# taz.de -- Jürgen Kuttner hat fertig: „Es ist zum Kotzen und zum Weinen“
> Jürgen Kuttners allerletzter Videoschnipselvortrag an der Volksbühne ist
> ein wehmütiger Abend. Nach 30 Jahren und 200 Shows soll Schluss damit
> sein.
(IMG) Bild: Jürgen Kuttner singt bei seinem allerletzten Videoschnipselabend
Es gibt eine Show vor der Show. An diesem – das Wort ist angebracht –
historischen Dienstagabend hat die (Satire-)Partei Die Partei vor der
Volksbühne Stellung bezogen und beschallt das Publikum mit allerhand
Parolen, die sich um Jürgen Kuttner drehen.
Der 68-Jährige hält im ausverkauften Haus seinen allerletzten
Videoschnipselabend. Nach 30 Jahren und 213 seiner Shows ist endgültig
Schluss. Matthias Lilienthal, der neue Volksbühnenintendant, will Kuttners
Reihe nicht fortsetzen und hat [1][andere Pläne, es wird explizit queer.]
Die Partei findet diesen Rauswurf doof und fordert die Volksbühne auf,
Kuttner (nicht queer, sondern hetero) weiterzubeschäftigen. Und wenn das
nicht klappt, wäre Kuttner doch der beste Kultursenator, den sich Berlin
vorstellen könnte. Der Posten ist bekanntlich [2][mehr als vakant].
## Diesmal kein roter Faden
Der Beginn wurde klugerweise eine Stunde nach vorn verlegt. Schon da war zu
ahnen, dass es ein ganz langer Abschiedsabend werden würde, dieses Best-of
aus den Programmen der letzten Jahrzehnte. Sonst gab es stets ein Thema, an
dem sich der Gedankenjongleur Kuttner entlanghangelte, zuletzt „Männer und
Frauen“. Ein Mann sitzt wie immer am Rand der Bühne: André Meier, der sich
die Videoschnipselabende zusammen mit Kuttner ausdenkt.
Aber so ein Mist, ausgerechnet beim letzten Mal gibt es keinen roten Faden,
wehklagte Kuttner, dafür das bekannte Potpourri aus ost- und westdeutschen
Fernseharchivschätzen nebst den Assoziationsketten, für die der promovierte
Kulturwissenschaftler und Gelegenheitsmarxist so bekannt wie beliebt ist.
Im Publikum sitzen allerhand prominente Leute. Matthias Lilienthal ist auch
gekommen, er sitzt wie der Autor dieses Textes in Reihe 22. Vielleicht
überdenkt er seine Entscheidung nach diesem Abend noch einmal? Kuttner
spricht den neuen Intendanten mit Vornamen – man kennt sich ja gut aus
frühen Volksbühnenjahren – mehrfach an und gibt zum Ende gar eine singende
Bewerbung mit einem umgetexteten Lied von Marius Müller-Westernhagen ab:
„Darum bin ich froh, dass ich kein Ostler bin, denn Ostler sein ist ’ne
Quälerei.“
Ach, Wehmut liegt in der Luft. Passend dazu ging es mit Archivaufnahmen des
nordkoreanischen Fernsehens los, die verzweifelt weinenden Menschenmassen
zeigen, weil ein „lieber Anführer“ von ihnen gegangen ist. Und weil Kuttner
jetzt gehen muss, ist sein Konterfei auf der riesigen Leinwand zu sehen.
## Der Abschied fällt Kuttner nicht leicht
„Wer ist zum ersten Mal da?“, fragt er ins Publikum. Vielleicht 20 Arme
gehen hoch. „Schämt euch!“, beschimpft er die „Idioten“ – das bringt einen
Lacher. Und los geht es mit der Dampfplauderei auf hohem Niveau, versetzt
mit Kraftausdrücken. Wie wichtig die Volksbühne für ihn ist, erzählt
Kuttner, mit 15 Jahren hat er dort sein erstes Theaterstück gesehen, seit
1993 arbeitet er hier.
Kuttner schlägt wie immer verbale Kapriolen, verliert sich in
Gedankengängen und kommt zurück oder bricht auch mal ab, bindet wichtige
Klassiker (Brecht), platte Alltagsphrasen wie geniale Zitate ein: „Heute
mach ich mir kein Abendbrot, heute mache ich mir Gedanken“ (Wolfgang
Neuss). Und singt schon mal ein altes DDR-Kinderlied aus dem Stegreif.
