# taz.de -- Volksabstimmung über Größe der Schweiz: Hass auf die Stadt
       
       > Das antiurbane Ressentiment ist ein ewiges Zentralmotiv rechter
       > Gefühlsbewirtschaftung. Dahinter steckt nichts anderes als Hass auf die
       > Freiheit.
       
 (IMG) Bild: Das Wiener Nachtleben: die Architektur der Großstadt etablierte ihre eigene Schönheit
       
       Die Schweizer stimmen ja immer wieder über die bizarrsten Dinge ab. Und so
       gab es am vergangenen Wochenende wieder einmal eine Volksabstimmung zu
       einem eher originellen Thema, nämlich der [1][sogenannten
       Zehn-Millionen-Initiative]. Beantragt war, dass festgeschrieben würde: Die
       Schweiz darf nicht mehr als zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner
       haben.
       
       Raffiniert: Damit kann man gegen „die Ausländer“ mobil machen, ohne
       „Ausländer“ zu erwähnen. Botschaft: Wir sind einfach zu viele, und wir
       ziehen eine Grenze ein, ab der darf niemand mehr dazu, egal wer. Die Idee
       hat natürlich ein paar praktische Schwächen. Etwa: Wenn ein Schweizer einen
       Job im Ausland annimmt, die Schweiz aber dann die Zehn-Millionen-Marke
       reißt – darf der dann nicht mehr zurück? Muss er sich anstellen, bis jemand
       stirbt?
       
       Oder: Was tut man, wenn das Zehn-Millionen-Limit erreicht wird, aber ein
       Baby geboren wird, das dann der 10.000.001ste Einwohner wird? Muss das Baby
       dann abgeschoben werden? 54,8 Prozent der Schweizer haben den Unsinn
       abgelehnt. Was auch heißt: [2][Nicht wenige haben für den weltfremden Plan
       gestimmt].
       
       Getrommelt wurde natürlich nicht nur, dass zu viele da sind. Sondern: dass
       zu viele an bestimmten Orten sind. Diese Orte nennt man gewohnheitsmäßig
       „Städte“. In den Städten drängen sich immer mehr Menschen, es entsteht, so
       wurde beklagt, [3][ein „Dichtestress“]. In den Straßen: ein Gewühl. An
       allen Ecken: ein Geremple, was das Aggressionslevel hebt. Wenn Städte
       wachsen, ist die Infrastruktur überfordert: Die Schulen platzen aus den
       Nähten, am Wohnungsmarkt steigt die Konkurrenz. Volle Züge. Überall Dreck.
       Junkies am Bahnhof.
       
       ## Knappe Ressourcen als Propaganda
       
       Gewiss ist das alles nicht völlig absurd. [4][Städte, die beliebt sind und
       daher wachsen], prahlen gerne mit dieser Tatsache. Wien, wo ich lebe, ist
       in den vergangenen 25 Jahren um fast 500.000 Einwohner gewachsen, worauf
       wir gelegentlich mit Stolz hinweisen. Wir sind so toll, dass alle zu uns
       wollen! Ein Freund von mir hat einmal angemerkt, dass das doch für
       diejenigen, die schon da sind, keine positive Nachricht ist, schließlich
       gibt es dann mehr Rangelei um knappe Ressourcen. Was hat die Oma davon,
       wenn die Stadt wächst?
       
       Aber die Debatten über „Dichtestress“ sind meist die oberflächlich
       rationalisierte Erscheinungsform eines sehr alten Motivs: [5][des
       Antiurbanismus, des Hasses auf die Großstadt]. Dieses Motiv zeichnet seit
       jeher die Propaganda der Rechten aller Spielarten aus. Die Stadt ist für
       sie: Sündenpfuhl, in dem sich Ethnien mischen, aber auch die verschiedenen
       Milieus, in der freche Subkulturen ihr Leben so leben, wie sie das möchten.
       Es wird kreuz und quer gefickt, allerlei Perversionen gehuldigt. Im Dunkeln
       der Hinterhöfe gedeihen die Nachtschattengewächse. Kriminalität ballt sich.
       Dekadenz fällt auf fruchtbaren Boden.
       
