# taz.de -- Anthropic und die US-Regierung: Mit dem Weltuntergang Geschäfte machen
> Die neuen Chatbots der KI-Firma Anthropic sind vielleicht doch nicht so
> gefährlich, wie sie selbst und die US-Regierung behaupten. Warum werden
> sie dann gesperrt?
(IMG) Bild: Der Fall Anthropic zeigt: Die US-Regierung kann der IT-Infrastruktur über Nacht den Stecker ziehen
Beim Thema KI denken viele wohl zuerst an Sprachmodelle wie ChatGPT. Die
einen nutzen den Chatbot, der jede Frage innerhalb von Sekunden
beantwortet, als Suchmaschine oder um E-Mails zu verfassen. Andere
generieren damit lustige Katzenbilder oder die Flyer für die nächste
WG-Party.
Und wieder anderen graut es vor der bösen Super-KI. Etwas wie das Netzwerk
Skynet aus dem Sci-Fi-Film „Terminator“ von 1984, das ein Bewusstsein
entwickelt, Atomwaffen abfeuert und die Menschheit unterjocht.
Genau mit dieser Angst spielte das US-Unternehmen Anthropic Anfang April,
als es die neue Version seines Sprachmodells „Claude“ ankündigte, dem
Konkurrenzprodukt zu ChatGPT. „Mythos“, so der Versionsname, sei viel zu
gefährlich für den öffentlichen Gebrauch – und werde daher vorerst nicht
veröffentlicht. Denn: Das neue Modell übertreffe „[1][alle Menschen außer
den Versiertesten darin, Schwachstellen in Software zu finden und
auszunutzen“.] Was, wenn das in falsche Hände geriete?
Diese Warnung nahm die US-Regierung anscheinend sehr ernst. Am 12. Juni
wies das Handelsministerium Anthropic an, den neuen Chatbot wegen
Sicherheitsbedenken für Nichtamerikaner:innen abzuschalten, im Aus- und
Inland – sogar für Mitarbeiter:innen des Konzerns.
## Wie gefährlich sind Mythos und Fable 5 wirklich?
Anthropic hatte Mythos zuvor doch veröffentlicht, aber in seiner
„abgesicherten“ Version „Fable 5“. Diese verwies jeden, der Suchbegriffe
wie „IT-Sicherheit“, „Hacking“ oder auch „Biowaffen“ eingab, an das
nächstleistungsschwächere Modell des Unternehmens.
Kurz darauf warnte jedoch Amazon-CEO Andy Jassy die US-Regierung davor,
dass die Schutzmechanismen von Fable 5 umgangen werden könnten. Anthropic
konnte das nicht völlig ausräumen. Und weil die weitreichenden Wünsche der
Regierung [2][laut dem KI-Unternehmen] nicht direkt umzusetzen waren,
sperrte es den neuen Bot gleich weltweit.
Doch sind Mythos und Fable 5 wirklich so gefährlich? Fest steht: Die beiden
KI-Modelle sind besonders gut darin, mithilfe sogenannter Agenten schnell
und automatisiert Sicherheitslücken in einer Software zu suchen. Wenn sie
eine Schwachstelle finden, können sie ein „Exploit“ erzeugen, um diese
auszunutzen. Etwa ein Programm, das in der Lage ist, die Firewall eines
Servers zu durchdringen.
Vor zwei Wochen [3][erklärte jedoch Jason Clinton], stellvertretender
Leiter für Informationssicherheit bei Anthropic, er vermute, dass in sieben
bis zehn Monaten auch KI-Modelle, die für jeden kostenfrei zugänglich sind,
Ähnliches können werden. Wenn es so weit sei, „werden wir die härteste und
schwierigste Zeit unserer Karriere als Cybersicherheitsexperten
durchmachen“.
## Unzumutbar gefährlich?
Dirk Engling vom Chaos Computer Club (CCC) sieht das nüchterner: „Was
Anthropic macht, ist keine Magie. Es gibt bereits jetzt
Open-Source-Projekte, die Ähnliches können wie Mythos und Fable“, erklärt
er der taz am Telefon. Das US-Unternehmen verfüge lediglich über das Geld
und die nötige Rechenleistung, um schnell eindrucksvolle Ergebnisse zu
präsentieren.
