# taz.de -- Umweltzerstörung durch die WM: Illegal und irreversibel
       
       > Besonders nachhaltig soll das WM-Stadion in Guadalajara sein. Doch in
       > Wahrheit steht es exemplarisch für ein System von Ausbeutung und
       > Zerstörung.
       
 (IMG) Bild: Das Stadion am Rande des dadurch bedrohten Primavera-Waldes am Spieltag Mexiko gegen Südkorea
       
       Das Stadion von Guadalajara gehört gewiss zu den ästhetischsten Stadien
       dieser Weltmeisterschaft. Wer mit dem Bus aus der hektischen Metropole mit
       den Bürotürmen hinausfährt, sieht ein weißes Rund inmitten von ausgedehnten
       Grünflächen, die zur Wasserersparnis mit Regenwasser bewässert werden. Die
       Heimstätte von Chivas Guadalajara schmiegt sich zurückhaltend in die
       Landschaft; zwei ihrer fünf Ebenen liegen unterirdisch, ein Teil des
       Stadions ist außen als Hitzeschutz von Gras bewachsen.
       
       Zur WM wurde es als besonders nachhaltig beworben. So gibt es auf dem
       Stadiongelände etwa eine vertikale Farm, die Kräuter und Gemüse für die
       Stadiongastronomie produziert. Und im Hintergrund des Stadions, bei der
       Anreise gut sichtbar, erstreckt sich ein riesiger Wald aus Kiefern und
       Steineichen, das Wald- und Tierschutzgebiet La Primavera. Eindrucksvoll
       sieht es aus. Doch was harmonisch wirkt, ist seit vielen Jahren Schauplatz
       eines ungleichen Kampfes zwischen Umweltschützer:innen und
       Immobilienspekulant:innen. Und Ersteren kommt die Öko-Inszenierung des
       Stadions wie Hohn vor.
       
       „Der Wald ist wunderschön“, sagt Gloria Sánchez. „Aber die Bauprojekte ums
       Stadion fressen ihn auf. Sie werden ihn vernichten.“ Sánchez ist seit 15
       Jahren ehrenamtliche Hüterin des Primavera-Waldes, sie macht das für die
       Regierung und deren Umweltschutzbehörde Profepa. Für denselben Staat, der
       der drohenden Zerstörung des Waldes durch Immobilienprojekte oft tatenlos
       zusieht.
       
       Sánchez ist außerdem Teil zweier Kollektive namens Puerta Poniente Ac und
       Observatorio Sur, die von den Aktivist:innen Manuel Arriero und Minerva
       Pérez vertreten werden und sich dem Schutz des Primavera-Waldes
       verschrieben haben. Sie schickt Videos von ihrem letzten Spaziergang
       zwischen regennassen Kiefern inmitten von Vogelgezwitscher. 135
       verschiedene Vogelarten soll es im Schutzgebiet geben, und jüngst wurden
       auch wieder Pumas gesichtet. „Meine größte Passion ist der Wald“, sagt
       Sánchez. „Ich bin geboren, um mich um ihn zu kümmern.“ Doch es gibt eine
       Menge Menschen mit handfesten Interessen an diesem Gebiet. Nun, zur WM,
       soll das große Fressen beginnen.
       
       ## Klimaschädlichstes Turnier aller Zeiten
       
       [1][Als klimaschädlichstes Turnier aller Zeiten] gilt die Fußball-WM schon
       vorab. Die vielen Flüge, die befürchteten neun Millionen Tonnen
       CO2-Äquivalente, all das ging durch die Medien. Aber die Aufmerksamkeit
       hielt nicht lange. Es sind am Ende des Tages abstrakte Zahlen, schwer
       vorstellbar in ihrer Bedeutung und schnell wieder vergessen. Vielleicht
       muss man also, um zu sehen, was diese WM ökologisch bedeutet, hineinzoomen.
       
