# taz.de -- Anthropic: Anthropos, Ethos, Pathos
       
       > Anthropic gibt sich als Gewissen der KI-Branche. Ein Blick auf die
       > Geschäfte des Unternehmens zeigt, wie weit Anspruch und Praxis
       > auseinanderliegen.
       
 (IMG) Bild: Kultiviert einen quasi-philosophischen Anspruch: Anthropic-Gründer Christopher Olah, hier beim Papstbesuch am 25. Mai im Vatikan
       
       Ende Mai lud der Vertreter Gottes auf Erden zur Vorstellung seiner ersten
       Enzyklika in den Vatikan. Der Anlass: die Gefahren der künstlichen
       Intelligenz. Auf der Veranstaltung warnte Papst Leo, dass die Entwicklung
       mächtiger KI-Werkzeuge in eine neue Art der Sklaverei münden könnte. Die
       KI, sagte Leo, müsse „entwaffnet“ werden.
       
       Bei seiner Präsentation war der Papst nicht allein. Neben ihm auf der Bühne
       stand Christopher Olah, einer der Mitgründer des KI-Unternehmens Anthropic.
       Dass der Vatikan gute Beziehungen zu Anthropic kultiviert, mag einleuchten,
       präsentiert sich dessen Führung seit seiner Gründung doch als das
       „ethische“ KI-Unternehmen. Und Olah selbst kultiviert einen
       quasi-philosophischen Anspruch: Er wolle die Algorithmen neuronaler
       Netzwerke für Menschen verständlich machen.
       
       So rückt allein der Name von Anthropic den Menschen, auf Griechisch
       „Anthropos“, in den Mittelpunkt. Leos Enzyklika zelebriert derweil
       [1][unter dem lateinischen Titel „Magnifica Humanitas“ die Menschheit.] Rom
       und Athen, die Kirche und die (Tech-)Philosophie, reichen sich hier im
       Vatikan die Hand. Doch an der Selbstvermarktung von Anthropic als
       moralischer Leuchtturm in der rauen Welt des Silicon Valley gibt es
       berechtigte Zweifel.
       
       Das Unternehmen wurde 2021 von früheren OpenAI-Mitarbeitern gegründet.
       Mittlerweile liegt es in der Bewertung der privaten Investoren sogar vor
       OpenAI – und Anthropic bereitet aktuell seinen Börsengang vor. Vor fünf
       Jahren waren die Gründer getrieben von der Überzeugung, dass die Sicherheit
       der Menschen im Mittelpunkt der KI-Entwicklung stehen sollte. Über eine ihm
       eingeschriebene „Verfassung“ soll Anthropics Chatbot „Claude“ ethischen
       Standards folgen und kontrollierbar bleiben.
       
       ## Fragwürdige Kooperationen mit der US-Regierung
       
       Schaut man sich jedoch die jüngere Geschichte des Unternehmens an, bekommt
       dieses Image Risse. Vor einigen Wochen wurde die Anthropic-Führung in den
       Schlagzeilen gefeiert, weil sie die Regierung verpflichten wollte, ihre
       Technik nicht für voll autonome Waffensysteme und für die Überwachung von
       US-Bürgern zu nutzen. Die Regierung reagierte empört, und stufte Anthropic
       als „Risiko für die Lieferkette“ der USA ein, wogegen das Unternehmen nun
       klagt.
       
       Zu kurz kommt dabei der Umstand, dass Anthropic bereits auf fragwürdige
       Weise mit der US-Regierung kooperiert. 2025 schloss der Konzern einen
       200-Millionen-Dollar-Deal mit Trumps Verteidigungsministerium, dem
       Anthropic sein Large-Language-Model Claude für die Entwicklung moderner
       Tötungsmaschinen bereitstellt. Die Arbeit an autonomen Waffensystemen
       firmiert im Pentagon [2][unter dem Namen „Project Maven“]. Mit von der
       Partie sind auch Peter Thiels Überwachungsunternehmen Palantir und Amazon.
       
       Anthropics KI ermöglicht es Analysten des Militärs, alle möglichen
       Informationen – von Berichten bis Satellitenbildern in Sekundenschnelle zu
       durchforsten. Claude hilft bei der Auswahl von Zielen und liefert die
       juristische Rechtfertigung für den Angriff gleich mit. Auf Palantirs
       AIPCon-Konferenz im März beschrieb der dort angestellte Chad Wahlquist die
       Nützlichkeit von Project Maven für den US-israelischen Angriffskrieg auf
       den Iran.
       
       „Normalerweise hätten wir 2.000 Geheimdienstoffiziere, die versuchen, Ziele
       zu identifizieren und Daten zu analysieren. Jetzt sind es 20, und sie haben
       das Tempo noch erhöht“, sagte Wahlquist. Laut der Reporterin Katrina Manson
       ermöglichen moderne Sprachmodelle die Generierung von etwa [3][5.000
       Angriffszielen pro Tag.]
       
       Auch wenn in diesen Entscheidungsketten formal noch Menschen das letzte
       Wort haben: Lässt sich die Frage stellen, ob angesichts der
       Leistungssteigerung durch KI der menschliche Beitrag nicht auf eine
       Formalität reduziert wird? 2018 noch protestierten 3.000 Google-Angestellte
       gegen die militärische Nutzung ihrer Arbeit, woraufhin der Konzern einen
       Rückzieher machte.
       
       Heute arbeitet das „ethischste“ KI-Unternehmen an der Automatisierung der
       Kriegsmaschinerie. Und auch Anthropic-CEO Dario Amodei [4][spricht sich
       nicht für ein generelles Verbot autonomer Waffen aus] – nur unter heutigen
       Bedingungen seien diese abzulehnen. Wenn Papst Leo es also ernst meint mit
       der Entwaffnung der KI, dann muss er auch Anthropic meinen.
       
       19 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html
 (DIR) [2] https://monde-diplomatique.de/artikel/!6152179
 (DIR) [3] https://monde-diplomatique.de/artikel/!6152179
 (DIR) [4] https://darioamodei.com/post/policy-on-the-ai-exponential
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leon Holly
       
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