# taz.de -- KI im Journalismus: Text ohne Autor
       
       > Ein KI-Skandal erschüttert den Journalismus. Aber ist es überhaupt einer?
       > Die Medienbranche ist geteilter Meinung. Sicher ist: Sie wandelt sich.
       
       Manchmal verdichten sich große Fragen in ganz kurzer Zeit. Der Freitag vor
       einer Woche war so ein Tag, an dem sich in wenigen Stunden eine Debatte
       beschleunigte, die den Journalismus noch lange beschäftigen wird.
       
       Mathias Döpfner, der Chef des Springer-Verlags, [1][veröffentlichte einen
       Kommentar], von dem er behauptet, er sei zu 100 Prozent von einer
       künstlichen Intelligenz geschrieben. Die KI kommt von Google, von jenem
       Unternehmen also, das Döpfner früher bekämpft hat.
       
       Döpfner spottet in seinem Text über die FAZ, die einen Gastbeitrag des
       thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt gelöscht hatte, weil dieser
       Text teilweise KI-generiert war. Ein „postmoralischer Feldzug“ sei das,
       schrieb Döpfner. Medien, die sich gegen KI wehren, verglich er mit der
       Postkutschen-Lobby, die verzweifelt versuche, das Automobil zu verbieten.
       Qualitätsjournalismus sei das nicht, schlussfolgerte Döpfner, besser
       gesagt: die KI für ihn.
       
       Was Qualitätsjournalismus ganz sicher nicht ist, stellte wenige Stunden
       später der Tagesspiegel klar, nämlich: ganze Texte von einer KI schreiben
       lassen. Dort hatte man den ehemaligen Chefredakteur und Herausgeber
       Stephan-Andreas Casdorff überführt, der genau das getan hatte.
       
       Anders als Döpfner hatte Casdorff es nicht kenntlich gemacht. KI sei kein
       Mittel, das „den Kern unserer Arbeit übernehmen darf“, [2][schrieb die
       Chefredaktion]. Casdorff räumte ein, einen „Riesenfehler“ gemacht zu haben.
       Der Tagesspiegel pausiert die Zusammenarbeit.
       
       ## Zwischen KI-Euphorie und Verweigerung
       
       Da lassen also zwei Alpha-Männer des Journalismus ihre Texte von der KI
       schreiben. Der eine feiert seinen Text als intellektuelle Provokation. Der
       andere hat die KI heimlich genutzt und darf vorerst nicht mehr schreiben.
       Beide stehen für zwei Pole, zwischen denen alle Redaktionen hin- und
       herirren. Sie alle treibt die Frage um: Darf, soll, kann die KI den
       Journalismus ergänzen – oder wird sie ihn abschaffen?
       
       Alle Redaktionen nutzen längst KI, auch die taz. Die meisten
       Journalist:innen lassen Interviews transkribieren, andere entwerfen
       Artikelüberschriften oder optimieren ihre Texte so, dass Suchmaschinen sie
       schneller finden. Aber ganze Texte schreiben zu lassen, das war in den
       meisten Redaktionen bisher kein Thema.
       
       Im Tagesspiegel hat die Nachricht von Stephan-Andreas Casdorff das Haus
       aufgewühlt. Casdorff entschuldigte sich persönlich in der
       Redaktionsversammlung. Viele Kolleg:innen seien sehr betroffen gewesen,
       heißt es. Das wöchentliche „All hands meeting“ wurde auf Montag vorgezogen.
       Es wurde so voll, dass der Konferenzraum kaum ausreichte. Über das
       Wochenende hatte sich Frust aufgestaut, Unverständnis, aber auch
       Verunsicherung.
       
       Seit Februar dieses Jahres soll Casdorff, intern nur cas genannt, Texte von
       einer KI schreiben lassen haben, rund 50 sollen es gewesen sein.
       Aufgeflogen ist das nach dem Tweet eines Informatik-Professors.
       
