# taz.de -- Linker Fußball im mexikanischen Chiapas: Fußball und Revolution
> Einst lud die indigene Bewegung der Zapatistas im mexikanischen Chiapas
> zum Fußballspielen ein. Wie Fußball und Linkssein zusammengehen.
(IMG) Bild: Solidarität 1999: Die Easton Cowboys und Cowgirls in Chiapas
Sie sind sich nicht sicher, wer auftauchen wird. Es ist keine Uhrzeit
abgesprochen und keine Partie. Also frühstücken die englischen
Fußballer:innen von den Easton Cowboys and Cowgirls im Morgengrauen und
stehen immer um 8 Uhr früh auf dem Platz. Es sind Fußballplätze in
entlegenen Dörfern in der südmexikanischen Provinz Chiapas, die Orte tragen
Namen wie Morelia, 10 Abril und La Garrucha.
„Und dann tauchten die Zapatisten auf Pferden auf“, erinnert sich Beth
Simpson, die damals als Spielerin mit dabei ist. „Es hat sich
herumgesprochen in den autonomen Gebieten, dass wir da waren. Es hieß:
Kommt und schaut euch die weißesten Weißen an, die ihr je sehen werdet.“
Und dann wird gekickt. Meist den ganzen Tag gegen zapatistische Teams,
ausschließlich Männer. Es ist erschöpfend und berauschend.
Abends sitzen sie zusammen und tauschen sich über ihre Leben aus, die
indigenen Zapatisten in ähnlich holprigem Spanisch wie die Gäste aus
Übersee. „Ich hatte so was noch nie erlebt“, sagt Beth Simpson. „Es hat
unsere Leben verändert.“
Wie kamen englische Hobbykicker:innen dazu, gegen revolutionäre
Zapatisten in Chiapas Fußball zu spielen? Es ist eine dieser Geschichten,
in denen klar wird, dass Fußball viel mehr sein kann als eine
profitgetriebene WM. Und manchmal wörtlich ein Ort der Revolution.
## Paradigmenwechsel mit Vorbildfunktion
2026 wird wohl eher nicht daran erinnert werden. An damals, Ende der 1990er
und Anfang der 2000er Jahre, als Widerstand und Weltfußball einander in
Chiapas für kurze Zeit begegneten. Weil Fußball auch ein gutes Vehikel für
linke Politik sein kann. Und natürlich, weil auch Zapatisten den Fußball
lieben.
[1][Im Jahr 1994 nehmen im mexikanischen Chiapas an der Südgrenze zu
Guatemala überraschend rund 5.000 Aufständische sieben Bezirkshauptstädte
ein]. Die vor allem indigene Bewegung mit dem militärischen Arm EZLN
fordert Landbesitz, Anerkennung ihrer indigenen Rechte und
Selbstverwaltung.
Als der Aufstand brutal niedergeschlagen wird, kommt es zu einem
Paradigmenwechsel mit Vorbildfunktion: Die Zapatisten, so schreibt
Christopher Wimmer in seinem 2025 erschienenen Buch „Alles muss man selber
machen“ zur Geschichte der Rätebewegungen, setzen als Ziel nicht mehr den
militärischen Sieg und Eroberung des Staates, sondern errichten „ein
paralleles Gesellschaftssystem“.
Sie zahlen keine Steuern, haben eine alternative Gerichtsbarkeit, radikale
Rätedemokratie, eine teils antikapitalistische Ökonomie mit
Kollektiveigentum und Subsistenz, hohe Geschlechtergerechtigkeit,
unabhängige Schulen. Den Zapatisten sei es „damit gelungen, eine
‚Doppelherrschaft‘ zu etablieren“, schreibt Wimmer.
## Gute Presse und revolutionäre Fitness
Chiapas wird zu einem globalen linken Sehnsuchtsort wie seither vielleicht
nur noch Rojava. Zur selben Zeit gründet sich um 1992 in Bristol ein
ungewöhnlicher Fußballklub. Viele der Spieler:innen kommen aus der
Hausbesetzungsszene. Es ist eine unübliche Kombination, Linke rümpften
damals über Fußball meist die Nase.