       In der künstlichen Umwelt mit viel Beton und Asphalt und wenig Wäldern und
       Äckern ist das „Unechte“, das „Gekünstelte“ daheim, während „das Echte“ die
       Scholle des Landlebens braucht. In den Metropolen, [6][da fühlen sich die
       wurzellosen Kosmopoliten daheim] – so die antisemitische Schlagseite. Wenn
       Mister Smith nach Washington geht, dann verlässt er die ehrlichen
       Provinzler und gerät in die üble Welt der Eliten, Betrüger und
       Falschmünzer.
       
       Das antiurbane Ressentiment und die extreme Anti-Stadt-Agitation haben in
       den vergangenen dreißig, vierzig Jahren natürlich auch in rechtsextremen
       Kreisen an Schwung verloren, schon alleine, weil in den vergangenen
       Jahrzehnten der Anteil der Stadtbewohner in Deutschland von rund 50 auf
       fast 80 Prozent gestiegen ist. Da kann man sich in der Agitation nicht mehr
       bloß auf die Landbevölkerung konzentrieren. Eher geht es um eine
       Ent-Urbanisierung von Städten als Schwundform des alten Metropolenhasses.
       
       ## Die Stadt ist ein Ort der Befreiung
       
       Aber die früheren Motive kehren immer wieder zurück. In Österreich
       trommelte die ÖVP unter Sebastian Kurz, dass – wegen der Einwanderung
       „Kulturfremder“ – immer mehr Wiener ins Umfeld ziehen. Es wurde der
       Eindruck erweckt, die Stadtbewohner würden quasi fliehen. Dabei ist es
       völlig üblich, dass sich ein bestimmter Anteil wohlsituierter Familien ein
       [7][Eigenheim im Grünen zulegt, sobald die ersten Kinder da sind].
       
       Die Wortführer der amerikanischen Rechten, die [8][MAGA-Leute und ihre
       „Vordenker“ wie Curtis Yarvin] verbreiten Schauermärchen. In weiten Teilen
       der westlichen Welt habe sich „die Barbarei normalisiert“, die Städte
       würden von unzivilisierten Horden übernommen und wir erleben eine
       Massenbewegung der „weißen Flucht“ aus den Metropolen.
       
       Schwer erklärlich, warum dann die [9][Immobilienpreise in den Städten
       steigen], statt zu sinken, wie zu erwarten wäre. Rechte leben in einer
       paranoiden Fantasierealität, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.
       Aber das ist nur die überdrehteste Spielart eines verbreiteteren
       antiurbanen Motivs, nämlich der Verbindung von Stadt mit Gewalt,
       Unsicherheit und Unordnung.
       
       Die Stadt ist seit jeher Ort der Befreiung. „Stadtluft macht frei“ ist seit
       dem Mittelalter ein geflügeltes Wort. In der Anonymität der Großstadt sind
       die Menschen der [10][sozialen Kontrolle des Dorfes] ein Stück weit
       entzogen. Die Architektur der Großstadt etablierte ihre eigene Schönheit,
       mit Lichterspiel, Beton, Asphalt, später mit der bunten Reklame, dem
       Flimmern der Neonschriften und Scheinwerfer, etwa im nächtlichen Regen.
       Krumme Gassen, gerade Linien.
       
       ## Jenseits der Aufsicht sprießt die Freiheit
       
       Nicht mehr die Blumen und die Bäume, der Mensch selbst und die Menge wird
       in der Stadt der Gegenstand der Naturbetrachtung. Man lebt in einer „Welt
       von Fremden“, [11][wie das der Stadtforscher Rolf Lindner] nannte, von
       schnellen Eindrücken, Passantinnen, die vorübergehen, der Nervosität vieler
       Sinneseindrücke, die selbst eine Schule neuer Sehgewohnheiten und
       Wahrnehmungsweisen sind.
       
       Gerade die Möglichkeit, der Aufsicht zu entkommen, ließ und lässt bis heute
       Szenen und Subkulturen sprießen, [12][queere Milieus und Welten bunter
       Vögel], die das kulturelle Ökosystem der Großstädte prägen, weit über ihre
       eigenen kleinen Subkulturen hinaus. Antiurbanismus, er war immer, und ist
       bis heute, ein Hass auf die Freiheit.
       
       17 Jun 2026
       
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