# taz.de -- Boykott der Fußball-WM 2026 in Mexiko: Ihr Problem liegt vor der Haustür
       
       > In Mexiko-Stadt drohen Sex-Arbeiter*innen mit Protesten und einem Boykott
       > während der Fußball-WM. Mit ihrer Kritik sind sie nicht allein.
       
 (IMG) Bild: Mexiko City, 23. Januar: Carolina, eine Sexarbeiterin, protestiert vor einem städtischen Büro, das für den Bau des Radwegs in der Calzada de Tlalpan zuständig ist
       
       FC-Sankt-Pauli-Präsident Oke Göttlich will ihn, einige
       EU-Parlamentarier*innen unterstützen den Vorschlag und auch ein paar
       Bundestagsabgeordnete finden die Idee gut. Nun machen sich auch
       Sexarbeiter*innen in Mexiko-Stadt für einen [1][Boykott der
       Fußballweltmeisterschaft der Männer 2026] stark. Im Gegensatz zu den
       Europäer*innen geht es ihnen aber nicht darum, ein Zeichen gegen die
       rassistische und imperiale Politik des US-Präsidenten Donald Trump zu
       setzen.
       
       Ihr Problem liegt direkt vor der Haustüre, besser gesagt: an ihrem
       Arbeitsplatz, der achtspurigen Calzada de Tlalpan, eine dieser
       Verkehrsachsen, die sich quer durch die Metropole ziehen. Dort soll ein
       Fahrradweg entstehen, auf dem Fußballfans mit dem Rad ins Azteken-Stadion
       gelangen können – also dorthin, wo am 11. Juni das WM-Eröffnungsspiel
       zwischen [2][Co-Gastgeber Mexiko] und Südafrika sowie später vier weitere
       Partien stattfinden. 36 Kilometer Fahrradspuren werden dann das
       Stadtzentrum mit der Sportstätte verbinden. Das namentlich an die
       Azteken-Stadt angelegte Projekt „Ciclovía Gran Tenochtitlán“ ist Teil einer
       beachtenswerten Verkehrspolitik, mit der linke Regierungen die
       22-Millionen-Einwohner-Region für Fahrradfahrer*innen nutzbar machen.
       
       So gesehen ist der Große-Tenochtitlán-Fahrradweg eine hervorragende
       Initiative. Nur, nun ja, für die Sexarbeiter*innen, die auf der Calzada de
       Tlalpan arbeiten, wird er eine große Einschränkung darstellen. Schon jetzt
       ist es für Freier ein mittelmäßig lebensgefährliches Unterfangen, auf der
       äußerst befahrenen Straße zu halten. Mit einer Fahrradspur dürfte das
       unmöglich werden. Bereits die Baumaßnahmen hätten zu Umsatzeinbußen von bis
       zu 70 Prozent geführt, kritisieren die Prostituierten.
       
       ## Furcht vor massiver Gentrifizierung
       
       Die Sexarbeiter*innen befürchten vor der WM eine massive
       Gentrifizierung, sprich: „soziale Säuberungen“ und Vertreibung aus ihrem
       Arbeitsgebiet. Sie fordern eine rechtliche Anerkennung ihrer Arbeit, ein
       Ende polizeilicher Operationen gegen sie sowie Entschädigungszahlungen von
       etwa 1.000 Euro monatlich für die bisherigen Einbußen. Derzeit sind sie in
       Gesprächen mit der Regierung, aber die ist nicht auf ihre Forderungen
       eingegangen. Die Stadtverwaltung hat nur den Zugang zum Gesundheitssystem
       und Hilfszahlungen für ihre Schulkinder angeboten. Sollte es keine Lösung
       geben, drohen Prostituierte mit Protesten und einem Boykott während der WM.
       
       Die 200 Sexarbeiter*innen, die auf der Calzada de Tlalpan stehen und sich
       der Aktion anschließen, dürften das umfangreiche Geschäft mit dem Sex
       während der Meisterschaft kaum beeinflussen. Doch neben ihnen kritisieren
       auch andere die Konsequenzen der WM. Anwohner*innen des
       Azteken-Stadions, das nun bezeichnenderweise nach einer Sponsorbank
       Banorte-Stadion genannt wird, wehren sich gegen die [3][Folgen der
       Umstrukturierungen]: Wasserknappheit, teure Wohnungen, Vertreibungen.
       Vorwürfe, die die linke Bürgermeisterin Clara Brugada zurückweist.
       
       Auch weitere gesellschaftliche Gruppen nutzen die WM, um ihren Forderungen
       Nachdruck zu verleihen. Die kämpferische Lehrer*innengewerkschaft
       CNTE droht mit massiven Protesten, um neue Verhandlungen mit der Regierung
       zu erzwingen. Angehörige der 134.000 Verschwundenen kündigten eine Großdemo
       an, Bauernorganisationen wollen wegen des für sie ungerechten
       Freihandelsvertrags mit den USA und Kanada Straßen blockieren. „Wir werden
       keine solchen Veranstaltungen erlauben, während wir damit kämpfen müssen,
       unsere Produkte zu verkaufen“, sagt ein Sprecher.
       
       Das dürfte etwas hoch gegriffen sein, aber zweifellos geht es in dem Land
       in diesen Tagen um mehr als nur die WM selbst. Aber für so manchen
       Fußballbegeisterten könnte es sowieso ratsam sein, Spiele in Kanada oder
       Mexiko zu besuchen und die USA zu meiden. Das schlägt jedenfalls die
       Koalition der Migranten von Florida vor. „Die internationalen Besucher
       müssen sich fragen, ob es sich lohnt, für ein Fußballspiel das Risiko einer
       Entführung oder einer Inhaftierung einzugehen“, empfahl deren Direktorin
       Tessa Petit den lateinamerikanischen Fans. Viele Europäer*innen haben
       das Privileg, freier zu entscheiden. Die können sich ja dann an Oke
       Göttlich und die kritischen Abgeordneten halten.
       
       18 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolf-Dieter Vogel
       
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