# taz.de -- Social Media im arabischen Raum: Wenn der syrische Präsident zum Meme wird
       
       > Die Autorin produziert satirische Videos mithilfe von künstlicher
       > Intelligenz. Im arabischen Raum verändert sich das Vertrauen in Medien.
       
 (IMG) Bild: Der Fernseher läuft in einem Kiosk in Beirut. In Libanon traut weniger als die Hälfte den Nachrichten des eigenen Landes
       
       Vor einigen Monaten arbeitete ich an einem satirischen Nachrichtenbeitrag,
       der einen historischen Moment zum Anlass hatte: Es ging um eine Aufnahme
       aus dem Jahr 1975, in der der ehemalige syrische Präsident Hafis al-Assad
       zu syrischen Studierenden sagte: „Ich will die Golanhöhen und den Sinai –
       vollständig.“ Die meisten von uns in der Levante kennen diese Aussage.
       Mithilfe eines KI-generierten Videos und einer synthetischen Stimme habe
       ich eine neue Version davon erstellt – diesmal mit dem aktuellen syrischen
       Präsidenten Ahmed al-Scharaa. In dem Video spricht und bewegt er sich genau
       wie Assad, aber er sagt: „Ich will [1][Qamischli und Hasaka] –
       vollständig.“
       
       Wenn wir über KI in der Medienbranche sprechen, geht es nicht unbedingt um
       die große Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Wird KI
       Journalist*innen, Produzent*innen, Synchronsprecher*innen und
       Fotograf*innen ersetzen? Die viel interessantere Frage lautet: Warum
       wird die Rolle, die künstliche Intelligenz im Journalismus zugesprochen
       wird, viel größer gemacht, als es der reale Arbeitsalltag hergibt?
       
       Für den satirischen Beitrag habe ich die gesamte Szene mithilfe von KI von
       Grund auf neu konstruiert. Jede Geste, jede Kopfbewegung, jede Pause wollte
       ich so präzise wie möglich nachbilden, damit sie als echt durchgehen
       könnte. Bild für Bild verglich ich die Sequenz und fing wieder von vorne
       an, sobald sich auch nur eine Kleinigkeit nicht richtig anfühlte.
       
       Die Satire bezog sich nicht nur auf die beiden Männer, sondern auf den
       immer gleichen politischen Anspruch, der seit Jahrzehnten aus Damaskus
       kommt: Landesteile „vollständig“ zu besitzen. Unabhängig davon, wer gerade
       im Präsidentenpalast sitzt, richtet sich der Anspruch mal auf Gebiete, die
       1967 an Israel verloren gingen, mal auf eine kurdisch geführte Region.
       Dieses Beispiel aus meinem Arbeitsalltag zeigt das aktuelle Verhältnis von
       KI und Medien: KI kann die historische Grundlage nicht erkennen, also den
       Kontext des Inhalts nicht einordnen. Noch braucht es dafür Menschen, ihr
       Wissen und ihr Urteilsvermögen.
       
       Was KI verspricht und was sie leistet 
       
       [2][Ein Bericht] des Tow Center for Digital Journalism bestätigt meine
       Einschätzung, dass die KI noch nicht so weit ist, wie es viele fürchten:
       Laut der Studie wird KI in Redaktionen eher für „alltägliche“
       Routineaufgaben verwendet. Die KI habe sich „in vielen Fällen nicht als die
       erhoffte schnelle Lösung für Journalist*innen erwiesen“, insbesondere
       nicht im redaktionellen Bereich. Wie nützlich sie tatsächlich ist, hängt
       von der jeweiligen Aufgabe und dem Kontext ab, ebenso wie von den
       Fähigkeiten der Menschen, die sie einsetzen. Dazu gehört auch ein gesundes
       Misstrauen gegenüber der Zuverlässigkeit von KI-generierten Ergebnissen.
       
       Als Multimediaproduzentin, die täglich mit KI-Werkzeugen arbeitet, sehe ich
       die Lücke zwischen dem, was KI verspricht, und dem, was sie wirklich
       leistet. Innerhalb von Sekunden können verschiedene Werkzeuge eine Stimme
       erzeugen, ein Gesicht animieren oder eine Bildsequenz zusammensetzen. Sie
       können aber nicht erkennen, warum das alles von Bedeutung ist, welche Pause
       die Pointe der Satire wirken lässt und welche Schlagzeile im Kontext am
       besten funktioniert. Dieses Urteilsvermögen steckt in keinem Modell, es
       kommt immer von der Person, die das Modell steuert.
       
       Journalismus und speziell Satire sind Reaktionen auf einen konkreten
       politischen Moment, auf ein bestimmtes Publikum und auf ein Gefühl dafür,
       was gerade in der Welt passiert. Eine Maschine kann diese Form nachahmen,
       sie kann aber weder die Frustration, noch das Timing oder das Risiko
       empfinden, die Satire überhaupt erst wirksam macht.
       