       ## „KI wird unseren Beruf grundlegend verändern“
       
       Casdorff, der zuletzt als „Editor-at-large“ nur noch geschrieben hat, soll
       einerseits eine große Faszination für die KI geschildert haben,
       andererseits einen hohen Druck. Er gilt als Vielschreiber, Vorgaben, wie
       viele Texte er zu schreiben habe, soll es aber nicht gegeben haben. Auf
       eine taz-Anfrage hat Casdorff nicht reagiert.
       
       Christian Tretbar ist Chefredakteur des Tagesspiegels, er kam als Volontär
       zu der Zeitung, als Casdorff noch Chefredakteur war. Man hört ihm den
       Schock am Telefon noch an. „Die Entscheidung, die Zusammenarbeit zu
       pausieren, war hart, aber ich musste sie treffen, um den Tagesspiegel zu
       schützen.“ Tretbar sagt, er hätte nicht geglaubt, dass so ein Fall in
       seiner Zeitung möglich sei. Er sei in seiner Dimension „wohl eher
       einmalig“.
       
       Hört man sich um in der Redaktion, sagen einige, Casdorff mag besonders
       viel mit KI gearbeitet haben, allein sei er damit aber nicht. KI werde von
       einigen umfassend eingesetzt. Die Chefredaktion hat die Redaktion immer
       wieder ermutigt, KI zu nutzen. Auf einem „KI-Spielplatz“ konnte sie sich
       ausprobieren, mittwochs wird der „Prompt der Woche“ präsentiert, der Befehl
       also, der die KI Titelvorschläge machen lässt oder die wichtigsten Aussagen
       aus Texten herauszieht.
       
       Tretbar findet all das weiter richtig. „KI wird unseren Beruf grundlegend
       verändern. Wir werden natürlich weiter mit ihr arbeiten.“ Er glaubt, dass
       die KI den Redaktionen vieles erleichtert. „Wir werden uns wieder auf das
       konzentrieren können, wofür wir Journalistinnen und Journalisten geworden
       sind: rausgehen, recherchieren, mit Menschen sprechen.“ Nur müsse eben
       jedes Medium entscheiden und stets neu evaluieren, wo die Grenze verläuft.
       
       ## Uneindeutige KI-Richtlinie als Teil des Problems
       
       Was viele in der Redaktion ärgert, ist, dass eben jene Grenze aus ihrer
       Sicht bislang nicht eindeutig klar war. Zwar gibt es eine KI-Richtlinie,
       die ist allerdings äußerst knapp. Darin heißt es, KI könne bei der
       Recherche und beim Erstellen von Texten unterstützen. Wenn sie wesentlich
       beteiligt sei, müsse das kenntlich gemacht werden.
       
       Christian Tretbar sagt, dass ohnehin schon in Arbeit war, die Richtlinien
       mit konkreten Beispielen zu untermauern. Er verstehe den Wunsch danach. Zur
       Wahrheit gehöre für ihn aber auch, dass Journalismus immer Aushandlung sei.
       „Journalisten haben normalerweise ein Gespür dafür, wie weit sie gehen
       könnten und im Zweifelsfall können sie auch mit Kolleginnen und Kollegen
       darüber reden.“ Die Chefredaktion wird die Leitlinien aktualisieren.
       
       Für einige beim Tagesspiegel ist die KI vor allem Entlastung. Viele
       beklagen großen Druck: Immer weniger Leute müssten immer mehr schreiben, um
       immer mehr Abos zu generieren. „Content-Schrubberei“, nennt das jemand.
       Umfragen unter Mitarbeitenden hatten gezeigt, dass die Stimmung im Haus
       schlecht ist. Im vergangenen Jahr hatte der Verlag ein Abfindungsprogramm
       gestartet, angenommen haben es wenige.
       
