# taz.de -- Fête de la Musique in Berlin: Fast wie am 1. Mai
       
       > Verstrahltes Partyvolk, systemkritischer Punk und Späti-Bier: Kreuzberg
       > feiert die Fête de la Musique – bis die Polizei alle schlafen schickt.
       
       Es stürmt und schüttet über Berlin. Und als sich das Gewitter legt, ist es
       immer noch warm und Fetzen von Soundchecks dringen bis in die Wohnung. Denn
       es ist endlich wieder so weit: Sommeranfang, der längste Tag des Jahres,
       und damit Fête de la Musique. Diesmal an einem Sonntag, was bedeutet, dass
       noch mehr verstrahlte Party-People als sonst die Fête als Afterhour
       betrachten, und noch mehr besoffene Touris als sonst durch Kreuzberg
       schwanken. So wie der sonnenverbrannte Engländer mit Fischerhut zum
       Beispiel, der den Blick auf den Späti-Fernseher verdeckt, auf dem gerade
       das Spanien-Spiel läuft. Dieses interessiert mich gerade wirklich mehr als
       der aus einer schlechten Anlage dröhnende Schranz, der Hunderte ravende
       Menschen die Straße neben dem Görli blockieren lässt. Zur Halbzeit steht es
       dann schon 3:0 und das erste Späti-Bier ist ausgetrunken. Vielleicht wird
       es Zeit, mal nach den Leuten zu schauen, die mir seit einer Stunde
       regelmäßige Standort-Updates schicken?
       
       „Im Grunde sind die Fête de la Musique und [1][der 1. Mai] doch dasselbe:
       Man läuft hauptsächlich rum und versucht, sich zu treffen“, sage ich zu
       dir, während ich den Live-Standort eines Freundes auf meinem Handy verfolge
       und wir uns durch die Menschenmenge an der Wiener Straße drängen. „Ja, und
       meistens irrt man nur ziellos umher“, sagst du. Der Bass der Rockband von
       der Bühne gegenüber vermischt sich mit dem elektronischen dap-dap-dadadadap
       vom Rave und einem Hiphop-Sound aus einer Box, bei der sich irgendein
       Barbetreiber dachte, dass es nicht schaden kann, die auch noch auf volle
       Lautstärke zu drehen.
       
       Man stolpert jetzt schon über die ganzen leeren Glasflaschen, die überall
       herumliegen. Ein paar Personen in zerschlissenen Klamotten laufen umher und
       fragen nach Geld, sie werden von den meisten feiernden Leuten in auf andere
       Art zerschlissenen Klamotten ausgeblendet. [2][Politisch] sind hier nur die
       Pali-Tücher, die ab und zu in der Menge auftauchen.
       
       ## Wasser von oben
       
       An der Admiralsbrücke soll es ganz schön sein, erzählen unsere Freunde, die
       wir im Getümmel tatsächlich finden. Wir entscheiden uns lieber für
       Schlangestehen für ein zweites gekühltes Bier am Späti. Und für die nächste
       Station: ein paar Freunde, die ganz in der Nähe in ihrem Studio in der
       Forster Straße Musik machen. Selbst hier in der Seitenstraße ist es voll,
       im Studio schwitzen Musiker und Publikum zu jazzigem Indie und wenig später
       zu systemkritischem Punk. Weil die „Sterbehilfe für die Herrschaft“ noch
       ganz am Anfang steht, gibt es davon nur drei Songs. Aber die werden maximal
       abgefeiert.
       
       Die Sonne geht langsam unter, gleich soll es noch ein paar DJ-Sets geben.
       „Ich brauche unbedingt was zu essen“, sagst du. Und da es vor Ort nur noch
       Aperol gibt, holen wir uns kurz Schawarma bei Nachtigall gegenüber.
       
       Als wir zurückkommen, haben wir den „Höhepunkt“ der Party verpasst. Drei
       Wannen parken mitten in der Straße, mindestens ein Dutzend Bullen stehen
       auf dem Gehweg, wo kurz davor das DJ-Pult aufgestellt worden war. Eine
       Freundin diskutiert mit einem jungen Mann in Uniform. Eine weitere junge
       Polizistin erklärt der Organisatorin des Ganzen, dass sie ihren Job „nicht
       erst seit gestern“ mache. Wir erfahren, dass während des Sets ein Nachbar
       das Fenster geöffnet haben soll und unangekündigt gefühlt eine Badewanne
       Wasser von oben über DJ, Controller und Anlage gekippt hat. Man habe also
       die Polizei anrufen müssen und die bestünde nun darauf, dass die
       Veranstaltung aufgelöst werden muss. Denn: Es ist nach 22 Uhr.
       Schlafenszeit [3][in Kreuzberg] seit Neustem.
       
       Es herrscht trotzdem noch eine ganze Weile ganz viel Aufregung, Musik gibt
       es aber keine mehr. Und dann erklärt uns ein Polizist noch, dass es für
       Fußballspiele eine Ausnahmeregel gebe, aber für Musik eben nicht, wir
       sollen jetzt bitte alle den Ort verlassen. Die Fête de la Musique ist
       offiziell beendet. Ist ja auch schon spät. Und Kreuzberger Nächte sind
       schon lange nicht mehr lang.
       
       29 Jun 2026
       
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