# taz.de -- Friedensforscher kritisieren Regierung: Zu zaghaft gegenüber Kriegsfürsten
> Führende Konfliktforscher stellen einen Zerfall der internationalen
> Ordnung fest. Auch Deutschland halte sich nicht an seine eigenen Werte.
(IMG) Bild: Kontrolle unerwünscht? Boris Pistorius lässt sich die Drohne HX-2 zeigen
Die Warnung liest sich dramatisch, die Handlungsempfehlungen kommen dagegen
etwas vage daher: Vier große Forschungseinrichtungen in Deutschland warnen
vor dem Zusammenbruch der internationalen Ordnung und dem Machtgebaren von
Staats- und Regierungschefs, die sich wie Kriegsfürsten aufspielen. „Ohne
entschiedene Gegenmaßnahmen ist der gegenwärtige Zerfall der multilateralen
Ordnung nicht mehr aufzuhalten“, schreibt unter anderem das
Leibniz-Institut für Konfliktforschung (PRIF) im neuen Friedensgutachten.
Jahr für Jahr hätten die Verfasser*innen genau vor diesem Zustand
gewarnt, sagte Nicole Deitelhoff, [1][Professorin und Vorständin am PRIF]
bei der Vorstellung der Untersuchung am Montag in Berlin. „Heute stehen wir
hier wir, und es ist so weit. Wir befinden uns in diesem Verfall.“ Die
Friedensforscher*innen sehen die Zeit durch neue Warlords gezeichnet,
die Kriege für ihren eigenen Machterhalt und zur persönlichen Bereicherung
einsetzen. Als die neuen Kriegsfürsten bezeichnen sie dabei jedoch nicht
brutale Milizführer von Sudan über Libyen bis Afghanistan, sondern Staats-
und Regierungschefs wie Donald Trump, Benjamin Netanjahu und Wladimir
Putin.
„Wie ihre nichtstaatlichen Vorbilder konzentrieren die neuen Warlords
politische Herrschaft auf sich, nutzen Gewaltmittel expansiv und setzen
staatliche Ressourcen für persönliche, klientelistische oder imperiale
Zwecke ein“, heißt es in dem Bericht. Die Forscher*innen nehmen dabei
auch die Bundesregierung in die Verantwortung: Deutschland verspiele seine
Glaubwürdigkeit, wenn es Völkerrechtsbrüche nur selektiv anprangere und
durch ausweichende Formulierungen Verstöße von Verbündeten wie den USA oder
Israel toleriere.
## Rüstungskontrolle bei künstlicher Intelligenz
Die Liste der Auseinandersetzungen, vor denen die Bundesregierung bislang
die Augen verschließt, ist lang. Weder bei [2][der Entführung des
venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar] noch beim Krieg
Israels und der USA gegen Iran konnte sich die Bundesregierung dazu
durchringen, den Völkerrechtsbruch zu benennen. Hinzu kommt das aktive
Ignorieren aller Indizien, [3][die einen durch Israel begangenen Völkermord
im Gazastreifen nahelegen.]
Die Wissenschaftler*innen vom Bonner Institut für Konfliktforschung
(BICC), dem Hamburger Institut für Friedensforschung (IFSH), dem Institut
für Entwicklung und Frieden (INEF) der Uni Duisburg-Essen und dem PRIF
kritisieren außerdem, die Machtlosigkeit der Rüstungskontrolle. „Die
Rüstungskontrolle greift immer weniger, während die Rüstungsausgaben immer
weiter steigen“, sagte Conrad Schetter vom BICC bei der Vorstellung. Die
Zahl der Kriege und Konflikte sei so hoch wie seit dem Zweiten Weltkrieg
nicht mehr.
Neue Initiativen zur Rüstungskontrolle mahnte Deitelhoff vor allem bei
Atomwaffen an. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri warnte am
Montag vor einer weltweiten nuklearen Aufrüstung. [4][Seit dem Auslaufen
des New-Start-Vertrags im Februar] unterliegen die nuklearen Waffenarsenale
Russlands und der USA formal keiner Beschränkung mehr. [5][Eine Konferenz
zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrags] ist vor Kurzem ebenfalls ohne
Ergebnis zu Ende gegangen.
Initiativen zur Rüstungskontrolle seien auch [6][für den Einsatz von
künstlicher Intelligenz im Krieg geboten], sagte Deitelhoff. Konkrete
Forderungen dazu, wie dies gelingen soll, konnten die
Wissenschaftler*innen aber nicht aufstellen. Zumal die ganze westliche
Welt die Erfahrungen der Ukraine aus dem Drohnenkampf adaptieren und ihren
Datenschatz für die zunehmend automatisierte Gefechtsführung nutzen möchte.
Auch an anderer Stelle machten die Wissenschaftler*innen deutlich,
dass sie nicht grundsätzlich gegen Aufrüstung seien, etwa wenn es darum
gehe, Deutschland unabhängiger von den USA zu machen. Die
[7][Rüstungsausgaben von fast 110 Milliarden Euro] für die Bundeswehr in
diesem Jahr wollten sie auf Nachfrage ebenfalls nicht bewerten.
8 Jun 2026
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