# taz.de -- Unpolitische Diskurse: Politik als PR
> Der politisch-mediale Diskurs kreist größtenteils nur noch um die
> Verkaufe. Das verhindert inhaltliche Debatten, die geführt werden müssen.
(IMG) Bild: Wüst vs. Merz, am Ende eine entpolitisierte und leere Debatte
Vor einigen Tagen machte das Gerücht die Runde, dass Friedrich Merz als
Bundeskanzler ausgetauscht werden könne. Hendrik Wüst,
CDU-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, könne als beliebter
Landesvater die Union vor ihrem Absturz retten. Für einen kurzen Augenblick
wurde dieses Szenario medial diskutiert, gleich wie absurd es erscheint.
Von Beliebtheitswerten hier und Beliebtheitswerten dort war die Rede. Was
in diesem Zuge hingegen nicht diskutiert wurde: Welche Politik hat die
Glaubwürdigkeit demokratischer Parteien derart beschädigt, dass eine
autoritäre Partei an erster Stelle in den Umfragen steht und die Position
des Bundeskanzlers nach nur einem Amtsjahr wackelt?
Die medial-politische Debatte in Deutschland scheint in Teilen
besorgniserregend entpolitisiert zu sein. Bürger:innen kommen oft nur
noch als Gruppe vor, denen man die im Grunde gute Politik nur besser
verkaufen müsse, dann werde das alles schon wieder. Politiker:innen
werden medial nach ihrer Öffentlichkeitsarbeit und ihrem Social Media Game
bewertet, nicht nach der Politik, die sie machen. „Botschafter vor
Botschaft vor Distribution“, erklärt der Politikberater Josef Lentsch
[1][in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung in dieser Woche]. Mit
Distribution sei die Technik gemeint, mit der eine Partei ihre Botschaft
verbreite, so der Experte. Die tatsächliche Politik kommt in dieser
Gleichung nicht einmal mehr vor. Im Interview wird nicht danach gefragt.
Wenn Friedrich Merz mal wieder einen seiner berühmt-berüchtigten
Ausrutscher hat, dann wird das medial als „schlechte Kommunikation“
bewertet. Als er kürzlich erklärte, dass die gesetzliche Rente „allenfalls
noch die Basisabsicherung“ für das Alter sein könnte, wunderten sich
Journalist:innen landauf, landab über die Empörung über diesen Satz. Na
ja, da habe der Kanzler mal wieder schlecht kommuniziert. Aber es stimme
doch nun einmal! Die gesetzliche Rente sei schließlich nur eine Säule der
Altersversicherung, und man müsse nun einmal auch anders vorsorgen. In
Deutschland sind Millionen von Menschen allein auf die gesetzliche Rente
angewiesen und haben kein Geld, um es als Altersvorsorge auf dem
Kapitalmarkt anzulegen – könnte der Kanzler mit seinem Ausrutscher nicht
schlicht gesagt haben, dass er diese Menschen in seiner Politik zu
ignorieren gedenkt?
Im Mai war Friedrich Merz auf dem Katholikentag in Würzburg. Dort räumte er
ein, [2][dass es ihm nicht gelinge, die Menschen „hinreichend zu erreichen
und auch zu überzeugen“,] und dass er seine Kommunikation verbessern müsse.
Dazu hieß es in einem Hörfunkbeitrag der ARD: „Empathie, so eine zentrale
Kritik an der Kanzlerkommunikation, ist nicht die Stärke der
Merz-Rhetorik.“ Durch derartige Kommentierungen entsteht der Eindruck, dass
die Bundesregierung es wirklich, wirklich gut meine und dass sie und ihre
Repräsentant:innen einfach nur noch lernen müssten, das in die
richtigen Worte zu packen. Dass das Problem sein könnte, dass die Empathie
nicht in der Kommunikation oder in der Rhetorik fehlt, sondern in der
Politik, das scheinen in diesen Zeiten nur noch wenige zu verstehen.
In einem öffentlich-rechtlichen Podcast über den FDP-Parteitag wurde viel
über Kubicki und seine Konkurrentin Marie-Agnes Strack-Zimmermann
gesprochen und wenig darüber, was die FDP eigentlich will. Welche Ideen hat
sie? Welche Politik will sie machen? Wie will sie das Leben für Menschen im
Land verbessern? Diese Antworten kann zurzeit wohl niemand geben, am
wenigsten FDP-Politiker:innen selbst. Ihnen werden diese Fragen aber auch
zu selten gestellt.
Bei der Distribution, also der Technik der Verteilung ihrer Botschaften,
seien „viele Parteien nicht auf der Höhe der Zeit“, so Politikberater
Lentsch. „Mit künstlicher Intelligenz könnte man Botschaften für
verschiedene Zielgruppen differenzieren“, schlägt er vor. Es geht als
Allererstes um das Wie, nicht das Was.
Natürlich müssen Parteien kommunizieren und Menschen erreichen. Natürlich
müssen sie sich dazu beraten lassen. Natürlich kann man das besser oder
schlechter machen. Aber wenn Politik nur noch als Wettkampf beschrieben
wird, wer die beste PR-Schlacht schlägt, dann braucht man sich nicht zu
wundern, dass Menschen ihr Vertrauen in das politische System verlieren.
Sie sind keine Objekte, die manipuliert oder mit den besten Tools
umschmeichelt werden wollen. Menschen als solche Objekte zu sehen, ist
Sache der Autoritären – siehe Donald Trump in den USA oder die AfD in
Deutschland. Es darf niemals Sache der demokratischen Parteien sein.
## Kontraproduktive Personalfragen
Gute Politik wird bei den Menschen ankommen, gleich, wie sie kommuniziert
wird. Menschen nehmen wahr, wenn ihre Kinder in den Schulen gute Bildung
erhalten, wenn sie sich ein Haus leisten können, wenn die Mieten bezahlbar
sind. Gute Politik muss nicht mit Spins verkauft werden. Wenn 30 bis 40
Prozent der Bevölkerung in Deutschland keine Spareinlagen haben, ist das
keine Frage der schlechten Kommunikation. Wenn die Wirtschaft nicht wächst
und Menschen ihre Stellen verlieren, ist das keine Frage der schlechten
Kommunikation. Wenn ein winziger Teil der Gesellschaft den Großteil des
Wohlstandes besitzt, ist das keine Frage der schlechten Kommunikation.
Debatten über Personalfragen, Debatten über vermeintlich schlechte
Kommunikation verhindern Debatten, die geführt, und Fragen, die gestellt
werden müssen. An den Spitzen vieler Parteien stehen Politiker:innen, die
genau das meinen, was sie sagen. Man sollte ihnen zuhören. Sie glauben an
das neoliberale Modell aus den neunziger Jahren. Sie glauben an
Umverteilung von unten nach oben. Sie glauben, dass Demokratie überleben
kann, wenn Vermögen und Einkommen auf Dauer ungleich behandelt werden; wenn
Menschen auf Dauer ungleich behandelt werden. Es funktioniert nicht.
Darüber sollte man sprechen. Kommunikation hin oder her.
3 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.sueddeutsche.de/politik/fdp-wolfgang-kubicki-parteien-li.3489393
(DIR) [2] /Der-Kanzler-und-seine-falsche-Agenda/!6179311
## AUTOREN
(DIR) Gilda Sahebi
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