       Die neue Technologie trifft auf eine Branche in der Krise. Mit ihrem
       klassischen Geschäftsmodell verdienen Verlage immer weniger Geld. Stellen
       wurden gestrichen, Tarifgehälter werden längst nicht mehr flächendeckend
       bezahlt. Die Frage, welche Rolle KI in den Medien spielt, ist also nicht
       nur eine technologische, sondern auch eine wirtschaftliche. Leistet die
       Maschine bald schneller und billiger das, was heute teure
       Redakteur:innen leisten?
       
       ## Wenn Inhalte zweitrangig sind
       
       Der Fall von Stephan-Andreas Casdorff zeigt auch, dass Inhalte zum Teil
       zweitrangig geworden sind. Im Nachhinein lesen sich seine KI-generierten
       Texte, die der Tagesspiegel offline genommen hat, wie eine
       Aneinanderreihung von Plattitüden.
       
       Warum das nicht früher aufgefallen ist, kann auch Chefredakteur Tretbar
       nicht eindeutig beantworten. Natürlich werde man sich die internen Prozesse
       anschauen. Nur sei für ihn auch klar: Der Fehler ist nicht zuerst bei denen
       zu suchen, die mit den Texten gearbeitet haben.
       
       Markus Knall findet die Debatte überzogen. Er glaubt, Journalismus brauche
       nicht weniger, sondern mehr KI. Knall ist Chefredakteur von Ippen.Media. Er
       verantwortet ein Netzwerk aus 70 Websites, darunter 20 Lokalzeitungen vom
       Münchner Merkur bis zur Frankfurter Rundschau. Gesamtauflage: 750.000,
       monatliche Online-Nutzer: 27 Millionen.
       
       Seit Jahren wirbt Knall auf Branchenkonferenzen für den Einsatz von KI im
       Journalismus. Seine Präsentationen lässt er von einer KI bauen, seinen
       Alltag organisieren KI-Agenten. Sie protokollieren für ihn Sitzungen,
       fassen die Nachrichten zusammen, sortieren sein Mail-Postfach.
       
       Am Dienstagnachmittag nimmt er in seinem Verlagshaus in München vor einem
       Bildschirm Platz, um mit der taz zu sprechen. „Mit der KI werden wir die
       Qualität von Journalismus steigern“, sagt er. „Wenn eine KI für einen
       Artikel Hunderttausende Texte aus unserem Archiv auswertet, bringt das mehr
       analytische Tiefe, als ein einzelner Redakteur je könnte.“
       
       Ippen.Media lässt komplette Texte von KI erstellen, nach Wahlen zum
       Beispiel. „Deutschland hat 11.000 Gemeinden. Kein Mensch kann für jede
       einzelne in der Wahlnacht einen Text schreiben. Die KI schon.“ Die KI zieht
       sich die Ergebnisse und macht daraus einen Text – kein „human in the loop“
       mehr, wie Knall es nennt. Kein Mensch im Arbeitsablauf.
       
       Der Journalist der Zukunft, sagt Knall, werde ein „KI-Komponist“ sein.
       Einer, der weiß, womit er die KI füttern muss, damit sie das richtige
       Ergebnis ausspuckt. Das sei doch die eigentliche Leistung von Journalismus.
       „Niemand ist Journalist geworden, um Texte zu tippen.“ Komplett auf
       Menschen verzichten will er allerdings nicht, auch moderne Reporter werde
       es brauchen. Knall nennt sie „Creator“.
       
       Negative Rückmeldungen habe er bisher zu KI-Texten nicht bekommen, sagt
       Knall. Er glaubt, das Publikum werde es bald schätzen, wenn die Maschine
       schreibt. „Das werden Texte sein, ohne Rechtschreibfehler, ohne inhaltliche
       Fehler, gut strukturiert und ohne den weltanschaulichen Bias, den
       Journalisten haben.“
       
       ## Wie KI den Journalismus verändern kann
       
       Wie die KI neue Formen von Journalismus hervorbringt, haben zuletzt die
       [3][Veröffentlichungen der NSDAP-Mitglieder-Dateien] bei Zeit und Spiegel
       gezeigt. Kaum eine Recherche vorher hat den beiden Medienhäusern so viele
       neue Abonnent:innen gebracht wie diese Datenbank. Möglich war dies nur,
       weil eine KI Millionen von Karteikarten geordnet und durchsuchbar gemacht
       hat.
       
