# taz.de -- Krisentheater in Berlin: Wenn Opfer zu Verdächtigen erklärt werden
       
       > Zärtlich, radikal, bitter: Das Theater Thikwa und andcompany&Co. sezieren
       > im Hebbel am Ufer multiple Krisen und rechte Verschwörungserzählungen.
       
 (IMG) Bild: Tanz, Musik, Lachen: Debrecina Arega vom Theater Thikwa auf der Bühne
       
       Zu Beginn geht es mehr als sehr verspielt zu. Die Darsteller*innen
       entwerfen eine Szene im New York des frühen 20. Jahrhunderts: Debrecina
       Arega vom Theater Thikwa trägt einen altmodischen Hut und eine Federboa,
       sie spielt Emily Dunning Barringer, die erste Ambulanz-Chirurgin New Yorks,
       die sich maßgeblich für eine Professionalisierung der Notfallversorgung,
       bessere Ausstattung von Krankenwagen und strukturierte Ausbildung
       einsetzte.
       
       Kurz darauf befinden wir uns plötzlich auf dem Mond. Dort steht ein
       zurückgelassenes Mondauto von Neil Armstrong – das sich zum Erstaunen aller
       als Tesla entpuppt. War Neil Armstrong, fragt Alexander Karschnia vom
       Künstler*innenkollektiv andcompany&Co., wirklich auf dem Mond? Oder
       hat er es nur vorgegeben, gespielt?
       
       Die Premiere von „Wir Krisendarstellerinnen: Lookalike in anger!“, einer
       Kooperation zwischen andcompany&Co. und dem experimentellen, inklusiven
       Kreuzberger Theater Thikwa für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung,
       wirkt am Freitagabend im Hebbel am Ufer zunächst wie ein fröhlich
       eskalierender Reigen aus Einfällen.
       
       Mal flimmern Raumfahrtsequenzen über die Leinwand, mal tanzt Debrecina
       Arega, bis das Publikum mitklatscht, mal spielt Max Edgar Freitag Gitarre.
       Es wird gelacht, gestritten, gesungen. Die Darstellerinnen, in sehr
       komischen Kostümen zwischen OP-Grün und Mondfahrt-Silber, verschwinden
       zwischendurch in einem wackligen Sanitätszelt, sitzen leicht federnd auf
       Gummibällen, trinken aus einer überdimensionierten Polizeitasse und beraten
       hochprofessionell, was als Nächstes zu tun sei.
       
       ## Der räudige Hund
       
       Erst allmählich schält sich heraus, worum es bei alldem eigentlich geht –
       wo der räudige Hund begraben liegt, den man im bunten Trubel zunächst gar
       nicht vermisst hat.
       
       Der Wendepunkt kommt mit einem längeren Redebeitrag von Alexander
       Karschnia. Er erzählt, wie der Titel des Abends entstand: „Crisis actors“,
       Krisendarsteller*innen. Ein Begriff aus dem Umfeld rechter
       US-amerikanischer Verschwörungstheorien. Gemeint sind angebliche
       Schauspieler*innen, die bei realen Katastrophen oder Gewalttaten auftreten
       sollen, um Ereignisse zu fingieren oder zu manipulieren.
       
       Karschnia berichtet vom Schulmassaker an der Marjory Stoneman Douglas High
       School in Florida 2018, bei dem 17 Menschen ermordet wurden. Als
       Überlebende bei einer Gedenkveranstaltung exakt so lange schwiegen, wie das
       Massaker gedauert hatte, nämlich etwas mehr als sechs Minuten, da hieß es
       in einschlägigen Internetblasen, sie seien „crisis actors“. Als habe es das
       Massaker nie gegeben. Als seien nicht die Täter die Täter, sondern die
       Opfer.
       
       In diesem Moment kippt der Abend – sichtbar, körperlich spürbar im
       Publikum. Plötzlich ist klar: Hier geht es nicht um harmlose Rollenspiele
       oder ironische Doktorszenen. Hier geht es um den Versuch, den multiplen
       Krisen der Gegenwart ein theatrales Spiegelkabinett entgegenzusetzen: von
       atomarer Bedrohung über Drohnenkrieg, von Klimakatastrophe bis
       Kultureinsparungen, von abstrakten Systemkrisen bis zu sehr konkreten
       Toten.
       
       ## Hater ernst nehmen
       
       Oder, wie Karschnia es formuliert: Was, wenn wir die rechten Hater ernst
       nähmen? Was, wenn wir den Ernstfall probten und uns tatsächlich zu
       professionellen Krisendarsteller*innen ausbilden ließen? Wäre es
       nicht nützlich, im Gerichtssaal nachspielen zu können, aus welchem Winkel
       beispielsweise ganz genau die tödlichen Schüsse auf Renée Nicole Good oder
       Alex Jeffrey Pretti abgegeben wurden?
       
       Spätestens hier gefriert den letzten Lachenden das Lächeln. Was an diesem
       eigenartig zärtlichen, zugleich radikalen Abend verhandelt wird, ist
       bitterer Ernst.
       
       Wie tröstlich deshalb das Schlussbild: Rund fünfzig Berliner
       Kulturschaffende schalten sich per Handyvideo auf die große Leinwand und
       singen gemeinsam eine große, herzzerreißende Hymne von Freddie Mercury.
       Geschrieben hat er sie, als er bereits schwer an Aids erkrankt war.
       
       „The show must go on“: Ein Lied über das Weitermachen trotz Schmerz, Angst
       und nahendem Tod. Über den inneren Kampf zwischen körperlichem Verfall und
       dem unbeirrbaren Willen, weiterzuleben, weiter zu schaffen, weiter Kunst zu
       machen. Standing Ovations.
       
       31 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Inklusion
 (DIR) Freies Theater
 (DIR) Krisenmanagement
 (DIR) häusliche Gewalt
 (DIR) Politisches Theater
 (DIR) Musical
 (DIR) Theater Berlin
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Gewalt in lesbischen Beziehungen: „Das Archiv der Träume“ wird entstaubt
       
       Ein Theaterstück im Berliner Ensemble bringt Gewalt in lesbischen
       Beziehungen auf die Bühne – und zeigt, wie sehr das Thema tabuisiert wird.
       
 (DIR) Theaterstück über Immobilienspekulation: Die Ballade vom schleimigen Makler
       
       Eine inszenierte Immobilienbesichtigung ist das Stück „Ignorance Is Bliss“
       in den Sophiensälen in Berlin. Es greift die Spekulations- und Sparwut der
       Stadt auf.
       
 (DIR) „Die Tüten aus der Verwaltung“: Leben für die Kaffeepause
       
       Deutsche Bürokratie wird zum Musical. Die Musiktheatercombo glanz&krawall
       nimmt am inklusiven Theater Thikwa „Die Tüten aus der Verwaltung“ aufs
       Korn.
       
 (DIR) Berliner Inklusionstheater Thikwa: Von Glückssuche und Einsamkeit
       
       Vordenker des Inklusionstheaters: Das Berliner Theater Thikwa und seine
       Performer feiern 25-jähriges Jubiläum. Ihre Emanzipation geht weiter.