# taz.de -- Ukrainekonferenz in London: Russlands Niederlage in der Ukraine rückt in Reichweite
> Selenskyj und europäische Partner definieren in London einen Rahmen für
> Gespräche mit Russland. Hintergrund sind militärische Erfolge der
> Ukraine.
(IMG) Bild: Als erster trat nach dem Ukraine-Gipfel in 10 Downing Street am Sonntag der dienstälteste Bewohner des Hauses vor die Kameras
Die Ukraine, Großbritannien, Frankreich und Deutschland wollen den Druck
auf Russland verstärken, um den Krieg in der Ukraine auf dem
Verhandlungsweg zu beenden. Zum [1][Abschluss eines Treffens mit dem
ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj] in London am Sonntagabend
lobten der britische Gastgeber Keir Starmer, der französische Präsident
Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz die jüngsten
militärischen Erfolge der Ukraine gegen Russland.
Und bekräftigten ihre „unverbrüchliche Unterstützung für die Ukraine in
ihrer Verteidigung gegen Russlands illegale Invasion und für die nächsten
Schritte in Verhandlungen für einen gerechten und nachhaltigen Frieden“.
Selenskyj führte am Montag weitere Gespräche in London.
Fünf Bedingungen müssten für einen „gerechten und nachhaltigen Frieden“
erfüllt sein, so [2][die Gipfelerklärung]. Erstens: „ein Ende der Kämpfe“,
also eine Zusage Russlands zu einem „sofortigen und vollumfänglichen
Waffenstillstand“. Zweitens: die Anerkennung der aktuellen Frontlinie als
„Ausgangspunkt für Verhandlungen“. Dritter Punkt: „robuste und
rechtsverbindliche Sicherheitsgarantien zum Zeitpunkt des Inkrafttretens
eines Waffenstillstands“, einschließlich einer internationalen
Friedenstruppe.
Viertens wird beschlagnahmtes russisches Vermögen erst nach Kriegsende und
nach einer Entschädigung der Ukraine durch Russland zurückgegeben. Und
fünftens müssen „europäische Sicherheitsinteressen gewährleistet“ sein.
All das ist ein Gegenkonzept zum Ukraine-Friedensplan der USA und Russland,
den die Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin vergangenes Jahr
gezimmert hatten. Darin war eine kampflose Abtretung ukrainisch
kontrollierten Gebiets an Russland als Voraussetzung für Gespräche genannt
worden, nicht aber ein Waffenstillstand, und Europa sollte bei den
Gesprächen keine Rolle spielen. In Reaktion auf die Trump-Putin-Annäherung
basteln Starmer und Macron bereits seit 2024 an einer „Koalition der
Willigen“ aus europäischen Staaten, die zur Entsendung von Friedenstruppen
in die Ukraine bereit stehen könnten.
## Selenskyj „zuversichtlicher denn je“
Die Neuerung der Londoner Erklärung ist, dass eine solche Friedenstruppe –
die Russland kategorisch ablehnt – nicht am Ende eines Friedensprozesses
stehen soll, sondern am Anfang. Dies zeugt von gestiegenem europäischen und
ukrainischen Selbstbewusstsein. Selenskyj wirke „zuversichtlicher denn je“,
[3][beschrieb eine britische TV-Interviewerin] am Sonntag den ukrainischen
Präsidenten. Man trage den Krieg nach Russland zurück, wo er herkam, sagte
Selenskyj in dem [4][Interview mit Sky News].
Der Ukraine gelingt es immer effektiver, mit Drohnenangriffen tief in
russischem Staatsgebiet die militärische Infrastruktur und die Ölwirtschaft
Russlands zu schädigen. Entgegen der erst vergangene Woche erneut
geäußerten Beteuerungen Putins, Russlands Truppen rückten an allen
Frontabschnitten weiter vor, sprechen russische Militärblogger von
[5][zunehmend horrenden Truppenverlusten] im ostukrainischen Donbass, wo
die Zahl der Toten und Verwundeten die Bergungskapazitäten übersteige. Der
ukrainische Generalstab [6][vermeldete jetzt die Rückeroberung] von bisher
600 Quadratkilometern dieses Jahr.
Seit einigen Tagen nimmt die Ukraine offenbar die auf die russisch besetzte
Krim-Halbinsel führenden Versorgungswege ins Visier. Dort werden Treibstoff
und Konsumgüter knapp, am Montag wurde der [7][Eisenbahnverkehr auf der
Krim eingestellt], womit kein Treibstoff mehr geliefert werden kann, und
Russland soll seine Soldaten [8][aus der Halbinsel Kinburn evakuiert]
haben, eine besonders exponierte Landzunge nordwestlich der Krim.