       Das Fußballgroßturnier steht in Guadalajara nicht als alleiniger Auslöser
       für Zerstörung – es ist bloß Teil eines extraktivistischen, eines
       ausbeuterischen Systems, in dem Natur keinen Preis hat. Diese Zerstörung
       zum Nulltarif heizen die WM und ihre Profiteur:innen rapide weiter an.
       Die „Ursünde“, sagt Sánchez, sei allerdings lange vorher begangen worden:
       „Das Stadion hierhin zu bauen, das war der Fehler.“
       
       Erst 2010 wurde dieses neue Stadion eröffnet, ein Prestigeprojekt. Doch es
       hätte hier nie gebaut werden dürfen. Denn das Becken, in das sich das
       Gebäude so vermeintlich harmonisch schmiegt, ist eigentlich eine
       Wasserschutzzone. Regenwasser, das aus dem Wald in die Senke und weiter
       durch Schächte im vulkanischen Boden in die Stadt fließt, sammelt sich
       hier. Jede vierte Person in Guadalajara ist vom hochwertigen Wasser
       abhängig, das aus dem Primavera-Wald kommt. Wie durfte man gerade hier ein
       Stadion bauen, in einer Wasserschutzzone und direkt am Waldschutzgebiet?
       
       „Eigentlich ist es illegal“, sagt Gloria Sánchez. „Aber in Mexiko gibt es
       viel Korruption. Alles, was illegal ist, lässt sich legalisieren.“ Durch
       den vielen Asphalt könne das Wasser nun nicht mehr abfließen, es komme zu
       Überflutungen. Das Mikroklima ändere sich. Und die Abwasser des Stadions
       gefährdeten das Grundwasser von Guadalajara. „Das Stadion hat einen
       irreversiblen Schaden verursacht.“ Und es hat den Startschuss für einen
       Wettlauf gesetzt.
       
       ## Es wird immer weiter gebaut
       
       Denn mit dem Stadion kamen mehr Bauten. Es kamen riesige Parkplätze. Es kam
       grelles Flutlicht am Abend, das Einfluss auf den Biorhythmus der Tiere
       nimmt. Es kam eine vielbefahrene Straße, die die Korridore zu anderen
       Naturgebieten zerstörte. „Der Wald wird stranguliert“, klagt Sánchez. Das
       einst 30.000 Hektar große Waldgebiet ist heute um ein Drittel geschrumpft.
       Wegen der Bauprojekte, illegaler Rodungen und vor allem Waldbränden, deren
       Risiko durch die Nähe zum Menschen steigt. Das größte Stück vom Kuchen aber
       soll noch vergeben werden. „Es wird jetzt gerade hier gebaut. Stell dir
       vor, welche Aufwertung der Boden durch die WM bekommt.“
       
       [2][An vielen Orten Mexikos protestieren Aktivist:innen gegen die
       Zerstörung und Gentrifizierung], die sie durch die WM befürchten. In
       Guadalajara jedoch ist sie schon im Gange. Héctor Castañon arbeitet
       hauptberuflich für die NGO Fight Inequality Alliance, die sich mit
       Wohlstandsverteilung befasst, und ist Teil eines wissenschaftlichen
       Komitees für den Primavera-Wald.
       
       Castañon beschreibt die Bauprojekte rund um die WM als Teil eines langen
       Kampfes. Schon zu den Panamerikanischen Spielen 2011 in Guadalajara wurden
       in der Nähe des Stadions Villen für die Athlet:innen errichtet –
       womöglich mit dem Ziel, im Schutzgebiet einen Präzedenzfall für Wohnungen
       zu schaffen. Aktivist:innen und Umweltverbände erwirkten daraufhin
       zahlreiche einstweilige Verfügungen und erreichten, dass die Gemeinde die
       Weiternutzung als Wohnungen verweigerte.
       
