# taz.de -- Oberbürgermeisterwahl in Sachsen: Fast hätte die Neonazi-Partei gewonnen
       
       > In Aue-Bad Schlema hat der CDU-Kandidat Marcus Hoffmann mit einem
       > hauchdünnen Vorsprung die OB-Wahl gewonnen. Sein Rivale, der Neonazi
       > Stefan Hartung, bekam mehr Stimmen als zuvor.
       
 (IMG) Bild: Knapp darunter ist auch vorbei: Stefan Hartung (Freie Sachsen) verliert mal wieder
       
       Circa 500 Stimmen – größer ist der Vorsprung von Marcus Hoffmann (CDU) am
       Sonntagabend nicht. Laut dem vorläufigen Ergebnis des zweiten Wahlgangs
       reicht es für das Amt des Oberbürgermeisters von Aue-Bad Schlema. Doch
       obwohl der andere Kandidat, Stefan Hartung, als führendes Mitglied der
       Neonazi-Partei Freie Sachsen bekannt ist, bekam er 47,3 Prozent der Stimmen
       in der Stadt im Erzgebirge. Das liegt vor [1][allem an seiner Person], sagt
       aber auch etwas über die politische Entwicklung der Region.
       
       Nachdem die Wahllokale um 18 Uhr geschlossen hatten und die ersten
       Ergebnisse eingetrudelt waren, lag Hartung sogar noch vorne. Zum Beispiel
       das Teilergebnis aus Wahlraum 1: 182 Stimmen für den CDU-Kandidaten, 183
       Stimmen für den Freien Sachsen. Teilergebnis aus Wahlraum 5: 128 Stimmen
       für den CDU-Kandidaten, 172 Stimmen für den Freien Sachsen. So las es sich
       etwa beim Live-Ticker bei der [2][lokalen Freien Presse].
       
       Erst die Briefwahlkreise brachten eindeutige Ergebnisse für Marcus
       Hoffmann. Am Ende bekam er 52,7 Prozent, so das vorläufige Wahlergebnis.
       Bei einer Wahlbeteiligung von 61,7 Prozent entspricht das in etwa 5.000
       Stimmen, mehr als doppelt so viele wie im ersten Wahlgang vor einem Monat.
       Allerdings: Auch Stefan Hartung hat rund 1.800 Stimmen hinzugewonnen.
       
       Im ersten Wahlgang hatten noch drei andere Parteien Kandidaten aufgestellt:
       die Freien Wähler, die Linken und die AfD. Tony Neuß (Linke) hatte nach
       seinem Rückzug dazu aufgerufen, den CDU-Kandidaten Hoffmann zu wählen.
       Danny Weber (Freie Wähler) und Lars Bochmann (AfD) gaben keine
       Wahlempfehlung ab. Jedoch grenzte sich Weber deutlich von Stefan Hartung
       und dessen Neonazi-Partei ab. Der AfDler Bochmann rief lediglich dazu auf,
       auch im zweiten Wahlgang zur Urne zu gehen.
       
       ## Knappes Wahlergebnis in Aue-Bad Schlema
       
       Von welchem der drei zurückgetretenen Kandidaten nun die Stimmen zu Hartung
       oder Hoffmann gewandert sind, lässt sich nicht sagen. Eine
       Wahlnachbefragung gibt es nicht. Auffällig ist, dass AfD-Kandidat Bochmann
       1.726 Stimmen bekam und Stefan Hartung etwa in dieser Höhe hinzugewonnen
       hat.
       
       Dass Hartung im ersten Wahlgang mit 29 Prozent den höchsten Stimmanteil
       bekam, sorgte bundesweit für mediale Aufmerksamkeit. Warum wählen in
       Aue-Bad Schlema so viele Menschen einen Mann, der seit Jahren bei
       Neonazi-Parteien aktiv ist?
       
       In der Erzgebirgsstadt in Sachsen leben keine 20.000 Menschen. Überregional
       ist sie für ihren Fußballverein Erzgebirge Aue, Schwibbögen und die lange
       Bergbautradition bekannt. Innerhalb Aue-Bad Schlemas ist Stefan Hartung so
       etwas wie ein Politik-Promi.
       
