# taz.de -- Religiöser Fundamentalismus in den USA: Kult der Härte
       
       > „Katholibans“ wie J. D. Vance und Peter Thiel destillieren aus dem
       > Christentum das Aggressive, das Strafende heraus – und nutzen es für ihre
       > Agenda.
       
 (IMG) Bild: Hegseth, hier leider nur mit unverfänglichen Tattoos, hat auch das Jerusalem-Kreuz auf der Brust
       
       Es ist ein Charakteristikum der Clowns, die uns heutzutage regieren, dass
       man nicht immer genau weiß, ob sie zum Lachen oder zum Fürchten sind.
       Neulich gab es beispielsweise einen unterhaltsamen Streit zwischen Donald
       Trumps Bande und dem Papst. Die Welt wird „von einer Handvoll Tyrannen
       zerstört“, sagte Papst Leo. Trump und seine Leute brachte das auf die
       Palme. Vizepräsident J. D. Vance konterte mit drohendem Unterton, der Papst
       sollte „vorsichtig sein“ wenn er über Theologie spreche.
       
       Wesentliche Teile der MAGA-Bewegung verwandeln die Republikaner in eine
       fundamentalistisch-religiöse Sekte. Der Journalist Thomas Assheuer hat
       unlängst in der Zeit den Verdacht geäußert, dass die „Religion gnadenlos
       zur Waffe umgeschmiedet“ wird. Kriegsminister Pete Hegseth gehört radikalen
       evangelikalen Gemeinschaften an. Auf [1][seinem Körper hat er sich
       Kreuzrittersymbole eintätowieren lassen sowie den Gotteskriegerslogan „Deus
       vult“] („Gott will es“).
       
       Dass es eine reaktionär-fundamentalistische Strömung im US-Protestantismus
       gibt, die nach politischer Macht greift, ist man schon länger gewohnt. Eher
       neu ist ein Fundamentalismus in der katholischen Szene. [2][J. D. Vance
       gehört in dieses eigentümliche Milieu von „Katholibans“]. Peter Thiel, der
       Milliardär, MAGA-Sponsor und Tech-Bro, ist eine der zentralen Figuren. Seit
       Jahrzehnten widmet er sich schon der Lektüre von René Girard, dessen Buch
       über „Das Heilige und die Gewalt“ zu den Schlüsselwerken
       philosophisch-theologischer Literatur zählt und durchaus verschiedene
       Lesarten zulässt.
       
       Thiel liest auch gern den deutschen NS-Staatsrechtler Carl Schmitt, der in
       den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit
       „Politische Theologie“ und anderen Schriften zur Polit-Religiösität Texte
       vorlegte, die bis heute einflussreich sind, wobei Schmitt vor allem ein
       autoritärer Freund der Ordnung und weniger der fanatischen Ideen war.
       
       Seine „Politische Theologie“ umkreiste das Weiterleben von theologischen
       Konzepten in säkularen Begriffen der Gegenwart – so glaubte er, der
       „Ausnahmezustand“ wäre ein säkulares Äquivalent zum „Wunder“. Thiel hält
       Vorträge über den „Antichrist“ und über den „Katechon“, jene Macht, die das
       Diabolische aufhalten könne, was merklich von Schmitt beeinflusst ist.
       Schmitt sah in der seltsamen Figur des „Katechon“ den „Aufhalter“, der sich
       gegen das Unheil stemmt.
       
       Besonders hat es Thiel die Apokalyptik angetan. Dass der Milliardär in
       einem New York Times-Interview die Überlegung anstellte, jener Antichrist,
       der der nach der Weltherrschaft greife, könnte sich vielleicht in Greta
       Thunberg verkörpern, verlieh dem hohen Gedanken allerdings einen Schuss ins
       Lächerliche.
       
       Das Christentum wird in einen Kult der Härte umgeformt und damit sogar in
       den Dienst eines extremen Neoliberalismus gestellt. Thiel hat unlängst in
       einem Talk mit einem rechten Youtube-Format darauf hingewiesen, dass das
       Christentum mit der Idee der Nächstenliebe aus seiner Sicht schon vor
       Jahrtausenden auf Abwege geriet, weil es den Opfern, den Losern, den
       Schwachen zugewandt war. Damit habe man den Starken ein schlechtes Gewissen
       eingeredet, was die Ursünde des Christentums sei. Lieber hätte er ein
       Christentum, das sich solcher Konzepte wie der Nächstenliebe entledigt und
       mit dem extremen Ego-Individualismus der Libertären besser vereinbar wird.
       
       In diesen Milieus versucht man die menschliche Eigenschaft der „Empathie“
       schlechtzureden. Die nennt man „Toxic Empathy“.
       
       Für reichlich Gespött sorgte neulich US-Kriegsminister Pete Hegseth, der im
       Zuge einer Lobrede auf seine Militärs vermeintlich aus einem
       alttestamentarischen Vers zitierte, in dem er von der „großen Rache“
       fantasierte und von der Vollstreckung göttlicher Strafe. Es stellte sich
       heraus, dass Hegseth eine Nonsens-Variante der Passage vortrug – aus einer
       Persiflage aus dem Filmklassiker „Pulp Fiction“. Der Missbrauch des
       Religiösen kommt Gotteslästerung längst verdammt nahe.
       
       Aber zugleich ist das Zornige, das Aggressive, das Strafende in den
       Religionen angelegt, und besonders in den monotheistischen Religionen, die
       eine gewalttätige Unbedingtheit ins Feld des Religiösen eingeführt haben.
       
       Viele Gelehrte, wie etwa der verstorbene Religionswissenschaftler Jan
       Assmann, haben darauf hingewiesen, dass der exklusive Wahrheitsbegriff des
       Monotheismus, dessen Unterscheidung zwischen dem wahren Gott und den
       falschen Göttern, Rhetoriken der Strenge und der Kompromisslosigkeit
       etabliert habe. Der Herr als „verzehrendes Feuer“, als „eifernder Gott“,
       von dem gesagt wird: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er.“ Einer der
       bekanntesten Sätze der Evangelien lautet schließlich: „Wer nicht für mich
       ist, der ist gegen mich.“ Das ist eine der furchtbarsten Formeln der
       Menschheitsgeschichte.
       
       ## Hegseths Pastor berät
       
       US-Kriegsminister Hegseth sieht die Militärs, die Iran bombardieren, nicht
       nur in einem geopolitischen Konflikt, sondern in einem Krieg „für Jesus“.
       Damit wird an eine Sprache angeschlossen, in der Heilserwartung und
       Vernichtung nah beieinander liegen. Es wird eine „Verbindung von Frömmelei
       und Blutrünstigkeit“ beschworen, und „militante Maskulinität mit
       christlicher Gewissheit“ (The Guardian) kombiniert. Hegseths engster
       religiöser Vertrauter, der Pastor seiner Gemeinde, ist beispielsweise für
       die Abschaffung des Frauenwahlrechts.
       
       Der Irrwitz strahlt auf christliche Szenen in Europa aus. Fundamentalisten,
       die früher ein Schattendasein gefristet haben, gewinnen im rechtsextremen
       Biotop und in Krawallmedien Aufmerksamkeit und infiltrieren katholische und
       protestantische Milieus, sie schwingen sich zu Verteidigern des
       christlichen Europas auf – und empfinden Rückenwind. Was vor wenigen Jahren
       noch der Narrensaum war, wird selbstbewusster: Sie träumen von einer
       Theokratie, in der Religion und weltliche Herrschaft nicht mehr getrennt
       sind.
       
       5 Jun 2026
       
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