       Lange standen die Villen leer. „Dann gab es viel Druck, viel öffentliches
       und privates Interesse, und sie schafften es, auch mithilfe des
       Druckmittels WM, die Beschränkung aufzuheben“, sagt Castañon. „Jetzt dürfen
       die Wohnungen verkauft und vergeben werden.“
       
       ## An die Wasserversorgung denkt niemand
       
       Noch geht das juristische Ringen um das Schutzgebiet und eine Pufferzone
       weiter. Die offizielle Bewilligung vieler Bebauungspläne erwartet Héctor
       Castañon erst nach der WM, um keine öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu
       lenken. Doch er rechnet mit weiterer Bebauung. Auch würden
       Eigentümer:innen des Landes in Stadionnähe jetzt ihr Land sichtbar mit
       Zäunen markieren. „Erst haben sie sich die Erlaubnis geholt, Parkplätze zu
       bauen. Und dann fängt man an, mehr und mehr zu bauen. Es wird bald normal
       sein, dieses Gebiet als Teil der Stadt zu sehen.“
       
       Die WM habe zudem durch ihre Infrastruktur den Druck auf das Schutzgebiet
       erhöht. „Viele Jahre war der Weg zum Stadion für Fans ziemlich mühsam. Aber
       für die WM haben sie die Straßen erneuert, Bürgersteige gebaut, den ÖPNV
       zum Stadion verbessert. Normalerweise ist so was gut. Aber hier ist es ein
       Anreiz, das Gebiet zu besiedeln.“ Alle Infrastruktur sei dabei auf
       Tourismus ausgerichtet. An die Wasserversorgung von Guadalajara oder an
       grüne Zonen werde nicht gedacht.
       
       Für Héctor Castañon reflektiert der Umgang mit dem Primavera-Wald ein
       grundlegendes Problem von Weltmeisterschaften. „Sie nutzen öffentliche
       Güter und öffentliche Räume, um private Profite zu machen. Sie sollten für
       das zahlen, wovon sie profitieren.“ Castañon denkt etwa an ökologische
       Kompensation und eine Umweltsteuer für Verbände wie die Fifa, auch wegen
       ihrer Vielfliegerei und der Abfälle.
       
       Den Primavera-Wald würde das allerdings auch nicht retten. Castañon denkt
       auch an Abgaben für öffentliche Dienstleistungen, etwa dafür, dass sich so
       viel Personal aus dem Gesundheits- und Sicherheitssektor für die WM an
       einem Ort versammele und dafür anderswo Lücken verursache. „Der
       Trickle-down-Effekt von privaten Profiteuren zu den Menschen vor Ort ist
       nie passiert und wird nicht passieren.“
       
       ## Brot und Spiele
       
       Trotzdem, mit Anti-WM-Aussagen wirkt er vorsichtig. Die
       Mexikaner:innen seien sehr euphorisch. „Wir dürfen nicht gegen das
       Spiel sein.“ Wichtiger sei es, den Menschen klarzumachen, wie hoch die
       Kosten seien.
       
       Aktivistin Gloria Sánchez ist deutlicher. Auch sie ist nicht gegen die WM,
       aber sie ist gegen die WM in diesem Stadion. Es gebe ja mit dem
       Jalisco-Stadion eine gute Alternative in Guadalajara weit weg vom
       Schutzgebiet. Aber was ein Bewusstsein bei Menschen angeht, da hat sie
       wenig Hoffnung. „Die Mexikaner:innen sind sehr apathisch“, glaubt sie.
       „Die Regierung schafft Brot und Spiele. Die Leute denken nicht an die
       Schäden, die das verursacht.“
       
       Sánchez sagt, sie müsse selbst vorsichtig sein. Denn Aktivist:innen in
       Mexiko leben gefährlich. „Die Aktivist:innen, die sich gegen die
       Immobilienbarone stellen, erhalten viele Drohungen. Und wenn die Regierung
       keine Autorität hat, ist es ein schutzloser Kampf“, sagt sie. Sie selbst
       gehe deshalb in keine direkte Konfrontation. „Manchmal kommt mir der
       Gedanke, das Handtuch zu werfen. Sie werden es zu Ende bringen mit dem
       Wald.“
       
       Was ihr bleibe, sei nur die Wut.
       
       21 Jun 2026
       
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