# taz.de -- Ostalgie und Realität: Von Diktatur keinen blassen Schimmer
       
       > Je länger die DDR Geschichte ist, desto häufiger wird sie als positiv
       > wahrgenommen. Das ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern auch
       > gefährlich.
       
 (IMG) Bild: Die Partei, die Partei, die hatte immer Recht- und wehe wenn nicht
       
       Die DDR war ein repressiv-diktatorischer Staat. Punkt. Daran gibt es nichts
       zu beschönigen oder zu verharmlosen. Und das hat nichts damit zu tun, dass
       es im Osten auch einen Alltag gab, in dem gelebt, geliebt, gelacht wurde.
       Wer aber im Betrieb, in der Schule oder in der Uni etwas Falsches sagte
       oder sich öffentlich über die „größte DDR aller Zeiten“ lustig machte,
       durfte ganz sicher damit rechnen, dass er [1][das nicht ungestraft tat].
       Daran können sich die meisten Älteren noch sehr genau erinnern.
       Hoffentlich.
       
       Dennoch macht sich seit einigen Jahren verstärkt Ostalgie breit. Doch eine
       Verherrlichung des toten Landes ist nicht nur [2][Geschichtsvergessenheit,
       sie ist vor allem gefährlich]. Insbesondere wenn zunehmend Jüngere, die
       nach dem Mauerfall geboren wurden, sich ein DDR-Bild aneignen, das mit der
       realen DDR nichts zu tun hat. Das stellt auch Brandenburgs
       Aufarbeitungsbeauftragte Maria Nooke fest: Je länger das Land Geschichte
       sei, desto stärker werde es positiv bewertet, heißt es in ihrem aktuellen
       Bericht.
       
       Mutmaßlich sind es Eltern und Großeltern, die ihren Kindern und Enkeln ein
       wie auch immer geartetes Ostgefühl einpflanzen. Immer häufiger fallen Sätze
       wie: „In der DDR gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Heute gibt es das
       nicht mehr.“ Das mag sein. Unterschlagen wird dabei aber, dass dieses
       solidarischere Miteinander vielfach geprägt war von Misstrauen und
       Kontrolle. 1989 gab es rund 280.000 hauptamtliche und inoffizielle
       Stasispitzel – also in jeder Brigade, in jeder Seminargruppe, in nahezu
       jedem Wohnhaus, selbst in Schulklassen. Mit Freiheit und Selbstbestimmung,
       wie wir sie heute kennen, hatte das nichts zu tun.
       
       Wer sich die DDR zurückwünscht – auch das hört man heute – verharmlost die
       Diktatur. Junge Menschen, die nach dem Ende der DDR groß geworden sind,
       haben allerdings [3][keinen blassen Schimmer vom Leben in einer Diktatur].
       Was hilft dagegen? Reden und aufklären – gleichwohl ohne die DDR zu
       verteufeln. Denn Dämonisierung allein kann das Gegenteil befördern:
       Ostalgie.
       
       10 Jun 2026
       
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