       Die KI schafft damit Service. Was aber ist mit dem, was
       Journalist:innen seit jeher tun: recherchieren, einordnen, schreiben,
       produzieren, senden?
       
       Das, so steht es in vielen Leitfäden verschiedener Redaktionen, sollte im
       Großen und Ganzen weiter beim Mensch bleiben. Selbst Springer definiert das
       so. Die Frage ist nur, was das konkret heißt.
       
       Ganz deutlich wird die Ostdeutsche Medienholding, der Verlag des
       Softwareunternehmers Holger Friedrich, der die Ostdeutsche Allgemeine
       Zeitung und die Berliner Zeitung herausgibt. Die hat gerade ihre
       KI-Richtlinien veröffentlicht, nachdem ein Nutzer der
       Social-Media-Plattform Bluesky herausgefunden hatte, dass auch in diesen
       Medien ein Großteil der Texte mit KI geschrieben worden sein dürfte.
       
       In den Leitlinien heißt es: KI werde „über kurz oder lang an allen Texten
       beteiligt sein“. Eine Kennzeichnung, welche Texte mit oder allein durch
       eine KI verfasst worden sind, sei daher nicht mehr zeitgemäß.
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.welt.de/debatte/article6a2aad4c6bb5c7fe2e1c1e2a/ki-debatte-um-mario-voigt-die-maschinen-stuermer-von-der-faz-willkommen-im-jahr-2026.html
 (DIR) [2] https://www.tagesspiegel.de/in-eigener-sache-editor-at-large-muss-publizistische-aufgaben-vorerst-ruhen-lassen-15708436.html
 (DIR) [3] /NSDAP-Datenbanken-von-Spiegel-und-Zeit/!6177408
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Fromm
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) KI und Journalismus
 (DIR) Tagesspiegel
 (DIR) Mathias Döpfner
 (DIR) Frankfurter Rundschau
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Axel Springer
 (DIR) GNS
 (DIR) KI und Journalismus
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) KI und Journalismus
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Social Media im arabischen Raum: Wenn der syrische Präsident zum Meme wird
       
       Die Autorin produziert satirische Videos mithilfe von künstlicher
       Intelligenz. Im arabischen Raum verändert sich das Vertrauen in Medien.
       
 (DIR) Anthropic und die US-Regierung: Mit dem Weltuntergang Geschäfte machen
       
       Die neuen Chatbots der KI-Firma Anthropic sind vielleicht doch nicht so
       gefährlich, wie sie selbst und die US-Regierung behaupten. Warum werden sie
       dann gesperrt?
       
 (DIR) Künstliche Intelligenz: Denken wie das verbreitete Mittelmaß
       
       KI ist unvereinbar mit emanzipierten und freiheitlichen Gesellschaften.
       Dabei handelt sich nicht um einen Designfehler, sondern sie ist so gedacht.
       
 (DIR) KI-Erkennungssoftware: Die Grenzen der Detektoren
       
       Für die Erkennung KI-generierter Texte werden zunehmend Programme wie
       „Pangram“ eingesetzt. Doch wie verlässlich sind diese Detektoren überhaupt?
       
 (DIR) Anthropic: Anthropos, Ethos, Pathos
       
       Anthropic gibt sich als Gewissen der KI-Branche. Ein Blick auf die
       Geschäfte des Unternehmens zeigt, wie weit Anspruch und Praxis
       auseinanderliegen.
       
 (DIR) Künstliche Intelligenz im Journalismus: KI-Checker sind auch nicht die Lösung
       
       Der Fall Casdorff empört. Hinter der Verlockung, im Journalismus KI zu
       verwenden, stecken strukturelle Probleme, die strukturelle Lösungen
       erfordern.