1998 veranstalten die Easton Cowboys and Cowgirls eine alternative WM. Da
haben ein paar Aktivist:innen eine wilde Idee: Und was, wenn man nach
Chiapas fährt und Soli-Partien gegen die Zapatisten austrägt? „Die
mexikanische Regierung erlaubte keine Reisen aus dem Ausland in die
zapatistischen Gemeinden“, erinnert sich die heute 56-jährige Beth Simpson.
„Außer für Sport. Das war ein Schlupfloch.“ Und so reisen sie im Mai 1999
zum ersten Mal hin, es folgen mehrere weitere Besuche. Bei einem davon ist
auch ein gewisser Graffitikünstler aus Bristol dabei. „Banksy stand im
Tor“, erinnert sich Simpson.
Die Zapatisten verstehen sofort, welchen PR-Wert der Fußball für sie hat.
„Sie waren klug. Sie wussten, dass ihr Überleben davon abhing, in den
Medien zu bleiben.“ Auch sei Fußball dort als gute Möglichkeit betrachtet
worden, sich fit zu halten. Die zapatistischen Teams mit schillernden Namen
wie Die Tiger oder Neue Revolution seien starke Gegner gewesen, erzählt
Beth Simpson. „Sie tranken keinen Alkohol, arbeiteten in Handwerksjobs und
viele waren im Krieg von 1994 bei der EZLN gewesen.“
Um körperliche Nachteile auszugleichen, verlegen sich die
Engländer:innen auf hohe Bälle. Aber natürlich, sagt Simpson, sei es
nicht nur um politische PR gegangen. „Sie waren halt Mexikaner. Sie liebten
Fußball.“
## Inter Mailand spendet für die Zapatisten
Und auch dank Fußball sichern sie sich globale Aufmerksamkeit. Am 15. März
1999 spielt eine Auswahl der EZLN in Mexiko-Stadt ein Freundschaftsspiel
gegen mexikanische Ex-Profis, darunter den heutigen Nationaltrainer Javier
Aguirre, damals Trainer beim Erstligisten CF Pachuca. „Das muss selbst auf
globaler Ebene beispiellos sein“, erinnerte sich 2024 der Sportjournalist
Carlos Nava. „Ich habe noch nie von einer revolutionären Gruppe gehört, die
im Zentrum des Landes auf einem Fußballplatz auftritt.“ Für ihn ein
Zeichen, „dass sich das Land schon an das Zusammenleben mit dem Zapatismus
gewöhnt hatte“.
Die Zapatisten spielen in Sturmhauben und mit Trikots, die einen roten
Stern und die Aufschrift EZLN tragen. Sie unterliegen mit 3:5, vermutlich
lassen die Altstars Gnade walten. „Wir haben nicht verloren, uns fehlte nur
die Zeit, um zu gewinnen“, kommentierte [2][Subcomandante Marcos] in einem
gewohnt ironischen Schreiben und erklärte, die Spieler seien Höhe und Klima
nicht gewöhnt.
Kurz betrat der zapatistische Fußball sogar die Weltbühne. Inter Mailands
Spielerlegende und damaliger Kapitän Javier Zanetti, heute Vizepräsident
des Klubs, überredet 2004 sein Team dazu, 5.000 Euro, einen Krankenwagen
und Sportutensilien an die EZLN zu spenden – heute kaum vorstellbar für
einen Weltklub. Auf Vereinspapier schreibt Zanetti dazu einen Brief. „Wir
glauben an eine bessere Welt, eine unglobalisierte Welt. Wir wollen euch in
eurem Kampf für eure Wurzeln und eure Ideale unterstützen.“
Es sind keine leeren Worte; nach eigenen Angaben besuchten Vertreter von
Inter Mailand bis 2016 zehnmal Chiapas, der Klub finanzierte dort etwa
Bildungsprojekte. „Unser Team spielt nicht nur Playstation“, kommentierte
Teammanager Bruno Bartolozzi das ungewöhnliche politische Engagement.