       Es war die dritte Bürgermeisterwahl, bei der er angetreten ist. Beim
       vorherigen Versuch, 2019, bekam er als NPD-Kandidat rund 18 Prozent der
       Stimmen. Zudem [3][sitzt Hartung seit 2014 im Kreistag] und ist seit der
       Zusammenlegung von Aue und Bad Schlema auch im Stadtrat vertreten. Ein
       beachtliches Engagement für einen, der die Bundesrepublik für eine
       „Fassadendemokratie“ hält.
       
       Der 37-Jährige ist heute stellvertretender Vorsitzender bei den Freien
       Sachsen und gleichzeitig Beisitzer im Landesvorstand der Partei Die Heimat,
       der umbenannten NPD. Der Verfassungsschutzbericht Sachsen erwähnt Hartung
       deshalb namentlich. Die Freien Sachsen, heißt es dort, machten Geflüchtete
       verächtlich und bezeichneten sie pauschal als kriminell. Demokratie sei
       ihrer Ansicht nach überflüssig. Kurz nach ihrer Gründung 2021 mobilisierte
       die Partei vor allem zu Protesten gegen die Corona-Politik.
       
       Stefan Hartung erregte schon Jahre zuvor mediale Aufmerksamkeit, als er
       2013 im nahegelegenen Ort [4][Schneeberg abendliche Fackelmärsche gegen
       eine Asylunterkunft] organisierte. Mehr als 1.000 Menschen folgten dem
       Aufruf des NPD-Manns. Den Bürgermeister von damals, Frieder Stimpel (CDU),
       belagerte Hartung mit 50 Leuten in dessen Privathaus, wie der [5][Spiegel]
       später berichtete.
       
       Dieses Jahr im Wahlkampf bemühte sich Hartung um einen seriösen Auftritt.
       Keine Springerstiefel, keine Reichsflaggen, keine Fackeln. Immer wieder
       sagte er in Kameras, er halte sich selbst für keinen Neonazi. Laut der
       Schweizer Tageszeitung Neue Züricher Zeitung behauptete er sogar, in seiner
       Zeit in der NPD sei er nie einem Neonazi begegnet.
       
       In der Stadt warb Hartung mit vielen und großen Wahlplakaten. Die Freien
       Sachsen betreiben zudem zwei Kneipen und luden zum Public Viewing ein, als
       Erzgebirge Aue spielte. Bei Debatten verwies Hartung immer wieder auf seine
       jahrelange Erfahrung in der Kommunalpolitik. Gereicht hat es zwar für den
       ersten Wahlgang, aber am Ende nicht fürs Amt.
       
       ## Landratswahl im Saalekreis
       
       Die Entwicklung, dass rechtsextreme Parteien trotz Kontroversen bei
       kommunalen Wahlen viel Zustimmung bekommen, [6][zeigte sich am Sonntag auch
       bei der Landratswahl im Saalekreis] in Sachsen-Anhalt. Dort bekam der
       Merseburger Polizist und AfD-Kandidat Uwe Arendt im ersten Wahlgang 43
       Prozent der Stimmen. Auf dem zweiten Platz landete dort ebenfalls ein
       CDU-Mann: für Sven Czekalla stimmten 36,6 Prozent.
       
       Ein Erfolg für Arendt, obwohl derzeit gegen ihn ein Disziplinarverfahren
       läuft. Der 59-jährige Hauptkommissar hatte Wahlkampf betrieben und als DJ
       aufgelegt, obwohl er krankgeschrieben war. Ob der Kandidat der
       rechtsextremen Partei im Saalekreis am Ende auch hier verliert, wird sich
       am 28. Juni zeigen. Dann steht dort eine Stichwahl an.
       
       8 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Oberbuergermeisterwahl-in-Sachsen/!6184415
 (DIR) [2] https://www.freiepresse.de/erzgebirge/aue/liveticker-zur-ob-wahl-in-aue-bad-schlema-kopf-an-kopf-rennen-bei-auszaehlung-cdu-kandidat-jetzt-vorn-artikel14279642
 (DIR) [3] /Eingeknickt-im-Erzgebirge/!5610285
 (DIR) [4] /Kampf-gegen-NPD-in-Schneeberg/!5054752
 (DIR) [5] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/npd-und-buergermeister-rechtsextreme-bedraengten-diese-politiker-a-1022734.html
 (DIR) [6] /Polizist-will-fuer-die-AfD-Landrat-in-Sachsen-Anhalt-werden---wie-demokratisch-ist-die-Polizei-dort/!6184368
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Muschenich
       
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