# taz.de -- Syrische Perspektiven auf Deutschland: Nicht alle lernen dasselbe Land kennen
> Ein Besuch bei Verwandten in Gelsenkirchen zeigte mir: Die Freiheit, sich
> von miesen Lebensbedingungen zu lösen, ist nur eine Illusion.
(IMG) Bild: Auf das Umfeld kommt es an: Schrottimmobilie in Gelsenkirchen
Salam! Rund um den Jahreswechsel war ich bei meinem Verwandten in
Gelsenkirchen zu Besuch – ja, kurz nachdem [1][dort ein historischer
Bankraub passiert war]. Gelsenkirchen ist bekanntermaßen eine sehr arme
Stadt. In der Innenstadt stehen viele Gebäude leer. In dem einen Gebäude
stand die Tür offen und der Eingang wurde offenbar als Müllraum genutzt.
Das nächste Gebäude war wieder leer, verwahrlost.
Ich möchte jetzt kein übertrieben schlechtes Bild zeichnen, aber aus
Hamburg kommend war der Anblick für mich in den ersten Tagen doch
gewöhnungsbedürftig. Ich versuche seit diesem Besuch in Worte zu fassen,
was soziale Infrastrukturen und regelmäßige, gehobene Einkommen mit uns als
Syrer*innen in Deutschland, ob Geflüchtete oder auch nicht, machen. Denn
die Lebensumstände von Syrer*innen sind wirklich sehr unterschiedlich.
Viele Syrer*innen arbeiten in einfachen Jobs für den Mindestlohn und
erhalten zusätzlich Unterstützung. Eine andere Gruppe arbeitet schwarz,
weil sie die Sprache nicht sprechen, über kein Netzwerk verfügen und nicht
wissen, wie sie sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt integrieren sollen.
Wieder andere arbeiten gar nicht mehr, weil sie für sich keine Perspektive
in Deutschland sehen.
Die Ehefrau meines Bekannten erzählte mir, dass sie gerne nach Syrien
zurückkehren würde. Hier in Deutschland gebe es kein gutes Leben. Ich
versuchte ihr zu erklären, dass sie Deutschland noch nicht wirklich
kennengelernt habe – denn Gelsenkirchen sei nicht gleich Deutschland.
## Gelsenkirchen ist ihr Deutschland
Aber sie sprach von ihrem Deutschland. Das Deutschland, das sie kenne, das
sie erlebt habe – es habe ihr nur Krankheit gebracht. Im vergangenen Jahr
hatte sie drei Operationen. Sie sieht darin die Folgen ihres Lebens hier.
Dabei sieht sie keine Alternativen und ihre Stimmung wird von Jahr zu Jahr
schlechter. Erstens, weil sie enttäuscht ist von dem Deutschland, an das
sie geglaubt hatte. Zweitens, weil sie nur die schlechten Seiten dieses
Landes kennengelernt habe. Und drittens, weil sie nicht das Deutschland
sehe, das viele kennen – das Deutschland, das man oft nur kennenlernt, wenn
man genug verdient, um es sich leisten zu können.
Während ich ihr zuhörte, fragte ich mich: Was wäre aus mir geworden,
[2][wenn ich in Gelsenkirchen gelebt hätte?] Oder was, wenn ich dorthin
gezogen wäre? Was hätte ich gearbeitet? Welchen Beruf hätte ich überhaupt
ausüben können?
Sicherlich wäre ich kein Journalist geworden. Und genau das ist mein
Schicksal: dass ich nach Hamburg kam. Dass ich Menschen traf, die 2015/16
an die Willkommenskultur geglaubt haben. Dadurch konnte ich Freund*innen
und Bekannte finden und Netzwerke aufbauen, die mir halfen, meine ersten
Schritte im Journalismus zu machen – und schließlich diese Kolumne hier in
der taz zu schreiben.
Die Stadt, in der wir leben, hat einen enormen Einfluss auf unsere Arbeit,
unser Leben, unsere Identität – und unsere Zukunft. Sie bestimmt die
Chancen, die wir bekommen.
## Die Umstände beeinflussen die Möglichkeiten
Ein erstes Gegenargument lautet oft: „Aber jeder kann doch in eine andere
Stadt umziehen.“ Das ist jedoch falsch. Umziehen kann nur, wer einen guten
Job hat, keine Familie oder Kinder, genug Geld und oft auch das richtige
Netzwerk. All das sind Umstände, die die Möglichkeiten beeinflussen.
Seit zwei Jahren suche ich eine bezahlbare, größere Wohnung für meine
Schwester, die nach Hamburg ziehen möchte. Ich finde keine. Und das, obwohl
ich ein großes Netzwerk habe. Es gibt tausend weitere Gründe, warum
Umziehen für viele Geflüchtete unmöglich ist. Entscheidungen, die wir
treffen müssen, passen oft nicht zu unserem Leben.
Für manche scheint die Rückkehr nach Syrien die einzige Lösung zu sein.
Doch viele haben Angst vor dieser Entscheidung. In Syrien gibt es noch
immer keine Perspektive. Und die Frage bleibt: Was erwartet Syrer*innen,
die jahrelang in Deutschland gelebt haben und jetzt zurückgehen wollen?
Wird von ihnen erwartet, genügend Geld zu haben, um eine Wohnung zu kaufen
und ein kleines Unternehmen zu gründen, von dem sie leben können? Wer
dieses Geld hat, kehrt oft nicht zurück – sie haben ihr Leben längst in
Deutschland aufgebaut.
Am Ende bleibt diese bittere Wahrheit bestehen: Nicht alle lernen dasselbe
Deutschland kennen. Manche erleben das Deutschland der Chancen. Andere
wiederum, wie meine Bekannten in Gelsenkirchen, erleben nur das Deutschland
der Erschöpfung.
14 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hussam Al Zaher
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