## Die Aufmerksamkeit für Chiapas schwindet
Für die zapatistische Bewegung ein PR-Geschenk. Subcomandante Marcos
schreibt 2005 an Inter-Präsident Massimo Moratti – und [3][lädt Inter zu
einem Spiel gegen die Zapatisten ein]. Es ist so etwas wie das damalige
Pendant zu einer gelungenen Social-Media-Kampagne. Der Brief, in dem Marcos
sich als Chef der Intergalaktischen Beziehungen des Zapatista-Nationalteams
vorstellt und Partien u. a. mit Diego Maradona als Schiri und Sócrates als
viertem Offiziellen vorschlägt, deren Erlöse an politische Zwecke gehen
sollen, schlägt hohe Wellen. „Vielleicht würden wir den Weltfußball
revolutionieren, und vielleicht würde Fußball aufhören, nur ein Geschäft zu
sein“, schreibt Marcos.
Für einen irrwitzigen Moment sieht es aus, als würde die Partie wirklich
stattfinden. Javier Zanetti nimmt die Einladung an, Moratti schreibt einen
Antwortbrief mit Zusage. „Jede Revolution beginnt im eigenen Strafraum und
endet zwischen den Pfosten des Gegners“, heißt es dort etwas ungelenk. Doch
dann wird nichts daraus. Vermutlich, weil Inter ahnt, dass die mexikanische
Regierung und mancher Sponsor nicht amüsiert wäre. So wird es still um
Inter und die Zapatisten.
Und auch sonst schwindet die Aufmerksamkeit für Chiapas. Die Eastern
Cowboys and Cowgirls machen 2006 mit einer Basketball-Tour ihren letzten
Trip. Bis heute existiert ihre Soli-Organisation Kiptik, die laut Beth
Simpson bisher insgesamt 150.000 Pfund für Wasserprojekte in Chiapas
gesammelt habe.
Doch auch Kiptik ist nicht mehr vor Ort tätig. Denn die Lage dort hat sich
drastisch verschlechtert. Kartelle, Paramilitärs, staatliche
Sicherheitskräfte und Konzerne auf der Jagd nach Rohstoffen [4][schnüren
den Zapatisten die Luft ab]. NGOs sprechen von einem „Krieg niedriger
Intensität“.
## Wie viel Revolution kann Fußball?
Auch intern gab es offenbar Probleme mit der Rätedemokratie und ihren
langwierigen Prozessen. 2023 kündigte die EZLN eine [5][Umstrukturierung]
mit mehr Fokus auf Lokalem an. Wimmer sieht in seinem Buch die Gefahr
„eines allmählichen Erosionsprozesses“, bei dem der Zapatismus „zwischen
staatlicher Politik und organisiertem Verbrechen zerrieben“ werde.
Heute hat Beth Simpson keine Kontakte mehr vor Ort. Auch Versuche der taz,
über lokale NGOs und Aktivist:innen beteiligte Personen von damals zu
finden, scheitern. Wegen der Sicherheitslage ist ein Besuch der entlegenen
Dörfer kaum möglich.
Was bleibt? Wie viel Revolution kann Fußball? „Was wir geschafft haben,
sind Verbindungen. Wir haben gezeigt, dass es Tausende Kilometer entfernt
Menschen gibt, denen ihre Sache wichtig ist. Wir haben Freundschaften
geschlossen. Es ist Politik auf Graswurzelebene.“ Ganz konkret sei erst
durch den Fußball die Organisation Kiptik entstanden, die in Chiapas Leben
rettete. Und was Fußball nicht kann? „Weltpolitik lösen.“ Trotzdem sagt
Simpson: „Ich bin stolz darauf, was wir geschafft haben.“
Gerne würde sie eigentlich irgendwann noch einmal nach Chiapas reisen. Um
zu sehen, was aus den Menschen von damals geworden ist. „Ich hoffe, sie
leben noch. Angesichts der Weltlage ist das vielleicht das Beste, worauf
man hoffen kann.“
10 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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