# taz.de -- Tag der offenen Tür im Hamburger Bahnhof: Was für ein großer Spaß die Kunst doch ist
       
       > Es war ein stetes Aufbauen und Niederreißen. Beim Tag der offenen Tür
       > präsentiert sich das Berliner Museum für die Kunst der Gegenwart als
       > Spielplatz.
       
 (IMG) Bild: Der Hamburger Bahnhof, bestens bespielt bei den Tagen der offenen Tür
       
       Wer Freude am Schlangestehen hat, kommt hier mal voll auf seine Kosten.
       Kaum ist der Hamburger Bahnhof geöffnet, reihen sich die Menschen schon
       überall auf: an der Garderobe, bei der Anmeldung zu Führungen und später
       auch an der Essensausgabe und vor den Toiletten. Wie das halt so ist, wenn
       eine beliebte Kulturinstitution wie der Hamburger Bahnhof an einem
       Wochenende die Türen noch einmal etwas weiter aufreißt mit einem
       verheißungsvollen „Eintritt frei“.
       
       Überall herrscht also Gedränge. Nur ganz hinten im Saal mit [1][den
       Arbeiten von Joseph Beuys], der mit seinen riesigen Installationen mit den
       vielen vollgeschriebenen Schultafeln und den Basaltstelen doch die
       Trumpfkarte des Museums ist, ist es wunderbar leer.
       
       Aber das ist nur ein Versehen. Denn natürlich machen sich etliche
       zielstrebig auf den Weg. Und stehen dann irritiert und unentschlossen vor
       der Tür. Weil so ein Museum jedoch Autorität ausstrahlt, traut sich
       niemand, das Absperrband vor dem Raum beiseitezuschaffen, das hier noch gut
       eine Viertelstunde nach Öffnung des Hauses den Weg zu Beuys verhindert. Das
       erledigt dann die herbeigerufene Aufsicht – und schnell ist es auch hier
       vorbei mit stiller und ungestörter Kontemplation mit der ewigen Frage: „Was
       hat sich der Künstler dabei wohl gedacht?“
       
       Was es mit der Kunst alles auf sich haben kann, ist aber den allermeisten
       in der großen Halle nebenan vollkommen egal. Sie geben sich ihr einfach
       hin. Und spielen. Denn das schlagendste Argument an diesem zwischen Sonne
       und Schauern schwankenden Sonntag neben dem „Mal gucken“ und „Eintritt
       frei“ ist allemal die raumgreifende Installation der litauischen Künstlerin
       Lina Lapelytė, „We Make Years Out of Hours“.
       
       Schon für sich mit den Abertausenden Holzklötzchen ist sie imposant
       anzusehen. Aber bis Sonntag hat es sich wohl bis zum letzten Kinderwagen
       durchgesprochen, dass man es hier mit dem schönsten Indoorspielplatz der
       Stadt zu tun hat. Weil das Publikum mit den Klötzchen tatsächlich spielen
       durfte.
       
       ## Ein großes Gewusel
       
       Hinter den geparkten Kinderwägen sorgt das für ein großes Gewusel. Überall
       setzen Kinder Klötzchen aufeinander. Wände werden hochgezogen, Türme
       aufgetürmt, und wenn der Vater die Bauleitung übernimmt, werden die nochmal
       ein Stückchen höher, bis das Aufsichtspersonal mit sanften Fingerzeigen
       dafür sorgt, dass hier nichts in den Himmel wächst.
       
       Tränen gibt es natürlich auch. Wahrscheinlich weint der kleine Junge eher
       vor Schreck, weil ihn ein Klötzchen eines umfallenden Turmes am Kopf
       getroffen hat. Und nein, das etwa fünfjährige Mädchen trägt daran
       wenigstens keine Schuld. Denn sie tritt ja etliche Meter weiter heftig mit
       dem Fuß gegen eine Klötzchenwand. Das macht sie mit so großem Vergnügen,
       dass ihr ihre etwas ältere Schwester, auch Mut gefasst, gleich bei dieser
       Zerstörungsarbeit hilft. Aufbau. Niederreißen. Der große Spaß.
       
       Zur weiteren Unterhaltung spielt draußen auf dem Hof das Orchester der
       Verkehrsbetriebe, T-Shirts werden bedruckt, Tango wird getanzt, was man
       eben so an einem Tag der offenen Tür zu bieten hat. Und weil sich die Menge
       in den vielen Hallen und Gängen des Hamburger Bahnhofs dann doch ein wenig
       verläuft, kann man ganz gut auch die Kunst gucken.
       
       Etwas schneller als sonst, will es scheinen, geht es vorbei an den
       Kunstwerken, kürzer wird geschaut und schneller entschieden, wo man dann
       doch mal stehen bleibt und das Handy zückt für das Erinnerungsfoto. Hier
       ein Roy Lichtenstein, da [2][eine Tracey Emin], dort die hübsch ornamental
       gefassten „Späti Paintings“ der in Berlin lebenden und in Kanada geborenen
       Künstlerin Elif Saydam, die gerade als neues Schlaglicht mit Geldern des
       Tiemann-Preises für zeitgenössische Malerei [3][für die Sammlung vom
       Hamburger Bahnhof angekauft wurden].
       
       Kurz vor dreizehn Uhr schieben sich dann auch bei der alten Prominenz des
       Hauses die Massen an den Basaltsäulen vorbei durch den Saal. Ein Tag mit
       Beuys und der ganzen anderen Kunst, schon ein prima Wochenendvergnügen.
       
       21 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kinder-fragen-die-taz-antwortet/!6087676
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Tracey_Emin
 (DIR) [3] https://www.kunstforum.de/nachrichten/berlin-hamburger-bahnhof-erhaelt-tiemann-preis-2026/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Mauch
       
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