# taz.de -- WM-Fieber in Deutschland: Geht’s raus und freut’s euch!
> Der DFB will eine möglichst politikfreie Fußball-WM. Bislang läuft alles
> prächtig in die gewünschte Richtung.
(IMG) Bild: Oberrealo Rudi Völler: Mit dem Weltfrieden wird es vor dem Eröffnungsspiel eh nichts
Es gibt sie wieder: die Wade der Nation. Manuel Neuer schleppt sich gerade
mit ihr herum. Eigentlich macht er das schon stolze 40 Jahre, nur in den
vergangenen Monaten eben mit vermehrten Ausfallerscheinungen. So knapp vor
der WM, da wir doch gerade [1][von Bundestrainer Julian Nagelsmann] nach
der Degradierung von Stammtorhüter Oliver Baumann gelernt haben: „Mit Manu
sind wir besser als ohne Manu.“ Neuer, der das schon vorher wusste,
beruhigte vermutlich deshalb bereits im April die deutschen Fans wegen der
wiederkehrenden Problematik so anschaulich. Das sei nicht weiter schlimm,
sagte er, das sei wie ein Schnupfen in der Wade.
Doch mit jedem weiteren Tag Wadenschnupfen steigt das WM-Fieber beim
deutschen Publikum. Wie soll das nur gehen ohne Manu? Die Beunruhigung über
den immer mehr ins Autoritäre abkippenden WM-Gastgeber USA, den
unberechenbaren Präsidenten Donald Trump [2][und mögliche gewalttätige
Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE] sind längst den nicht minder
konkreten Sorgen gewichen, wie die DFB-Elf etwa das komplizierte
Auftaktspiel gegen Curaçao für sich entscheiden könnte.
Mit oder ohne Neuer? Was ist, wenn Joshua Kimmich ausfallen sollte, für den
es doch keinen echten Ersatz gibt? Und wäre es nicht besser, wenn Kai
Havertz nicht noch dieses Champions-League-Finale hätte spielen müssen,
weil er nun einen Teil der Vorbereitung verpasst?
## Studie am Fanherz
Solche Ungewissheiten erhöhen das Stresslevel. Und wenn es erst einmal
losgeht, wird es noch schlimmer. Forschende der Universität Bielefeld
nehmen sich der vielleicht lange unterschätzten Problematik des WM-Fiebers
an. Sie untersuchen in den nächsten Wochen mithilfe einer Smartwatch am
Fußballfanarm, wie die Anhänger verschiedener Nationen körperlich auf
bestimmte Spielereignisse reagieren. Erfasst werden Herzfrequenz, Stress,
Bewegung und Schlaf.
Die Herzen der Fifa-Funktionäre schlagen gewiss jetzt schon höher, wenn sie
wieder einmal dabei zusehen können, wie dieses Großereignis auch noch so
große Probleme in den Schatten zu stellen vermag. Spätestens mit dem
Anpfiff tickt die Welt scheinbar wieder synchron. Das Verlangen nach
Ablenkung ist größer denn je. Unter diesen klimatisch günstigen Bedingungen
wächst ein jedes Thema etwa rund um den DFB-Tross zu einer wundersamen
Größe an. Lässt sich der Bundestrainer im maximalen Erfolgsfalle wirklich
mit David Raum ein Tattoo stechen? Und was hat es genau mit dem
Gamingkoffer des 18-jährigen Neulings Lennart Karl auf sich, den dieser bei
der Anreise ins DFB-Lager vor sich herschob?
Eine Ausnahme von dieser WM-Ablenkungsregel war nur bei dem Turnier [3][in
Katar 2022 rund um das deutsche Team] zu beobachten. Aber diesen selbst
diagnostizierten Fehler, sich von politische Schwingungen berühren zu
lassen, den will der DFB, wie er dieser Tage besonders betont, partout
nicht noch einmal machen. Rudi Völler, ein Realo durch und durch, erklärte
diese Woche: „Ich hätte auch gern lieber ein bisschen mehr Frieden überall.
Das wird jetzt nicht zu lösen sein bis zum Eröffnungsspiel.“ Er
appellierte, Politik und Fußball während der WM voneinander zu trennen.
Als positive Zeichen, dass man auf dem besten Weg zur politikfreien WM ist,
können neben dem Gamingkoffer die intensiven Debatten um jede Detailfrage
bei der Kadernominierung von Julian Nagelsmann oder eben die kollektive
Anteilnahme an Neuers Wadenschnupfen gewertet werden. „Wir tun gut daran,
uns jetzt auf die WM zu freuen“, mahnte Völler. Franz Beckenbauer hätte es
vermutlich ein wenig direkter formuliert: „Geht’s raus und freut’s euch!“
29 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Johannes Kopp
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