# taz.de -- Flüchtlinge in der Türkei: Die Mutter aller Drittstaaten
       
       > Wenn in Zukunft Geflüchtete aus den Geas-Lagern abgeschoben werden,
       > könnten sie in ein türkisches „Removal Center“ kommen. Wie Menschen dort
       > eingesperrt werden.
       
 (IMG) Bild: Die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei
       
       Die Zelle sei für acht Personen ausgelegt, eingesperrt waren dort jedoch 16
       Menschen. „Es ist erdrückend, wir können kaum atmen“, sagte einer der
       Insassen über die Situation. „Wenn ich Schmerzen habe, geben sie mir keine
       Medikamente. Wenn ich noch länger hierbleibe, werde ich mich völlig
       verlieren,“ berichtete ein anderer.
       
       Zwischen April und Juli 2025 besuchten Anwälte der
       Menschenrechtsorganisation Mülteci-Der das „Removal Center“ Harmandalı im
       türkischen Izmir. In ihrem Bericht stellen sie „systemische Mängel in allen
       Bereichen“ fest, darunter bei Haftbedingungen, medizinischer Versorgung,
       rechtlichen Schutzmaßnahmen und der Behandlung schutzbedürftiger Gruppen.
       
       Das Lager in Harmandalı ist eines von 32 Abschiebezentren in der Türkei.
       Für den Bau und Betrieb dieser Einrichtungen mit landesweit rund 19.000
       Plätzen hat die EU nach Recherchen der NGO Lighthouse bisher rund 213
       Millionen Euro bereitgestellt. Es ist eine bis in die Nullerjahre
       zurückreichende Vorarbeit für das, was die Türkei für die
       EU-Migrationskontrolle sein soll: ein „sicherer Drittstaat“.
       
       Der Begriff spielt eine zentrale Rolle im neuen [1][EU-Asylsystem Geas].
       Das gibt den EU-Staaten die Möglichkeit, Asylanträge für unzulässig zu
       erklären und die Schutzsuchenden stattdessen in „sichere“ Drittstaaten zu
       verweisen. Die Voraussetzung dafür ist, dass es entweder eine „Verbindung“
       zu einem solchen Drittstaat gibt, die Person über das fragliche Land in die
       EU gereist ist oder es ein Abkommen zur Aufnahme von Flüchtlingen gibt. Es
       ist also auch möglich, Geflüchtete in Drittstaaten zu bringen, in denen sie
       noch nie waren.
       
       ## Die Drittstaaten müssen mitmachen
       
       Vorerst können die EU-Staaten Drittstaaten eigenständig als „sicher“
       einstufen. Bedingung: Den Abgeschobenen darf dort keine Verfolgung drohen,
       gewisse Mindeststandards bei der Aufnahme müssen gewährleistet sein. Dabei
       genügt es, wenn dies nur für Teilgebiete eines Drittstaats der Fall ist.
       Die Genfer Konvention muss nicht zwingend ratifiziert sein.
       
       Die Türkei wird innerhalb der EU teilweise als „sicher“ eingestuft, und es
       gilt als sehr wahrscheinlich, dass sie auf einer künftigen EU-Liste
       „sicherer Drittstaaten“ stehen wird.
       
       Wie fast alle Asylrechtsänderungen soll das neue EU-Asylsystem helfen,
       möglichst viele der in der EU Ankommenden möglichst schnell wieder
       loswerden zu können. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Drittstaaten
       dabei auch mitmachen. Denn verpflichtet dazu sind sie keineswegs – denn es
       handelt sich nicht um ihre eigene Bürger:innen.
       
       Entsprechend wird die EU sich dauerhaft darum bemühen müssen, die
       fraglichen Regierungen bei Laune zu halten. Geld, andere Gegenleistungen
       oder auch Druckmittel dürften zum Einsatz kommen, damit die Drittstaaten
       der EU ihre Flüchtlinge abnehmen. Dass den Betreffenden dort offiziell
       „keine Gefahr drohen“ darf, heißt mitnichten, dass die Menschen in den
       entsprechenden Ländern auch bleiben dürfen.
       
