# taz.de -- Oberbürgermeisterwahl in Sachsen: Zieht ein „Freier Sachse“ ins Rathaus ein?
> In Aue-Bad Schlema tritt am Sonntag ein Rechtsextremer gegen einen
> CDU-Kandidaten für den Oberbürgermeisterposten an. Das Rennen wird knapp
> werden.
(IMG) Bild: Stefan Hartung, Mitbegründer der rechtsextremen „Freien Sachsen“, steht am Postplatz in Aue
Was er als Erstes in Aue-Bad Schlema angehen würde? Marcus Hoffmann lässt
die Augen kurz Richtung Decke wandern. „Der Ruf“, antwortet der
CDU-Kandidat für den Bürgermeisterposten dann in einem Video auf Social
Media, der habe während des aktuellen Wahlkampfs gelitten. Deutschlandweit
sei die kleine Erzgebirgsstadt in den Medien, „und das ist nicht gut für
uns“.
Der Grund heißt Stefan Hartung. Er tritt für die extrem rechte Partei Freie
Sachsen an und bekam beim ersten Wahlgang trotzdem das beste Ergebnis.
Mitte Mai stimmten 29 Prozent der Wähler:innen für ihn. Dabei hat er die
AfD rechts überholt und abgehängt. Sie trat auch an, belegte mit 18 Prozent
der Stimmen nur den vierten von fünf Plätzen. Auf dem zweiten Platz landete
CDU-Kandidat Marcus Hoffmann. Freie Wähler, Linke und AfD haben inzwischen
ihre Kandidaten zurückgezogen. Im zweiten Wahlgang am Sonntag tritt nur
noch Hoffmann gegen Hartung an.
Der CDU-Kandidat umgeht in dem Wahlkampfvideo auf Social Media den Namen
seines Kontrahenten. Aber Hoffmann spricht von Menschen, Vereinen und
Gewerbetreibenden, die sich besorgt bei ihm gemeldet hätten. Es ist das
erste Mal, dass ein Kandidat der Freien Sachsen eine echte Chance hat,
Oberbürgermeister in Deutschland zu werden.
## Fackelmärsche und Kommunalpolitik
Stefan Hartung ist 37 Jahre alt und seit 2009 in der Kommunalpolitik
unterwegs. Zunächst trat er für die NPD an, die mittlerweile Heimat heißt.
2021 war er Mitgründer der Freien Sachsen und organisierte Proteste gegen
die Coronapolitik. Heute ist er stellvertretender Vorsitzender bei den
Freien Sachsen und gleichzeitig Beisitzer im Landesvorstand der Heimat. Der
Verfassungsschutzbericht Sachsen erwähnt Hartung deshalb namentlich.
Bundesweite Aufmerksamkeit erregte er im Herbst 2013, als er im
nahegelegenen Ort [1][Schneeberg abendliche Fackelmärsche gegen eine
Asylunterkunft] organisierte. Mehr als 1.000 Menschen folgten dem Aufruf
des NPD-Manns damals.
Hartung betont immer wieder, er sei kein Neonazi. Es klingt nach einem
Mantra. Laut der Schweizer [2][Tageszeitung Neue Zürcher Zeitung] sagt
Hartung sogar, er sei bei der NPD noch nie Neonazis begegnet.
Im Wahlkampf spielen Fackeln bislang noch keine Rolle. Mit vielen Videos,
Plakaten und Wahlkampfständen versucht Hartung Aufmerksamkeit zu bekommen.
Zentral in der Stadt, am Postplatz, hängen auf dem Dach eines Restaurants
zwei auf Bauzäune gespannte Transparente, die für den Kandidaten der Freien
Sachsen werben.
## Hartung ist berüchtigt
Wer Hartung ist, wussten in Aue-Bad Schlema wohl alle, schon bevor er im
Mai den höchsten Stimmanteil im ersten Wahlgang bekam. Nach dem amtierenden
Oberbürgermeister Heinrich Kohl (CDU), der aus Altersgründen nicht mehr
antritt, gilt Hartung als bekanntester Politiker der Stadt. Er sorgte im
Stadtrat oder im Kreistag für Aufmerksamkeit, etwa als der NPD-Kader 2019
versuchte, sich [3][einen Platz im Finanzausschuss zu ertricksen].
Doch der Wahlerfolg im Mai zeigte auch, wie eine Strategie der Freien
Sachsen in Aue-Bad Schlema aufging. Die Partei bemüht sich um ein nahbares
Image. Sie betreibt zwei Kneipen in der Stadt, lädt zum Public Viewing ein,
wenn der bekannte Fußballverein Erzgebirge Aue um den Landespokal spielt.
Über Jahre hat die Partei so Rückhalt in der Bevölkerung gewonnen.
Innerhalb der rechten Szene sorgt der Erfolg von Hartung im ersten Wahlgang
für Aufsehen. Im Podcast des extrem rechten Vereins „Ein Prozent“ spricht
etwa der frühere NPD-Politiker Michael Schäfer schon davon, dass im
sächsischen Landtag neben der AfD auch die Freien Sachsen einziehen
könnten.
Allerdings hält bislang selbst die AfD zu den Freien Sachsen Distanz. Auch
in Aue-Bad Schlema gab sie keine Wahlempfehlung für Stefan Hartung ab,
nachdem sich ihr Kandidat aus dem Rennen zurückgezogen hatte.
Bei Stefan Hartung würde aber ein Sieg im Wahlkampf noch nicht zwangsläufig
bedeuten, dass er ins Amt einzieht. In Sachsen müssen
Oberbürgermeister:innen stets für die freiheitlich demokratische
Grundordnung eintreten. Nach der Wahl überprüft das Landratsamt, ob
Gewählte alle Voraussetzungen erfüllen. Sollte das nicht so sein, findet
eine neue Wahl statt, bei der die Person nicht mehr antreten dürfte.
Im Fall von Hartung könnte etwa seine führende Rolle bei der Heimat und bei
den Freien Sachsen eine Rolle spielen. Hartung spricht das Szenario im
Wahlkampf bereits an. Sein Narrativ dazu: „CDU-Putsch gegen die Demokratie“
nennt er es.
Doch noch hat Hartung nicht gewonnen. Rechnet man die Stimmen von CDU,
Freien Wählern und Linken zusammen, kämen sie zusammen auf 52,4 Prozent.
Nach dem zweiten Wahlgang erklärten die Linken, dass sie den CDU-Kandidaten
Marcus Hoffmann unterstützen. Die Freien Wähler grenzen sich zumindest
deutlich von Hartung ab. Klar ist: Ein Sieg von Hoffmann würde zunächst mal
Ruhe nach Aue-Bad Schlema bringen.
5 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kampf-gegen-NPD-in-Schneeberg/!5054752
(DIR) [2] https://archive.is/20260601090357/https://www.nzz.ch/deutschland/politik/stadt-im-erzgebirge-koennte-bald-einen-rechtsextremen-zum-oberbuergermeister-waehlen-eine-spurensuche-ld.10008895#selection-539.47-539.52
(DIR) [3] /Eingeknickt-im-Erzgebirge/!5610285
## AUTOREN
(DIR) David Muschenich
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