       KI-Modelle wissen nicht, was vergangene Woche in der Region passiert ist.
       Sie spüren nicht, warum eine Formulierung in einem Dialekt satirisch
       funktioniert und in einem anderen wirkungslos bleibt. Und sie merken nicht,
       wann ein Witz die Grenze zwischen klug und fahrlässig überschreitet. Dieses
       Gespür entsteht aus gelebter Erfahrung, nicht aus Trainingsdaten – und kein
       noch so ausgefeilter Prompt kann das ersetzen.
       
       Vertrauen in Medien und Maschine 
       
       Letztes Jahr arbeitete ich unter anderem an einem satirischen Mitschnitt
       eines geleakten Telefonats. Darin tat ich so, als würde Mahmoud Abbas mit
       einem Schleuser darüber sprechen, wie dieser ihn in die USA schmuggeln
       könnte. Mir kam die Idee, weil das US-Außenministerium Abbas und achtzig
       weiteren Vertreter*innen der Palästinensischen Autonomiebehörde im
       Vorfeld der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Einreisevisa
       entzogen hatte.
       
       Gemeinsam mit weiteren Autor*innen entwickelte ich das Drehbuch, das wir
       anschließend aufnahmen. Da die KI den charakteristischen Akzent von Abbas
       nicht überzeugend nachbilden konnte, verwendeten wir sie erst im letzten
       Schritt, um eine dann mit Akzent aufgenommene Stimme in die von Abbas zu
       verwandeln. KI hätte uns diesen Prozess nicht abnehmen können.
       
       Das Tool, das ich für meine journalistische Arbeit mit Satire nutze, kann
       allerdings auch verwendet werden, um Fake News zu erstellen. Mein Beitrag
       war eindeutig als Satire gekennzeichnet, könnte aber genauso gut aus dem
       Kontext gerissen werden und wie eine vermeintlich „echte“ Enthüllung
       verbreitet werden. Deshalb gilt es für Medienschaffende, umso kritischer zu
       sein und schon vor der Veröffentlichung darüber nachzudenken, wie ein
       Inhalt missverstanden oder missbraucht werden könnte.
       
       Die Lösung ist also nicht, weniger KI-Tools einzusetzen, sondern mehr
       menschliches Urteilsvermögen in die Anwendung einzubeziehen. Es bedeutet,
       dass wir Leitplanken brauchen: klare Standards, menschliche Kontrolle und
       die Bereitschaft, Verzerrungen zu erkennen, zu korrigieren oder sie
       zumindest transparent zu machen, anstatt sie unbemerkt weiterzugeben.
       
       ## Vertrauen in Medien schrumpft
       
       Die klassischen Werte von gutem Journalismus – Genauigkeit, Fairness und
       Verantwortlichkeit – sind im Zeitalter von KI keineswegs überholt. Im
       Gegenteil. Ihr Fehlen ist einer der Gründe, warum heute so viele Menschen
       in der arabischen Welt [3][den Nachrichten misstrauen].
       
       [4][In Jordanien halten lediglich 42 Prozent der Bevölkerung die Medien
       ihres eigenen Landes für glaubwürdig, in Libanon sind es sogar nur 39
       Prozent.] Dieses Vertrauen ist nicht erst mit dem Einzug von KI in die
       Redaktionen verloren gegangen. Es wurde über Jahrzehnte hinweg durch
       staatliche Kontrolle, Zensur und Selbstzensur ausgehöhlt. KI hat das
       Misstrauen nicht geschaffen, aber sie trifft auf eine Öffentlichkeit, die
       davon geprägt ist. Jede Abkürzung der Maschine, bei der keine menschliche
       Kontrolle mehr stattfindet, liefert einem ohnehin skeptischen Publikum
       einen weiteren Grund zu Misstrauen.
       
       Das Problem war nie die Technologie selbst. Ausschlaggebend ist aber, wer
       sie entwickelt, wie sie eingesetzt wird und von wem. Wenn journalistische
       Werte in KI-Systeme eingebettet werden und menschliches Urteilsvermögen
       Teil des Prozesses bleibt, lässt sich die Qualität journalistischer Inhalte
       bewahren, ohne auf die tatsächlichen Vorteile dieser Werkzeuge zu
       verzichten. KI wird immer schneller werden. Ihre Ergebnisse werden immer
       überzeugender aussehen. Doch darüber, was überhaupt gesagt werden sollte,
       muss weiterhin ein Mensch entscheiden. Denn diese Entscheidung war und
       sollte nie die einer Maschine sein.
       
       Die Autorin ist Teilnehmerin des Projekts MENA Green Panter der taz
       panterstiftung. 
       
       Übersetzung: Selina Hellfritsch mithilfe von KI
       
       30 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] https://www.mideastmedia.org/survey/2019/chapter/bias-and-credibility/
       
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