# taz.de -- Fußball-WM treibt Opposition an: Schafft mehr Groß-Events in Mexiko!
> Schon mehrmals wurden in Mexiko Großevents wie die Fußball-WM
> ausgetragen. Immer begleitet von Krisen – und von der Entstehung
> oppositioneller Kräfte.
(IMG) Bild: WM 2026: eine Gelegenheit, um auf die zahlreichen Vermissten in Mexiko aufmerksam zu machen
Wieder eine dieser Meldungen, von denen derzeit viele die Runde machen. „Am
Vorabend des Eröffnungsspiels der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko ist es
abermals zu Gewalt gekommen: Fünf Polizisten wurden am Mittwoch (Ortszeit)
von Unbekannten bei einem Angriff im westlichen Bundesstaat Michoacán
getötet“, schrieb die Nachrichtenagentur AFP letzte Woche.
Am Tag darauf hieß es, dass im „WM-Gastgeberland Mexiko“ ein Journalist
erschossen worden sei. Man könnte auch einfach jeden Tag eine Nachricht
verschicken, die besagt, dass heute circa 75 Menschen getötet und 35
verschwunden sind. Würde natürlich in normalen Zeiten niemand
interessieren.
Nein, diese Kolumne soll nicht nahelegen, dass in einem Land wie Mexiko
angesichts der allgegenwärtigen Gewalt keine Fußball-WM der Männer
stattfinden dürfe. Ganz im Gegenteil: Schafft mehr Großevents, die dafür
sorgen, dass die Welt einen Blick auf diese Regionen wirft! Wer hätte sich
je dafür interessiert, dass in Katar Migrant*innen unter schlimmsten
Bedingungen arbeiten müssen, wäre da nicht die Weltmeisterschaft von 2022
gewesen.
Und noch nie wurde das Verschwinden von Menschen in Mexiko so umfangreich
in den deutschen Medien gespiegelt wie in den letzten Tagen. Ob im ZDF, in
der taz, der FAZ oder auf Instagram, [1][überall steht das Thema derzeit
ganz oben]. In einem Dokumentarfilm im Kontext der WM stellte die ARD die
Verschwundenen in den Vordergrund.
## Alles im Griff?
Das ist freilich in erster Linie das Verdienst einer gut organisierten
Zivilgesellschaft. Die ließ sich nicht von einer linken Regierung
beeindrucken, die verhindern wollte, dass Bilder verzweifelter Mütter über
den Globus gehen, die seit Jahren nach ihren Liebsten suchen. Alles im
Griff, sollte die Message sein. Die Mafia? Die knappe Rente? Kein Problem.
Das ist trotz eines massiven Polizeiaufgebots gescheitert.
Alle Welt konnte sehen, dass Tausende Lehrer*innen, Student*innen und
Angehörige der 133.000 Verschwundenen demonstrierten, und das teilweise
recht militant. Was nicht heißt, dass sich die meisten von ihnen für einen
WM-Boykott eingesetzt hätten. Nicht wenige dürften später den Sieg ihrer
Elf gegen Südafrika auf den Straßen von Mexiko-Stadt gefeiert haben.
Zweifellos kann man der Präsidentin Claudia Sheinbaum vorwerfen, dass ihre
Regierung unfähig ist, die organisierte Kriminalität einzudämmen, und dass
sie die Suche der Verschwundenen nicht angemessen unterstützt. Recht
peinlich erscheinen [2][auch die Bemühungen, die Austragungsorte] von
Plakaten zu reinigen, auf denen Menschen zu sehen sind, die verschleppt
wurden.
## Die Maßnahmen sind Peanuts
Historisch betrachtet sind solche Maßnahmen trotzdem gerade mit Blick auf
sportliche Großevents Peanuts. Denken wir an 1968. Zehn Tage vor Beginn der
Olympiade in Mexiko ließ die Regierung Hunderte Student*innen
niederschießen, die gegen das autoritäre Regime auf die Straße gegangen
waren. Zwei Jahre danach fand dann zwar dort verhältnismäßig ruhig die
erste Fußball-WM statt.
Doch als das Land 16 Jahre später erneut Austragungsort des Turniers wurde,
war dem wieder ein heftiger Vorfall vorausgegangen: Acht Monate vorher
zerstörte ein Erdbeben in der Hauptstadt zahlreiche Gebäude. Mehrere
Tausend Menschen starben, viele verloren ihr Zuhause. Die korrupte
Regierung zeigte sich unfähig, die Krise zu managen, was unter anderem dazu
führte, dass Präsident Miguel de la Madrid bei der Eröffnungsfeier massiv
ausgebuht wurde.
Sowohl das Massaker 1968 als auch das Erdbeben 1985 gelten als
entscheidende Momente für die Entstehung organisierter oppositioneller
Kräfte, die der Macht der sieben Jahrzehnte autoritär herrschenden
Staatspartei PRI ein Ende bereiteten. Auch das konnten Soldaten und
Polizisten nicht verhindern. Morena, die Partei Sheinbaums, ist langfristig
betrachtet ebenfalls aus diesen Bewegungen hervorgegangen. Die Präsidentin
dürfte es also genau wissen: Den Opfern der gewalttätigen Verhältnisse mit
einem martialischen Polizeiaufgebot und gesäuberten Wänden
entgegenzutreten, um das internationale Image zu retten, könnte ihr gehörig
auf die Füße fallen.
16 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fussball-WM-2026-in-Mexiko/!6159599
(DIR) [2] /Aus-dem-Tagebuch-des-Fifa-Praesidenten/!6186419
## AUTOREN
(DIR) Wolf-Dieter Vogel
## TAGS
(DIR) Kolumne Latin Affairs
(DIR) Kulturkolumnen
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Mexiko
(DIR) Organisierte Kriminalität
(DIR) Kulturkolumnen
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Kolumne Latin Affairs
(DIR) Kolumne Latin Affairs
(DIR) Kolumne Latin Affairs
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Mexiko und die Fußball-WM: Wenig Grund zum Feiern
Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum beging das Ende der
Fußball-WM an Donald Trumps Seite. Allein während der WM wurden in ihrem
Land drei Journalist*innen ermordet.
(DIR) Abseits der WM-Fanmeile: Die Ausbeutung findet weitgehend unsichtbar statt
Mit den vielen WM-Touristen wächst in Mexiko-Stadt die Nachfrage auch nach
erzwungenem Sex. Die Frauen dort zu unterstützen, ist eine Lebensaufgabe.
(DIR) Umweltzerstörung durch die WM: Illegal und irreversibel
Besonders nachhaltig soll das WM-Stadion in Guadalajara sein. Doch in
Wahrheit steht es exemplarisch für ein System von Ausbeutung und
Zerstörung.
(DIR) Boykott der Fußball-WM 2026 in Mexiko: Ihr Problem liegt vor der Haustür
In Mexiko-Stadt drohen Sex-Arbeiter*innen mit Protesten und einem Boykott
während der Fußball-WM. Mit ihrer Kritik sind sie nicht allein.
(DIR) Nach US-Schlag gegen Venezuela: Warum Trump Mexiko (noch) nicht angegriffen hat
Mit seinen Drohungen will US-Präsident Trump Lateinamerika zum Hinterhof
degradieren. Würde er seine Antidrogenpolitik ernst meinen, müsste er
anders vorgehen.
(DIR) Mexikos ermordete Journalisten: Wer aufdeckt, lebt gefährlich
In der „Jahresbilanz der Pressefreiheit“ von Reporter ohne Grenzen hält
Mexiko den zweiten Platz an getöteten Journalist*innen – hinter einem
Kriegsgebiet.