       Nicht zu unrecht weist etwa die türkische Regierung unermüdlich darauf hin,
       auf Platz 3 der Liste der Staaten mit der weltweit größten Zahl
       aufgenommener Geflüchteter zu stehen. [2][Und gleichzeitig schiebt das Land
       seit Jahren mit Nachdruck Geflüchtete nach Syrien, Afghanistan oder Iran
       zurück].
       
       Wenn also in Zukunft Geflüchtete aus den Geas-Lagern, etwa in Griechenland,
       abgeschoben werden, ist es sehr gut möglich, dass sie direkt in die
       türkischen „Removal Centers“ wie jenes in Izmir kommen – und die dortigen
       Behörden versuchen, sie von dort aus weiter abzuschieben.
       
       Die NGO Lighthouse hat mit 37 ehemaligen Inhaftierten gesprochen, die in 22
       EU-finanzierten Abschiebezentren festgehalten worden waren. 30 Personen
       gaben an, geschlagen worden zu sein oder miterlebt zu haben, wie andere
       Inhaftierte geschlagen wurden. 25 berichteten demnach, dass sie gezwungen
       oder unter Druck gesetzt worden seien, Formulare für die freiwillige
       Rückkehr zu unterzeichnen, oder dass diese Formulare ohne ihre Zustimmung
       in ihrem Namen unterzeichnet worden seien.
       
       Dass die Drittstaaten-Abschiebungen zugleich gegenüber der EU ein
       erpresserisches Potential schaffen, liegt auf der Hand. Die Türkei ist in
       dieser Hinsicht die Mutter aller Drittstaaten. Nach 2015 nahm das Land in
       unmittelbarer Nachbarschaft zur EU rund 3 Millionen Geflüchtete aus dem
       Nahen Osten sowie Ländern wie Iran, Irak oder Afghanistan auf. Der
       türkische Präsident Erdoğan drohte wiederholt damit, sie in Richtung EU
       weiterzuschicken, und konnte auf diese Weise Milliardensummen
       heraushandeln. Nach seinem Vorbild dürften sich auch andere Drittstaaten
       die Kooperation in Sachen Migrationsabwehr künftig gut bezahlen lassen.
       
       12 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Geas-Reform-tritt-in-Kraft/!6186490
 (DIR) [2] /Lage-von-Syrerinnen-in-der-Tuerkei/!6054841
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
       ## TAGS
       
 (DIR) EU-Asylreform
 (DIR) Türkei
 (DIR) Sicherer Drittstaat
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Asylpolitik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Positive Folge der Geas-Reform: Hilfe für Fahim
       
       Mit der Geas-Reform verschlechtern sich die Bedingungen für Geflüchtete.
       Mit einer Ausnahme: die Gesundheitsversorgung für Kinder.
       
 (DIR) Vor dem Nato-Gipfel in der Türkei: Ignorante Wertegemeinschaft
       
       Bereits vor dem Nato-Treffen lässt der türkische Präsident Oppositionelle
       verhaften. Er will kritische Proteste mit allen Mitteln verhindern.
       
 (DIR) Geas-Reform: Die Menschenrechte werden abgeschafft
       
       An diesem Freitag tritt das neue Asylsystem der EU in Kraft. Es bedeutet
       die größte Asylrechtsverschärfung seit Jahrzehnten und betrifft am Ende
       alle.
       
 (DIR) Neues Europäisches Asylsystem GEAS: Von der EU-Grenze nach Berlin-Tegel
       
       Berlin will Europas neue Asylregeln möglichst „human“ umsetzen, sagt die
       Integrationssenatorin. Flüchtlingsinitiativen und Grüne sind skeptisch.