# taz.de -- Greenpeace-Expertin über Ukraine: „AKWs haben sich als sehr verwundbar erwiesen“
> Greenpeace-Expertin Kolodiazhna hält neue Atomkraftwerke in der Ukraine
> für kaum realistisch. Erneuerbare Energien hingegen seien im Krieg
> widerstandsfähiger.
(IMG) Bild: Das Kernkraftwerk Saporischschja-Enerhodar am rechten Ufer des Dnjepr bei Nikopo, 2023
taz: Frau Kolodiazhna, die Ukraine will die [1][Atomenergie] ausbauen. Wie
stehen Sie dazu?
Polina Kolodiazhna: Ich halte das aktuell für kaum realistisch, vor allem
im Krieg. Atomkraftwerke haben sich in dieser Situation als sehr verwundbar
erwiesen. Kein Reaktor wurde dafür ausgelegt, unter Kriegsbedingungen zu
funktionieren oder direkten Angriffen standzuhalten. Das hat man besonders
deutlich gesehen, als das AKW Saporischschja 2022 besetzt wurde. Zentrale
Energiesysteme sind in solchen Situationen extrem anfällig.
taz: Wie wollen Sie dann die Stromversorgung sichern?
Kolodiazhna: Wir von Greenpeace setzen auf dezentrale Energieversorgung,
vor allem auf Solarenergie und andere erneuerbare Quellen. Diese Systeme
sind flexibler, schneller installierbar und können Gemeinden direkt
versorgen, auch unabhängig vom großen Netz. Selbst wenn einzelne
Komponenten etwa bei einer Solaranlage beschädigt werden, liefern die
übrigen Module weiterhin Strom. Zugleich sind sie dezentral organisiert und
können direkt vor Ort installiert werden, beispielsweise auf den Dächern
von Krankenhäusern oder Wohnhäusern.
taz: Unterstützt die Gesellschaft erneuerbare Energien?
Kolodiazhna: Heftige gesellschaftliche Debatten zu erneuerbarer Energie mit
einer starken Polarisierung wie in manch anderen Ländern hat es in der
Ukraine nie gegeben. Im Gegenteil: Allmählich setzt sich das Bewusstsein
für die Bedeutung dezentraler und grüner Energie durch.
taz: Ist das eine Folge der konkreten Erfahrung, wie angreifbar zentrale
Energiekonzepte sind?
Kolodiazhna: Die Menschen erkennen, dass eine dezentrale, grüne
Energieversorgung ihre Sicherheit, Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit
gegenüber russischen Angriffen stärkt. Patienten gewinnen mehr Vertrauen,
dass ein Arzt sie im Notfall behandeln kann. Eltern wissen, dass ihre
Kinder auch bei Stromausfällen zur Schule und in den Kindergarten gehen und
in Verbindung bleiben können.
taz: Auf welchen Ebenen werden die Entscheidungen getroffen?
Kolodiazhna: Viele Entscheidungen zu erneuerbaren Energien werden vor Ort
in den Kommunen getroffen. Sie werden vor Ort in den Kommunen und in der
Verantwortung der Kommunen produziert. Wenn eine Windkraftanlage oder eine
Solaranlage vor Ort betrieben wird, entsteht ein Gefühl von Sicherheit und
Unabhängigkeit: Die Menschen wissen, dass ihre Energieversorgung auch
morgen und übermorgen gewährleistet ist. Diese Stärkung von Gemeinden ist
deshalb ein zentraler Aspekt. Das fördert die aktive Beteiligung von
Bürgerinnen und Bürgern sowie Kommunen. Die Menschen fühlen sich somit
mitverantwortlich für diese Energien.
taz: Wie sehr glauben Sie, dass sich die Energiewende durchsetzt?
Kolodiazhna: Ich halte sie für umsetzbar, auch wenn es Zeit braucht.
Studien zeigen, dass bereits ein sehr kleiner Teil der geeigneten Flächen
ausreichen würde, um den Energiebedarf der Ukraine zu decken. Außerdem
sehen wir bereits konkrete Fortschritte: Gemeinden, Krankenhäuser und
Unternehmen installieren zunehmend Solaranlagen. Langfristig kann die
Ukraine mit Speichersystemen und moderner Infrastruktur sogar vollständig
auf erneuerbare Energien umsteigen.
taz: Und wo sind die Hindernisse?
Kolodiazhna: Die größte Herausforderung ist aktuell die enorme Nachfrage.
Viele Produzenten können die Nachfrage kaum bewältigen. Hinzu kommen
praktische Schwierigkeiten wie begrenzte Kapazitäten, Lieferengpässe und
die komplexe Umsetzung in dicht bebauten Städten. Auch der Umbau des
gesamten Energiesystems ist natürlich eine langfristige Aufgabe, die
Investitionen und Planung erfordert.
9 Jun 2026
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(DIR) Bernhard Clasen
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