„Bummi, Bummi“. Ja, er überschlägt sich fast, die Zeit, die Zeit, und wirkt
nervöser als sonst, ja larmoyant. Doch das sei ihm verziehen. Der Abschied
fällt dem Mann nicht leicht. „Es ist zum Kotzen“, lautet an diesen Abend
sein Mantra, „es ist zum Weinen.“ Das Publikum geht gut mit und ist vom
„freien assoziierten Denken“ begeistert.
Die meist bekannten Videoschnipsel sind wie stets ausgesuchte Raritäten und
alles Lieblingstücke, wie Kuttner sagt. Dabei geht es ja immer um Alltags-
und Mentalitätsgeschichte im Osten und Westen und um aberwitzige Thesen,
die sich zu absurd anmutenden, dennoch lustigen Pointen hochschrauben.
Zu absurd, zu verkrampft, zu piefig sind etwa schwarz-weiße TV-Ausschnitte,
die eine DDR-Staatsbürgerkundestunde und Kinder zeigen, die
Auswendiggelerntes zum Besten geben. Kuttner erkennt in dem Ausschnitt „das
Subversive der Langeweile“. Noch lustiger das Westpendant: Irgendwo im
Süddeutschen werden zur Weihnachtszeit Lieder von Kindern und Frauen mit
aufgeklebten Bärten gesungen. Zum Fest wird an alle gedacht, die Not
leiden: vor allem die aus der Ostzone.
Gut, dass seine Show immer wieder von musikalischen Darbietungen
unterbrochen wird. Die Volksbühnenhausband spielt auf, die Bolschewistische
Kurkapelle Schwarz-Rot natürlich auch. Eine Hitlerpuppe gibt ein Ständchen
und Sigmund Freud (ebenfalls als Handpuppe) singt „Boys Don’t Cry“. Ob
Kuttner nicht doch eine Abschiedsträne verdrückt, ist aus Reihe 22 nicht zu
erkennen. Die Rührung ist aber fast mit Händen zu greifen.
Zum Schluss der bekannte Rausschmeißer. 30 Jahre lang gab es zum Ende einen
Wahlkampfclip der Grünen von 1982, in dem Joseph Beuys arg unbeholfen „Wir
wollen Sonne statt Reagan“ singt. Das ist immer noch witzig und schräg. Und
auch beim letzten Mal kann Kuttner das Video minutenlang deuten und
quasseln, was das Zeug hält. Echte Berliner Schnauze eben.
Fast vier Stunden, bis kurz vor Mitternacht, halten Kuttner und das
Publikum durch. Zum Abschluss gibt es Glitter, Diskokugel und genau 90
Sekunden Applaus, ausnahmsweise mal länger als sonst. Kuttner stellt die
Stoppuhr. Standing Ovations. Auch der neue Intendant steht klatschend auf.
Die 90 Sekunden sind schnell rum. Das Licht geht an, das Mikro aus. Danach
wollte Kuttner in die Volksbühnenkantine gehen und sich besaufen.
10 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Indendanz-an-Berliner-Volksbuehne/!6184038
(DIR) [2] /Finanzsenator-wird-auch-Kultursenator/!6175078
## AUTOREN
(DIR) Andreas Hergeth
## TAGS
(DIR) Jürgen Kuttner
(DIR) Berliner Volksbühne
(DIR) DDR
(DIR) BRD
(DIR) Video
(DIR) Deutsche Geschichte
(DIR) Beziehung
(DIR) Ostberlin
(DIR) Heiner Müller
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Sarah Kuttner über Love Scamming: „Mit Verliebten kann man nicht diskutieren“
Sarah Kuttner hat ihre Mutter erst an einen Betrüger, dann an den Tod
verloren – und ein Buch darüber geschrieben. Ein Gespräch über Liebe,
Familie und Therapie.
(DIR) Klassentreffen der ost-taz: Eine fällige, freie, freche Zeitung
Mit einer Doku erinnert Michael Biedowicz an eine besondere Episode der
taz-Geschichte. Am Sonntag feierte der Film in Berlin Premiere.
(DIR) Skandal-Revival am Deutschen Theater: Bauer mit roter Fahne
Heiner Müllers „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ am Deutschen
Theater Berlin, inszeniert von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner.