# taz.de -- Migrantische Frauenbewegung in Berlin: „Wir waren überall, aber wir waren unsichtbar“
       
       > Ein Rundgang durch Kreuzberg zeigt Orte der migrantischen Frauenbewegung.
       > Eine Zeitzeugin berichtet von Leerstand, Protest und Selbstorganisation.
       
 (IMG) Bild: Besetzung der Schokofabrik 1981: Hier entstand das größte Frauenzentrum Deutschlands
       
       Der Garten des AWO-Begegnungszentrums in der Adalbertstraße blüht in voller
       Pracht, ein süßer Holunderduft liegt in der Luft. Hinter dem Backsteinhaus
       sitzen etwa zehn Personen unter einem Pavillon, um mit Berrin Önler-Sayan
       Orte der migrantischen Frauenbewegung in Kreuzberg zu erkunden. Die Führung
       bietet die Zeitzeugin gemeinsam mit dem feministischen Archiv FFBIZ an.
       
       „Die migrantische Frauenbewegung hat sich in den Beratungsstellen im
       Sozialbereich entwickelt“, erzählt Önler-Sayan. Die Rentnerin mit
       korallenrotem Haar wurde in Istanbul geboren, 1974 kam sie nach Deutschland
       und studierte in Berlin Betriebswirtschaftslehre. Nach dem Anwerbeabkommen
       mit der Türkei von 1961 übernahmen die Wohlfahrtsverbände die Betreuung der
       Arbeitsmigrant*innen.
       
       Das heutige AWO-Begegnungszentrum etwa – früher ein Schwesternwohnheim für
       das Bethanien-Krankenhaus – wurde 1972 eröffnet. In den Beratungsstellen
       organisierten sich türkische Gastarbeiterinnen und protestierten, etwa für
       das kommunale Wahlrecht oder für ein eigenständiges Aufenthaltsrecht,
       unabhängig vom Ehemann.
       
       In Kreuzberg herrschte in den siebziger Jahren viel Leerstand, die
       unsanierten Wohnungen, oft ohne Dusche oder Toilette, wurden an
       Arbeitsmigrant*innen vermietet. Der übrige Leerstand wurde
       [1][zwischen 1979 und 1981 von Aktivist*innen besetzt]. „Die
       Gesellschaft war im Umbruch, wir waren alle elektrisiert. Es wurde mehr
       Demokratie gewagt“, sagt Önler-Sayan.
       
       ## Autobahn durch Kreuzberg abgewendet
       
       Der Senat plante damals die Kahlschlagsanierung Kreuzbergs; auf dem
       Oranienplatz sollte ein Autobahnknotenpunkt entstehen. „Kreuzberg hätte
       sein ganzes Gesicht verloren“, so die Zeitzeugin. Dank der Besetzerbewegung
       habe der Senat umgesteuert, hin zur Stadtteilsanierung. Zudem
       [2][veranlasste sie 1984 die Internationale Bauausstellung (IBA)], die
       fortan die „behutsame Stadtteilsanierung“ Kreuzbergs übernahm.
       
       „Wir migrantischen Frauen waren überall, aber wir waren unsichtbar“,
       erinnert sich Önler-Sayan. „Selbst die deutsche Frauenbewegung hat kaum
       Notiz von uns genommen.“ Das änderte sich mit der [3][Besetzung der
       Schokofabrik 1981]. In der Fabrik in der Mariannenstraße entstand 1981 das
       größte Frauenzentrum Deutschlands. „Hier sollten Frauen ohne Vorurteile
       zusammenkommen, sich bilden und beraten lassen“, so Önler-Sayan.
       
       Unter den Erstbesetzerinnen waren keine migrantischen Frauen, es gab jedoch
       eine enge Zusammenarbeit. 1982 eröffnete eine Beratungsstelle für Frauen
       aus der Türkei, es folgte das erste Hamam in Westberlin, ein Sportstudio,
       eine Sozialberatung, eine Möbelwerkstatt und eine Kindertagesstätte. Die
       Schokofabrik gab sich eine Rechtsform als Verein, 2003 kam eine
       Genossenschaft dazu, die das Haus kaufte.
       
       Es war ein Zentrum feministischer und migrantischer Organisierung: Die
       [4][Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde] hielt dort ihre erste
       Lesung, von der Fabrik aus koordinierten Önler-Sayan und ihre
       Mitstreiterinnen 1984 einen zweitägigen Frauenkongress in Frankfurt am
       Main, an dem 1.500 Frauen teilnahmen.
       
       Verlässt man die Schokofabrik, fallen einem die türkischen Verbendungen an
       einer Hausfassade am Rio-Reiser-Platz ins Auge – eine Hommage einer
       türkischen Künstlerin an ihre Sprache. Und plötzlich, mit etwas mehr
       Aufmerksamkeit, werden die migrantischen Orte, an denen man so häufig
       achtlos vorbeigehuscht ist, sichtbar.
       
       Im Rahmen der „Langen Woche der Kiezgeschichte(n)“ vom Museum
       Friedrichshain-Kreuzberg finden vom 30. Mai bis 7. Juni Stadtführungen im
       Kiez statt.
       
       2 Jun 2026
       
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