# taz.de -- Fußball als Weltbühne: Was mich an der WM fesselt
       
       > Fußball-Weltmeisterschaften sind großartig, nur mit dem Ballsport hat das
       > nichts zu tun. Es sind die Geschichten von Menschen überall auf der Welt.
       
 (IMG) Bild: Curacao-Fans im Stadion in Houston, Texas, 14. Juni
       
       Ob wir gehen können, fragte ich meinen Vater vorsichtig in der 37. Minute.
       Ich war sieben, und es war das zweite und letzte Mal, dass er mich zu einem
       Spiel von Mainz 05 mitnahm. Ich hatte Angst, ihn zu enttäuschen. Aber bei
       mir sprang kein Funken Begeisterung über. Schon zwei Jahre zuvor hatte mein
       Vater mich zum Training beim TSV Gonsenheim geschleppt, in der Hoffnung auf
       meine Karriere in der G-Jugend. Während die anderen Fünfjährigen mehr oder
       weniger Fußball spielten, stand ich irgendwie herum. An mehr erinnere ich
       mich nicht.
       
       Mein Vater war an jenem Tag im Stadion nicht traurig, wir gingen, und Mainz
       gewann auch ohne unsere Unterstützung von der Tribüne. Spätestens da war
       klar: Klein-Maurice wird kein Fußballfan. Und doch: Wenn WM oder EM ist,
       fängt es an. Plötzlich will ich alles wissen. Woher kommen die
       Mannschaften, wie alt sind die Spieler, wer ist der Jüngste, wer der
       Älteste. Ich grabe Statistiken aus und liebe die Außenseiter. [1][Als
       Island bei der EM 2016 England im Achtelfinale aus dem Turnier warf], hatte
       ich als zwischenzeitlicher Teilzeit-Isländer eine großartige Zeit.
       
       Für das Spielgeschehen selbst interessiere ich mich nie. Ich weiß grob, was
       Abseits ist, aber kenne keine Spielzüge, keine Fachbegriffe und will auch
       keine kennenlernen. Was mich fesselt, ist alles außer dem Ballsport: die
       Geschichten, die Zahlen, das Außergewöhnliche. Als Curaçao gegen
       Deutschland spielte, fieberte ich natürlich mit Curaçao. Und wurde dank
       Wikipedia und OpenStreetMap zwischenzeitlich auch zum Experten für den
       öffentlichen Nahverkehr der Insel.
       
       ## Neugier auf die Welt und ihre Menschen
       
       Ich kenne den Turnierbaum auswendig, ich weiß, nach wie vielen Roten Karten
       ein Spiel abgepfiffen werden muss und um die Mathematik des Weiterkommens.
       Vielleicht verbindet Fußball also doch? Nicht im Sinne eines
       Nationalgefühls. Aber im Sinne eines Bands zwischen mir, dem
       Fußball-Uninteressierten, und einer Welt, die ich sonst nicht verstehe. Die
       Weltmeisterschaft weckt meine Neugier auf die Welt und ihre Menschen und
       ihre Geschichten. Ob Fußball die Welt besser macht, weiß ich nicht. Aber
       mich machen diese Turniere glücklich, und ich bin froh, dass es sie gibt.
       
       Andererseits ist da die Fifa mit ihrem Charme einer Mafiaorganisation. Ich
       weiß [2][von den Arbeiter*innen, die beim Stadionbau in Katar starben]. Und
       von der immer gleichen Choreografie aus Empörung, Achselzucken und Anpfiff.
       
       Aber bin ich nicht auch Teil des Problems, Teil des Systems, das dafür
       sorgt, dass die Fifa-Turniere so weiter bestehen? Nein. Auch beim Fußball
       kann individuelle Konsumkritik nicht die Lösung sein. Politisch verändert
       sich nichts, wenn wir uns dafür schlecht fühlen, Weltmeisterschaften zu
       mögen.
       
       ## Soviel mehr als die Riege korrupter Funktionäre
       
       Denn auch wenn die Fifa uns weismachen will, dass eine WM ohne sie
       unvorstellbar ist, ist dieses Turnier so viel mehr als die Riege an
       korrupten Funktionären, die es organisiert. Noch mögen sie zarte Setzlinge
       sein, aber es gibt Ideen für einen anderen Fußball. Zum Beispiel den
       [3][Vorschlag meiner Kollegin Alina Schwermer] für einen Gegenverband zur
       Fifa mit echter Gewaltenteilung. Und für Weltmeisterschaften, deren Erfolg
       nicht am Profit, sondern an ihrem Wert für die lokale Bevölkerung, die
       Natur und den internationalen Zusammenhalt bemessen wird.
       
       Es sind diese Visionen, für die ich als ahnungsloser Nicht-Fußball-Fan mit
       weitreichenden Kenntnissen über karibische Inselstaaten, der ich nun einmal
       bin, eine Lanze brechen will. [4][Und bis dahin lassen wir uns von der Fifa
       nicht den Spaß an diesem Turnier verderben].
       
       20 Jun 2026
       
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