Unzumutbar gefährlich für Banken, Regierungen oder den medizinischen Sektor
sei das nicht. Engling stimmt zwar zu, dass der IT-Branche eine stressige
Zeit bevorstehe. Aber: „Alle Projekte, die bisher auf Hygiene in ihrer
Softwaresicherheit geachtet haben, bekommen mit den Agenten ja selbst
Werkzeuge in die Hand, um Sicherheitslücken zu finden.“ Dann stünden viele
Updates und Patches an.
Am Ende sehe er durch neue KI jedoch „eher gute Aussichten auf eine
nachhaltige Verbesserung der durchschnittlichen Softwarequalität, auch aus
Sicherheitsperspektive“.
## Sicherheitslücken ausnutzen
Warum will die US-Regierung Claude dann so dringend für Ausländer
verbieten? Engling interpretiert das so: „US-Geheimdienste haben bisher für
teures Geld Arsenale an Exploits eingekauft“, um entweder selbst
Sicherheitslücken auszunutzen oder sie als Druckmittel gegen Akteure im
Ausland einzusetzen. Nun wollten sie nicht, sagt er, dass diese von
ausländischen Anthropic-Kund:innen „wiederentdeckt und dann unschädlich
gemacht werden“.
Auch andere in der Branche vermuten, das Vorgehen der US-Regierung sei
wirtschaftlich motiviert – und politisch. Aus guten Gründen. Personen aus
dem Umfeld von Anthropics Erzrivalen OpenAI, Schöpfer:innen von ChatGPT,
haben mehrfach hohe Summen an regierungsnahe Institutionen gespendet.
[4][Ende 2025 gaben etwa OpenAI-Präsident Greg Brockman und seine Frau 25
Millionen US-Dollar an die Lobbyorganisation MAGA Inc.]
Aus den Reihen von Anthropic ist nichts dergleichen bekannt. Stattdessen
liegt der Konzern mit der US-Regierung im Clinch – auch wegen Zerwürfnissen
bei KI-gestützter Waffentechnik. Am Freitag deutete US-Präsident Donald
Trump in einem Interview bei The Axios Show an, dass sich der Konflikt bald
entspannen könnte. Auch ein Sprecher von Anthropic äußerte sich
entsprechend.
## Präzedenzfall für amerikanische Exportkontrollen
Markus Beckedahl vom Zentrum für Digitalrechte und Demokratie blickt in
puncto IT-Sicherheit weniger entspannt in die Zukunft als Dirk Engling vom
CCC. Einig sind sich die beiden jedoch darin, dass die Vorgänge um
Anthropic ein weiteres Signal in Richtung Europa seien, sich unabhängiger
von US-Software zu machen.
„Bisher war das immer nur eine theoretische Warnung, dass die US-Regierung
über Nacht Exportkontrollen auf amerikanische Infrastruktur verhängen kann,
die wir hier einsetzen“, sagt Beckedahl der taz. „Jetzt haben wir dafür
einen Präzedenzfall.“
Für Anthropic kommt die KI-bedingte Weltuntergangsstimmung vor dem
[5][geplanten Börsengang] einem gelungenen PR-Stunt gleich. Eine bessere
Werbung als eine US-Regierung, die dein Produkt verbieten will, weil sie
sagt, es sei zu gut in dem, was es tut, kann sich wohl niemand wünschen.
21 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.anthropic.com/glasswing
(DIR) [2] https://www.anthropic.com/news/fable-mythos-access?utm_source=chatgpt.com
(DIR) [3] https://x.com/TheTranscript_/status/2065883670053847324
(DIR) [4] https://www.golem.de/news/maga-inc-tech-milliardaere-spenden-weiter-an-trump-2602-205009.html
(DIR) [5] /Entwickler-von-Chatbot-Claude/!6183646
## AUTOREN
(DIR) Fabian Schroer
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