# taz.de -- Verteidigungsexpertin über Ende von FCAS: „Ich bin pessimistisch, dass sich die Zusammenarbeit verbessert“
> Deutsche Ingenieure sollten beim Rüstungsprojekt FCAS von Frankreichs
> Luftfahrt lernen, glaubt Catherine Hoeffler. Das Projekt sei eine Nummer
> zu groß gewesen.
(IMG) Bild: Für immer ein Gedankenspiel: Modell der geplanten Kampfmaschine der Zukunft FCAS
taz: Frau Hoeffler, Deutschland und Frankreich hatten vereinbart, für
mehrere Milliarden Euro ein gemeinsames Luftkampfsystem zu entwickeln.
Dieses Future Combat Air System (FCAS) sollte [1][ein Vorzeigeprojekt für
die europäische Verteidigungskooperation] sein. [2][Nun ist es
gescheitert.] Warum?
Catherine Hoeffler: Solche Großprojekte sind hochpolitisch. Es ist sehr
kompliziert, politische Interessen, bürokratische Zeitpläne und das, was
die Verteidigungsministerien beschaffen wollen, aufeinander abzustimmen. Im
Kern sind diese Projekte ein politisches Bekenntnis zur industriellen
Zusammenarbeit. Sie weiterzutreiben, ist daher eine primär politische
Entscheidung – in diesem Fall war der Wille offensichtlich nicht mehr stark
genug.
taz: Die deutsche Seite wirft dem französischen Unternehmen Dassault vor,
es habe einen zu großen Anteil am Projekt beansprucht. Es heißt, Dassault
wollte etwa 80 Prozent der Fertigungskapazitäten des Kampfjets übernehmen,
obwohl es ursprünglich anders vereinbart war. Ist da etwas dran?
Hoeffler: Zu den genauen Zahlen kann ich nichts sagen. Aber da steckt
bestimmt ein Funken Wahrheit drin. Die französische Perspektive ist ja,
dass die Deutschen ihrerseits mehr vom Projekt profitieren und vor allem
vom französischen Luftfahrt-Ingenieurwesen lernen wollten. Beide Aussagen
sind berechtigt, spiegeln aber wider, wie schwer es ist, Politik und
Industrie bei Rüstungsprojekten auf einen Nenner zu bringen. Beide Seiten
wollen ihre Gewinne erzielen und gleichzeitig erreichen, dass die
gegenüberliegende Seite nicht zu stark profitiert.
taz: Es gibt auch Vorwürfe eines Vertragsbruchs. Die Deutschen sagen, es
habe eine vorherige Vereinbarung darüber gegeben, wie viel Airbus, wie viel
Dassault und wie viel das spanische Unternehmen Indra – alle Teil des
Projekts – produzieren sollten.
Hoeffler: Ich kenne die Vertragsdetails nicht. Aber die Forderung von Eric
Trappier, dem Chef von Dassault, mit eigenen Zulieferern arbeiten zu
dürfen, ist nicht einfach französischer Protektionismus. Ein solcher Ansatz
könnte auch aus technologischer und marktwirtschaftlicher Sicht sinnvoll
sein, weil Dassault eben mit bewährten Zulieferern günstiger baut.
Frankreich hat eine lange Geschichte und Tradition in der Luftfahrt.
taz: Es wurde berichtet, dass Trappier französischen Parlamentsabgeordneten
sagte, er werde sich nicht von den Deutschen erklären lassen, wie man
Kampfjets baut.
Hoeffler: Und das verdeutlicht die andere Seite der Frage: Soll ein Projekt
wie FCAS dazu dienen, Technologie zu transferieren? Die Deutschen sagen es
nicht explizit, aber sie wollen offensichtlich selbst Ingenieure ausbilden
und Expertise aufbauen – und dabei auch von den Franzosen lernen. Das ist
als deutsches Industrieinteresse völlig verständlich.
taz: Die Entwicklung des Projekts wurde auf etwa 100 Milliarden Euro
geschätzt, etwa 5 Milliarden Euro hatte allein der Deutsche Bundestag schon
eingeplant. Gibt es jetzt überhaupt noch eine Zukunft für gemeinsame
europäische Rüstungsprojekte?
Hoeffler: Noch vor nicht allzu langer Zeit galt eine Europäische
Verteidigungsunion – oder wie auch immer man sie nannte – eher als
ideologisches Projekt, das vor allem von Frankreich vorangetrieben wurde.
Es war leicht zu erkennen, warum das nicht funktionierte: Es gab keinen
echten Bedarf dafür, die Verteidigungsausgaben sanken, die
US-Sicherheitsgarantien bestanden, und gleichzeitig gab es industrielle
Konflikte zwischen europäischen Nationen.
Die Idee zu FCAS wurde während der ersten Trump-Präsidentschaft im Zeichen
schwindender US-Unterstützung geboren. Bundeskanzlerin Angela Merkel und
Präsident Emmanuel Macron wollten damals europäische Einheit und Autonomie
demonstrieren – auch als Reaktion auf den Brexit. So wollten die
militärisch bedeutenden europäischen Nationen als Symbol ein gemeinsames
Kampfjetprogramm starten. Das verdeutlicht, wie die politische Seite eine
industrielle Lösung vorantrieb.
taz: Aber die Parameter haben sich mit dem Ukraine-Krieg noch mal deutlich
verändert.
Hoeffler: Ja, mit Russlands Invasion der Ukraine, aber vor allem auch mit
Donald Trumps zweiter Amtszeit, hätte man erwarten können, dass europäische
Rüstungskooperationen einen Schub bekommen. Selbst überzeugte
Transatlantiker fordern mehr europäische Zusammenarbeit in der
Verteidigung. Und dennoch graben sich die Industrien immer noch gegenseitig
das Wasser ab. Insofern bin ich etwas pessimistisch, dass sich die
Zusammenarbeit verbessert.
taz: Sehen Sie gar keine Möglichkeit für mehr Kooperation?
Hoeffler: Für mehr europäische Autonomie bei der Verteidigung müsste die
industrielle Basis weniger zersplittert sein. Das würde bedeuten, dass man
europäische Marktführer definiert. Doch welche Regierungen wären bereit,
ihre nationalen Unternehmen im Namen von mehr Effizienz aufzugeben? Hinzu
kommt: Dann wären wir einzelnen Monopolen ausgeliefert.
taz: Sehen Sie einen Grund für das Scheitern von FCAS auch darin, dass
Deutschland schon vor einer Weile zusätzlich [3][den F-35-Kampfjet aus den
USA beschafft hatte], um sich die nukleare Teilhabe zu sichern?
Hoeffler: Das glaube ich nicht. Im Kern haben beide Länder darum
gestritten, wer was baut und wem die Patente gehören. Beide Industrien
sollten günstig zusammenarbeiten, ohne dass jemand das eigene Wissen oder
die eigenen Zulieferer aufgeben muss. Hinzu kam die große Frage, wie das
fertige Produkt dann einmal exportiert werden darf.
8 Jun 2026
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