# taz.de -- Neuer deutscher Nationalismus: Stolz auf das, was wir gemeinsam erreichen
> Unser Autor hat ein kompliziertes Verhältnis zur deutschen Flagge.
> Trotzdem träumt er manchmal von einem Nationalismus ohne rassistischen
> Ausschluss.
(IMG) Bild: Spätestens seit der WM 2006 in Deutschland gibt es einen neuen Patriotismus: Muss er völkisch sein?
An einem warmen Frühlingstag in Hamburg beschloss ich, mir neue shahata
oder, auf Deutsch, Sandalen zu kaufen. Eigentlich nichts Besonderes. Aber
manchmal bringen einen gerade die kleinen Dinge dazu, über größere Fragen
nachzudenken.
Meine Frau zeigte mir ein Modell von Adidas: weiße shahata mit den drei
Streifen in Schwarz, Rot und Gold. Die Farben der deutschen Flagge. Zuerst
gefiel mir einfach das Design. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto
mehr merkte ich, dass mich diese Farben beschäftigen.
Vielleicht auch, weil wieder [1][eine Zeit beginnt, in der
Nationalmannschaften, Flaggen und nationale Symbole sichtbarer werden]. Die
[2][Fußballweltmeisterschaft] hat begonnen. Menschen reisen nach Kanada,
Mexiko und in die USA, um ihre Teams zu unterstützen. Fahnen tauchen auf
Balkonen auf, Trikots in den Straßen.
Schon während der Fußballeuropameisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland
hatte ich [3][darüber geschrieben, wie kompliziert mein Verhältnis zur
deutschen Flagge war]. Vor einigen Monaten las ich dann einen Artikel über
Wales und Schottland. Dort wurde die Frage gestellt, warum nationale
Identität mancherorts mit progressiven Ideen verbunden wird, während sie in
Deutschland oft sofort mit Rechtsnationalismus assoziiert wird.
## Seitdem lässt mich die Frage nicht los.
Mein Schwager und sein Sohn haben sich deutsche Trikots gekauft. Beide
haben syrische Wurzeln. Sie unterstützen die deutsche Nationalmannschaft.
Und sie sind damit nicht allein. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte
fiebern mit für Deutschland, obwohl sie gleichzeitig emotionale Bindungen
zu den Herkunftsländern ihrer Familien behalten.
Das bedeutet [4][nicht, dass ihre Beziehung zu Deutschland unkompliziert
wäre]. Viele erleben weiterhin Rassismus oder Diskriminierung. Trotzdem
gibt es oft den Wunsch, dazuzugehören. Nicht nur rechtlich, sondern auch
emotional.
Vielleicht ist genau das eine der offenen politischen Fragen unserer Zeit:
Wie kann Zugehörigkeit in einer Einwanderungsgesellschaft aussehen?
In Deutschland ist diese Debatte schwierig. Wegen der Geschichte. Wegen des
Nationalsozialismus. Gleichzeitig haben rechte Parteien das Thema nationale
Identität weitgehend für sich beansprucht und gegen Migrantinnen und
Migranten gewendet.
## Braucht es einen anderen Nationalismus?
Dadurch entsteht oft der Eindruck, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten:
nationalistischer Ausschluss oder die Ablehnung jeder Form von nationaler
Identität.
Aber vielleicht brauchen wir einen dritten Weg.
Nicht einen [5][Nationalismus, der sich an vergangener Größe orientiert],
sondern eine gemeinsame Vorstellung von Zukunft. Eine Idee davon, welches
Land wir zusammen sein wollen.
Ein Land, das seine Bürokratie modernisiert, die Digitalisierung
voranbringt, in Bildung investiert und bezahlbaren Wohnraum schafft. Ein
Land, das soziale Sicherheit stärkt, ohne individuelle Freiheit
einzuschränken.
Aber auch ein Land, das Nachbarschaften, Vereine, Kulturorte und
öffentliche Räume stärkt. Denn Zugehörigkeit entsteht selten durch
politische Sonntagsreden. Sie entsteht im Alltag.
Vielleicht könnte daraus sogar eine neue Form von Stolz entstehen. Nicht
Stolz auf Herkunft oder Abstammung, sondern auf das, was wir gemeinsam
schaffen.
Eine Zugehörigkeit, die nicht auf Ausschluss basiert, sondern auf Teilhabe.
Nicht auf Angst, sondern auf Verantwortung. Nicht nur auf einer
Vergangenheit, sondern auf einer gemeinsamen Zukunft.
Und vielleicht wäre genau das eine Form des Deutschseins, mit der sich
viele Menschen identifizieren könnten – unabhängig davon, ob ihre Familien
seit Generationen hier leben oder erst seit wenigen Jahren.
11 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nationalismus-oder-Fantum/!vn6017571/
(DIR) [2] /Iran-bei-der-Fussball-WM-2026/!6186274
(DIR) [3] /Deutsche-Flaggen-an-Hausfassaden/!6014555
(DIR) [4] /Rassistische-Gewalt/!6014385
(DIR) [5] /Christlicher-Nationalismus-im-Aufwind/!6112894
## AUTOREN
(DIR) Hussam Al Zaher
## TAGS
(DIR) Kolumne Hamburger, aber halal
(DIR) Deutschland
(DIR) Nationalismus
(DIR) Integration
(DIR) nord-kolumnen
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Nationalismus
(DIR) Hamburg
(DIR) Schwerpunkt Fußball-EM 2024
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Soziologe über Nationalismus: „Viele wollen Teil von etwas sein, ohne selber etwas dafür zu tun“
Bei der WM projizieren Menschen ihren Nationalstolz auf die Mannschaften.
Doch Nationalismus kann seine Versprechen nie halten, sagt Thorsten Mense.
(DIR) Syrische Perspektiven auf Deutschland: Nicht alle lernen dasselbe Land kennen
Ein Besuch bei Verwandten in Gelsenkirchen zeigte mir: Die Freiheit, sich
von miesen Lebensbedingungen zu lösen, ist nur eine Illusion.
(DIR) Deutschlandfahne und Patriotismus: Der Hund unter den Fanartikeln
„Der will nur spielen“, sagen Hundemenschen oft. Wer die Tiere nicht mag,
versteht diese Aussage als Ignoranz. So ist es auch bei
Flaggen-Patriotismus.
(DIR) Rassistische Gewalt: Kein Sommermärchen
Die EM bringt vielen Menschen Freude, andere versetzt sie in Panik. Zum
nationalen „Wir“-Happening sind nicht alle eingeladen.