# taz.de -- Queer-migrantische Räume: Eine tanzende Gemeinde
       
       > In einem Berliner Kulturzentrum schafft ein kurdischer Tanzworkshop einen
       > Raum, in dem sich Herkunft, Kultur und Queerness treffen – ohne Angst.
       
 (IMG) Bild: Tanzlehrer Yada zeigt kurdische Tänze
       
       Die Musik setzt ein. Hände greifen ineinander, ein Kreis bildet sich. 20
       Menschen stehen an diesem Abend im Berliner Kulturzentrum [1][We Are
       Village.]
       
       Der Tanzlehrer macht einen Schritt nach links, dann nach rechts. Die Gruppe
       folgt ihm. Nicht immer synchron. Manche lachen, wenn sie aus dem Takt
       geraten. Andere schauen konzentriert auf ihre Füße. An diesem Abend lernen
       sie drei kurdische Tänze.
       
       Im Hintergrund laufen kurdische Lieder. Darunter auch [2][„Jin, Jiyan,
       Azadî“ – „Frau, Leben, Freiheit“]. Zwischen den Liedern wird geredet,
       gelacht und Wasser getrunken. Einige sitzen auf Sofas am Rand des Raums,
       andere bleiben auf der Tanzfläche stehen. Niemand scheint es eilig zu
       haben. Der Workshop wirkt weniger wie ein Kurs als wie ein Treffen von
       Menschen, die einen Ort gefunden haben, an dem sie gerne Zeit verbringen.
       
       Einer von ihnen ist Atilla. Seit Januar besucht er regelmäßig
       Veranstaltungen im We Are Village. Yoga, Sportangebote und andere Workshops
       haben ihn immer wieder in das Kulturzentrum geführt.
       
       ## Sich den eigenen Ängsten stellen
       
       Für den kurdischen Tanzworkshop hat er sich aus einem besonderen Grund
       angemeldet. „Ich komme aus einer türkischen Familie und wurde als Kind
       immer zu diesen Hochzeiten mitgenommen“, erzählt er. „Das war die Hölle für
       mich.“
       
       Heute, fast 50 Jahre alt, habe er sich vorgenommen, sich dieser Erfahrung
       noch einmal zu stellen. Zum ersten Mal tanzt er einen Halay, einen
       traditionellen kurdischen Gruppentanz. „Ich habe mir gedacht: Stell dich
       doch deinen Ängsten.“
       
       Dass er diesen Schritt ausgerechnet hier wagt, sei kein Zufall. „Ich mag
       den Space We Are Village, weil ich mich hier sicher fühle. Und ich weiß
       immer, dass ich auch gehen kann. Keiner würde mich hier zurückhalten.“
       
       Projektleiter von Queer Bridges ist Munir Arreola. Der in Berlin lebende
       Tanzkünstler beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Themen wie Queerness,
       Migration und Identität. Seine eigenen Erfahrungen als Sohn einer
       mexikanischen und marokkanischen Familie prägen dabei auch seine Arbeit.
       
       ## Ein Raum zum Heilen
       
       Für Arreola soll Queer Bridges ein Ort sein, an dem Menschen mit
       Migrationserfahrungen Gemeinschaft finden können. Das Programm richtet sich
       an queere Menschen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten. Neben
       Tanzworkshops gehören Sprachcafés, Kreativangebote, Diskussionsrunden und
       Vernetzungstreffen zum Angebot.
       
       „Wir wollen sichere Räume schaffen, in denen Menschen Kontakte knüpfen,
       sich austauschen, heilen und Gemeinschaft erleben können“, sagt Arreola.
       Gerade in einer vielfältigen Stadt wie Berlin sei es wichtig, Orte zu
       schaffen, an denen unterschiedliche Erfahrungen von Migration und Queerness
       nebeneinander Platz haben.
       
       Geleitet wird der Workshop von Yada. Für den kurdischen trans Mann bedeutet
       der Tanz vor allem Erinnerung und Widerstand: „Kurdischer Tanz ist ein
       Symbol unserer Kultur.“ Jeder Tanz erzähle eine eigene Geschichte. Viele
       Bewegungen würden seit Generationen weitergegeben. Yada selbst hat den Tanz
       von älteren Familienmitgliedern gelernt. Heute gibt er dieses Wissen
       weiter.
       
       Zu den Teilnehmenden gehört auch Waran. Sie ist Kurdin und in Europa
       aufgewachsen. „Ich habe an manchen Stellen nicht so viel Zugang zu Sachen,
       die mit meinen Wurzeln verbunden sind“, erzählt sie. Der gemeinsame Tanz
       habe ihr geholfen, sich diesen Traditionen wieder näher zu fühlen.
       Besonders wichtig sei für sie, dass nicht nur Menschen mit kurdischem
       Hintergrund teilnehmen. „Andere Menschen, die nicht den Background haben,
       sind trotzdem da und interessiert. Dass wir zusammen diesen Tanz tanzen
       können – darum geht es auch.“
       
       ## Ein Geburtstagslied
       
       Nach einer kurzen Pause beginnt die letzte Tanzrunde des Abends. Die Musik
       wird wieder lauter. Die Gruppe stellt sich noch einmal im Kreis auf. Einige
       beherrschen die Schritte inzwischen sicher, andere orientieren sich an
       ihren Nachbar:innen. Hände greifen ineinander. Schulter an Schulter bewegt
       sich die Gruppe durch den Raum. Als das letzte Lied endet, löst sich der
       Kreis. Die Teilnehmenden klatschen.
       
       Doch statt nach Hause zu gehen, überraschen sie Tanzlehrer Yada mit einem
       Geburtstagslied. Anschließend wird Kuchen verteilt. Noch über eine
       Viertelstunde später stehen Menschen in kleinen Gruppen zusammen,
       unterhalten sich, verabreden sich für kommende Veranstaltungen und umarmen
       sich zum Abschied.
       
       Für Atilla sind es genau diese Momente, die ihn immer wieder zurückbringen.
       Das We Are Village erinnere ihn an „eine kleine Kirchengemeinde“, obwohl er
       selbst nicht religiös sei. Gemeint ist das Gefühl, immer wieder an
       denselben Ort zurückzukehren und bekannte Gesichter zu treffen. „Es fühlt
       sich an wie ein Ort, wo man hinkommen kann, wenn man sich einsam fühlt.“
       
       7 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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