# taz.de -- Gipfeltreffen von China und Nordkorea: Die Atomwaffenfrage ist keine Frage mehr
       
       > Chinas Staatschef Xi besucht erstmals seit sieben Jahren Nordkoreas
       > selbstbewussten Machthaber Kim Jong Un, der ein erstaunliches Comeback
       > hingelegt hat.
       
 (IMG) Bild: Pompöser Empfang von Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping durch Nordkoreas Machthabr Kim Jong Un am Montag in Pjöngjang
       
       Kim Jong Uns Empfang für seinen Gast aus Peking fiel zweifellos
       standesgemäß aus: eine pompöse Militärkapelle am Flughafen, jubelnde
       Kindermassen am Kim-Il-Sung-Platz und ein chinesisch-nordkoreanisches
       Fahnenmeer in Pjöngjangs Innenstadt. Deutlicher lässt sich nicht
       vermitteln: Hier treffen sich zwei autoritäre Partner.
       
       Dementsprechend war auch die Rhetorik. Xi sprach von einer
       „unzerbrechlichen“ Beziehung zwischen den zwei Nachbarländern und
       versprach, Nordkorea in seinem sozialistischen Kurs weiter unterstützen zu
       wollen – wirtschaftlich, politisch und militärisch.
       
       Dabei hat sich die Welt seit Xis letztem Nordkoreabesuch 2019 fundamental
       verändert. Heute trifft Chinas Staatschef auf einen vor Selbstbewusstsein
       strotzenden Kim. Der legte in den letzten Jahren ein beeindruckendes
       Comeback hin.
       
       Noch zu Beginn der Coronapandemie schien Nordkorea auf einem absteigenden
       Ast: Der Wirtschaft drohte der Kollaps, die humanitäre Lage wurde immer
       angespannter. Und Nordkorea war politisch isoliert: Die Verhandlungen mit
       den USA über eine nukleare Abrüstung waren beim Gipfeltreffen mit Donald
       Trump in Hanoi 2019 spektakulär gescheitert. Hoffnungen auf eine Lockerung
       der zermürbenden UN-Sanktionen tendierten gegen null.
       
       ## Überlebenskünstler Kim Jong Un
       
       Seitdem gelang Kim, das Blatt aus seiner Sicht zu wenden: Einerseits nutzte
       er die Pandemie, um die Bevölkerung weiter zu isolieren und seine Macht
       durch Säuberungswellen zu festigen. Zugleich ging er eine für das Land
       beispiellose Kooperation mit Russland ein. Kim schickte
       [1][Artilleriegranaten, riesige Munitionsbestände aus Sowjetzeiten] und vor
       allem [2][rund 15.000 Soldaten an die russisch-ukrainische Front]. Dort
       sammelte sein Militär praktische Kriegserfahrung und bekam Einblicke in
       moderne Drohnenkriegsführung. Dafür gab Wladimir Putin seinem Freund Kim
       Sicherheitsgarantien, Militärtechnologie und wirtschaftliche Unterstützung.
       
       Die Früchte zeigen sich in der rasanten Wirtschaftsentwicklung Pjöngjangs:
       Die wenigen Westler, die noch Zugang zu Nordkorea haben, berichten von
       immer lebhafterem Straßenverkehr, einer breiten Smartphonenutzung und dem
       Bau moderner Stadtviertel.
       
       Die Annäherung zwischen Pjöngjang und Moskau löste aber in Peking Unbehagen
       aus. Das Resultat ist nun, dass Xi extra nach Pjöngjang reist, um die Nähe
       zu seinem traditionellen Verbündeten zu demonstrieren. Und Kim oszilliert
       nun wieder nach Belieben zwischen Moskau und Peking, um für sein Regime die
       meisten Vorteile zu ergattern – wie es sein Vater und Großvater einst
       ebenfalls machten.
       
       Mit dem Rückenwind der geopolitischen Polarisierung ist Kim zudem gelungen,
       was vor wenigen Jahren noch unmöglich erschien: Er hat Russland und China
       dazu gebracht, die rigiden UN-Wirtschaftssanktionen nicht mehr mitzutragen
       und das Land stillschweigend als Atommacht anzuerkennen. Denn im Gegensatz
       zu früheren Staatsbesuchen wird das Thema jetzt vollständig unter den
       Teppich gekehrt.
       
       ## Kim will das Nukleararsenal stark ausbauen
       
       Allein die Botschaften, die Kim unmittelbar vor Xis Besuch ausgesandt hat,
       waren wenig subtil: Am letzten Donnerstag kündigte er beim Besuch einer
       neuen Urananreicherungsanlage an, sein Nuklearwaffenarsenal „exponentiell“
       ausbauen zu wollen. Am Wochenende dann sagte [3][Kims Schwester, die
       politisch einflussreiche Kim Yo Jong], Nordkoreas Status als
       Nuklearwaffenstaat sei eine „unumkehrbare Realität“. Wer noch immer auf
       Denuklearisierung hoffe, sollte diesen „Tagtraum aufgeben“.
       
       Und wie denkt Chinas Staatsführung darüber? Eigentlich war Xi Kims
       Atomwaffenarsenal ein Dorn im Auge. Doch offensichtlich wird der neue
       Status quo, zumindest nach außen, akzeptiert. Ob Xi nach wie vor auf eine
       nukleare Abrüstung dränge, fragte am Montag ein AFP-Reporter bei der
       täglichen Pressekonferenz im Pekinger Außenministerium. Die Antwort von
       Sprecher Lin Jian war so nichtssagend wie entlarvend: „Chinas Haltung und
       Politik in der Frage der koreanischen Halbinsel bewahren Kontinuität und
       Stabilität.“
       
       8 Jun 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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