# taz.de -- Zehn Jahre Brexit: Weniger Wachstum, aber kein Absturz
> Der EU-Austritt hat die britische Wirtschaft verändert – mit spürbaren
> Kosten, aber ohne den oft vorhergesagten Kollaps.
(IMG) Bild: Trotz Brexit bleibt London Europas einziger Finanzplatz von globalem Rang
Wenn es eine Brexit-Auswirkung gibt, über die weitgehende Einigkeit zu
herrschen scheint, ist es der wirtschaftliche Schaden. [1][„Bis Ende 2025
hat der Brexit-Prozess das britische BIP um 6 bis 8 Prozent gesenkt,
Investitionen um 12 bis 13 Prozent, Arbeit um 3 bis 4 Prozent und
Produktivität um 3 bis 4 Prozent“, erklärt das renommierte „National Bureau
of Economic Research“] (NBER) aus den USA in seiner Analyse „The Economic
Impact of Brexit“ über die vergangenen zehn Jahre. Diese Zahlen werden in
diesen Tagen ständig von Befürwortern eines EU-Wiedereintritts zitiert.
Dem gegenüber stehen die tatsächlichen Wachstumsdaten. Im Vergleich zu 2016
ist das britische BIP heute (Stand erstes Quartal 2026) nicht 6 bis 8
Prozent niedriger, sondern 12,4 Prozent höher. Das ist ein deutlich
stärkeres Wachstum als Deutschland im gleichen Zeitraum (6 Prozent) oder
Italien (9,7 Prozent) und fast gleichauf mit Frankreich (12,7 Prozent) und
der Eurozone insgesamt (13,6 Prozent).
Was stimmt also? Das NBER behauptet nicht, dass die britische Wirtschaft
wegen des Brexits um 6 bis 8 Prozent geschrumpft ist. Vielmehr wäre sie
ohne Brexit vermutlich stärker gewachsen – nicht nur ähnlich schwach wie
der Rest Europas, sondern eher wie die boomenden USA, deren BIP seit 2016
um mehr als 25 Prozent zugelegt hat.
## Wachstum ohne Brexit?
Woher weiß man, wie Großbritannien ohne Brexit gewachsen wäre? Grundlage
dafür sind die 2016 vorliegenden Langzeitprognosen. Das Problem dabei:
Keiner der globalen Wirtschaftsschocks seitdem – von der Covid-19-Pandemie
2020 bis 2022 über den Ukrainekrieg ab 2022 bis hin zu Donald Trumps
Zollpolitik ab 2025 – kommt in diesen Prognosen vor. Entsprechend fällt
nicht nur Großbritannien deutlich hinter alle Vorhersagen von 2016 zurück,
sondern alle anderen Länder ebenso. Man habe das einberechnet, heißt es
zwar, aber das Problem eines Vergleichs zwischen realen und fiktiven Zahlen
bleibt.
Das heißt nicht, dass es keine negativen ökonomischen Folgen des Brexits
gibt. Im Alltag weiß das jeder: Warenverkehr zwischen Großbritannien und
der EU ist bürokratischer und teurer geworden, das Ende der
EU-Freizügigkeit hat zeitweise zu Arbeitskräftemangel geführt. Dies schlägt
sich in sinkender Produktivität und höheren Preisen nieder, was Verbraucher
unmittelbar trifft.
Um das zu kompensieren, hat sich Großbritannien verstärkt dem
englischsprachigen Ausland zugewandt: mehrere Millionen Zuwanderer aus
Afrika und Südasien, Erleichterungen im Handel mit manchen
Commonwealth-Partnern, Eintritt in die Transpazifik-Freihandelszone CPTPP
zahlreicher Pazifik-Anrainerstaaten ohne USA. Die britischen und
europäischen Wirtschaftsräume driften auseinander. Britische Exporte in
EU-Länder sinken beständig, Investitionen aus EU-Ländern in Großbritannien
ebenfalls.
Das funktioniert deshalb, weil Großbritanniens Wirtschaft laut Regierung zu
81 Prozent aus Dienstleistungen besteht und damit schon aus Sprachgründen
global aufgestellt ist. [2][Am wenigsten negativ hat sich der Brexit auf
den Finanzplatz London ausgewirkt,] dem manche Prognosen einst einen
Kollaps vorhersagten, weil die Banken alle in die EU fliehen würden.
Tatsächlich ist er in den vergangenen zehn Jahren nicht geschrumpft,
sondern gewachsen. Die EU hat es nicht vermocht, Euro-Finanzgeschäfte aus
London in nennenswertem Umfang zu verlagern. London bleibt Europas einziger
Finanzplatz von globalem Rang, wo Akteure aus der EU, den USA, China und
den Schwellenländern auf Augenhöhe aufeinandertreffen. Inzwischen ist
London der wichtigste Handelsort für die chinesische Währung außerhalb
Chinas.
EU-freundliche Wirtschaftsexperten an der britischen Universität Cambridge
sind in einer neuen Analyse zum Schluss gekommen, dass zwar „der
ökonomische Grundkonsens über die negativen Auswirkungen des Brexits
insgesamt gesehen bestätigt“ sei. Der Dienstleistungssektor habe sich
allerdings „bemerkenswert gut geschlagen“, während die verarbeitende
Industrie deutlich hinter den anderen G7-Nationen zurückbleibe.
„Großbritannien bewegt sich markant in Richtung einer serviceorientierten
Außenhandelswirtschaft“, schlussfolgern sie.
So gesehen beschleunigt der Brexit einfach die von Margaret Thatcher in den
1980er Jahren begonnene [3][Transformation der britischen Wirtschaft].
Linke Kritiker weisen schon lange darauf hin, dass dies mit zunehmenden
Ungleichheiten hervorgeht – eine globalisierte Elite profitiert, abgehängte
Landstriche und Bevölkerungsschichten verlieren. Diese Faktoren hatten 2016
viele Menschen zum Brexit getrieben. Er hat sie paradoxerweise weiter
verstärkt.
23 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nber.org/papers/w34459
(DIR) [2] /Oekonomin-ueber-Brexit-Folgen/!5700042
(DIR) [3] /Zwei-Jahre-Brexit/!5903746
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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