## Die geheime Mission von Roman Abramowitsch
Vor diesem Hintergrund haben Berichte Aufsehen erregt, wonach der russische
Oligarch Roman Abramowitsch in Kyjiw im Auftrag Moskaus mögliche
Friedensbedingungen sondiert habe. Dies berichtete zuerst die Financial
Times. Abramowitsch unterhielt in Großbritannien milliardenschwere
Geschäftsinteressen, etwa als Besitzer des Fußballvereins Chelsea, bis er
2022 mit Sanktionen belegt wurde.
Selenskyj [9][sagte dazu gegenüber Sky News], Abramowitsch sei nach Kyjiw
gekommen, „um mir die Botschaft zu überbringen, dass die Russen verstehen
wollen, zu was wir bereit sind – schweigend, ohne Öffentlichkeit“. Er
selbst habe klargemacht, dass er keine Gebiete an Russland übergeben werde,
und er wolle den Krieg nicht nur „einfrieren“, sondern „den Menschen in der
Ukraine die Möglichkeit geben, dass ihre Kinder weiterleben“.
In St. Petersburg hatte Russlands Präsident Wladimir Putin vergangene Woche
gesagt, er habe am 21. Mai einen ungenannten russischen Geschäftsmann nach
dessen Rückkehr aus Kyjiw empfangen und dessen Vorschlag eines Treffens mit
Selenskyj abgelehnt. Selenskyj hatte seinerseits am vergangenen Freitag in
einem [10][offenen Brief an Putin] seine Forderung nach einem
Waffenstillstand und Direktverhandlungen erneuert, „um den Krieg zu
beenden“. Dies lehnte Putin ab.
In London wird es als zunehmend realistisch angesehen, dass Russland
gezwungen werden könnte, noch in diesem Jahr Gespräche mit der Ukraine
aufzunehmen. „Die Ukraine hat den Krieg allmählich gedreht“, [11][schrieb
am Montag im britischen Daily Telegraph] der liberale Abgeordnete Mike
Martin, Vorsitzender der britischen Parlamentariergruppe für Aufrüstung:
„Die Logik von Putins Stellungskrieg bricht in sich zusammen.“
Das renommierte Londoner „International Institute of Strategic Studies“
[12][analysierte im Mai], Russland könne die Intensität seines Krieges nur
noch mit einer landesweiten Generalmobilmachung aufrechterhalten. „Der
Kreml wird bald vor der Grundsatzentscheidung stehen, ob er seine
Anforderungen an Russlands Wirtschaft und Gesellschaft radikal eskaliert
oder seine Kriegsziele zurückfährt.“ Bei solchen Analysen schwingt in
London auch die Sorge mit, ein plötzlicher militärischer Zusammenbruch
Russlands könne gefährliche Instabilität schüren.
8 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.gov.uk/government/news/joint-e3-leaders-statement-with-president-volodymyr-zelenskyy-of-ukraine-7-june-2026
(DIR) [2] https://www.gov.uk/government/news/joint-e3-leaders-statement-with-president-volodymyr-zelenskyy-of-ukraine-7-june-2026
(DIR) [3] https://news.sky.com/video/abramovich-talks-and-putin-letter-what-we-learned-from-zelenskyy-interview-13551806
(DIR) [4] https://news.sky.com/video/abramovich-talks-and-putin-letter-what-we-learned-from-zelenskyy-interview-13551806
(DIR) [5] https://x.com/JayinKyiv/status/2063623829042114918
(DIR) [6] https://www.ukrinform.de/rubric-ato/4131587-armeechef-kundigt-seit-jahresbeginn-gelandegewinne-von-600-quadratkilometern-an.html
(DIR) [7] https://x.com/JayinKyiv/status/2063865963628368134
(DIR) [8] https://x.com/Maks_NAFO_FELLA/status/2063904992986017835
(DIR) [9] https://news.sky.com/video/abramovich-talks-and-putin-letter-what-we-learned-from-zelenskyy-interview-13551806
(DIR) [10] https://www.president.gov.ua/en/news/vidkritij-list-prezidentu-rosijskoyi-federaciyi-vid-preziden-104769
(DIR) [11] https://www.telegraph.co.uk/news/2026/06/08/ukraine-is-turning-the-tide-against-putin-what-happens-next/
(DIR) [12] https://www.iiss.org/research-paper/2026/05/the-coming-crisis-in-russias-political-economy/
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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