vergleich, dass sie in der arabischen Welt „so berühmt wie im Westen
die Beatles“ sei, ist ein Versuch, ihren Einfluss zu vermitteln.
Autor*innen berichten davon, wie in den Abendstunden ihre Lieder aus den
Taxis oder Straßencafés zu hören sind, und zwar unterschiedslos von Marokko
bis in die Golfstaaten.
Diese Lieder handeln aber auch von Nationalstolz und Widerstand. Mit der
Revolution 1952 in Ägypten kam Gamal Abdel Nasser an die Macht, ein
Verfechter des Panarabismus. Die Musik von Kulthum, die Nasser unterstütze,
förderte ein übergreifendes panarabisches Bewusstsein. Sie sprach sich
politisch für die arabischen Nationalbewegungen der 1950er und 1960er Jahre
aus und sang etwa bei Konzerten zur Unterstützung des ägyptischen Militärs.
Doch populär war und ist sie auch in Israel. Vor allem unter den Mizrachim,
also israelischen Jüdinnen und Juden aus Nordafrika, dem mittleren Osten
und Zentralasien, die von dort vielfach im Zuge der Nationalbewegungen
vertrieben wurden. Sie brachten auch ihre Erinnerungen und Lieblingslieder
mit nach Israel.
Der israelisch-niederländische Regisseur von „Tarab“, Sjaron Minailo,
erzählte [2][in einem Interview mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg], seine
Großmutter habe jede Woche ägyptische Filme im Fernsehen gesehen, teils mit
Kulthums Musik unterlegt. Der Islam sei zwar die dominante Religion in der
arabischen Welt, aber es gebe mit Judentum, Christentum, mit der Kultur von
Drusen und Beduinen so viel mehr. Und dass Umm Kulthum diese Kulturen und
Religionen vereine.
So gesehen macht Kulthums Musik einen Kulturraum auf. Und dieser
Kulturraum reicht bis nach Neukölln. In der Sonnenallee, der „arabischen
Straße“ Berlins, trägt ein Café ihren Namen. Die Neuköllner Oper öffnet am
kommenden Wochenende ihre Türen nach draußen, räumt Teppiche, Gartenstühle
und Tische in den Innenhof. Und sie fragt: „Wo ist Umm Kulthum?“
Passant*innen, Anwohner*innen und Gäste sind aufgerufen, ihre
Kassetten, Schallplatten, CDs oder andere Dinge mitzubringen, die sie an
Umm Kulthum erinnern, und zu erzählen, was sie mit der Sängerin und ihrer
Musik verbinden. Denn, da sind sie sich bei der Neuköllner Oper sicher: Umm
Kulthum ist auch hier.
3 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Aegyptens-Superstar-Umm-Kulthum/!6132267
(DIR) [2] https://www.rbb-online.de/rbbkultur-magazin/archiv/20260606_1830/oper-neukoelln-berlin-hommage-umm-kulthum-musikerin-belmokh-regisseur-minailo-programm-tarab.html
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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