# taz.de -- Dokumentarfilm „Born to Fake“: Blind vom Blick auf die Quote
       
       > Bei ihm stimmte gar nichts: Der Dokumentarfilm „Born to Fake“ geht den
       > gefälschten Fernsehbeiträgen des Journalisten Michael Born auf den Grund.
       
 (IMG) Bild: Freundlich und fantasievoll: Michael Born in einem Fernsehbeitrag in „Born to Fake“
       
       Ein Mann sitzt in Jägerkluft auf einem Hochsitz und beklagt kopfschüttelnd
       die Auswirkungen freilaufender Katzen auf die Umwelt. Dann lädt er im
       winterlichen Wald die Schrotflinte durch und schießt auf eine Katze. 1994
       lief Michael Borns Beitrag über den Katzenjäger Günter Keim bei [1][Stern
       TV, präsentiert von Günther Jauch]. Dass Keims Bart rutschte, gab damals
       nur wenigen zu denken. Erst als seine Stimme in späteren Beiträgen
       wiederkehrte, begannen sich die Fragezeichen zu mehren.
       
       Michael Born konnte dem wöchentlichen Magazin noch einige Jahre weiter
       Beiträge über vermeintliche Skandale verkaufen. Das Problem: die Beiträge
       hatte sich Born ausgedacht und mit Bekannten selbst gedreht. Der
       Dokumentarfilm „Born to Fake“ von Erec Brehmer und Benjamin Rost greift
       Michael Borns Beiträge – ähnlich wie damals ein Prozess – auf als
       Schnittstelle zwischen Betrug, Fabulierlust und Einblick in das
       Funktionieren von skandalfixierten Medien.
       
       Der Film nähert sich den Fernsehbeiträgen von Born biografisch und
       medientheoretisch. Er zeichnet nach, wie sich der nach einem
       abenteuerlichen Quereinstieg als Kriegsreporter im Libanon allmählich zu
       einem Geschichtenerzähler entwickelte, der als Medium für seine
       Fabulierlust ausgerechnet die Form der Reportage wählte, die von
       Authentizität lebt.
       
       Da die Regisseure Michael Born, der 2019 verstorben ist, nicht mehr
       befragen können, stellen Brehmer und Rost zwei Sichtweisen auf ihn einander
       gegenüber: die von Freund*innen und der Schwester von Born und die von
       ehemaligen Mitarbeitern von Stern TV. Die Freund*innen betonen, dass Born
       die Beiträge nicht in böser Absicht, sondern in einer Mischung aus
       ungehemmter Fabulierlust, einfachem Geld und Zynismus gegenüber der aus
       seiner Sicht skandalsüchtigen Redaktion erstellt habe. Die beiden
       ehemaligen Mitarbeiter Martin Lettmayer und Thomas Pritzl changieren
       zwischen einem Realitätscheck und rückblickender Selbstkritik an den
       Abläufen in der Redaktion.
       
       ## Ein zum Fabulieren neigender Mensch
       
       Brehmer und Rost arbeiten gelungen die Facetten heraus, die den Fall von
       Borns gefälschten Beiträgen auch heute noch interessant machen: die
       Leichtigkeit, mit der die Fälschungen entstehen konnten, und den Blick auf
       die Quote, der die Redaktion eventuell stellenweise zu Leichtsinn verlockt
       hat. Born erscheint in all dem als durchaus liebenswerter, zum Fabulieren
       neigender Mensch.
       
       Damit haben sich die beiden Regisseure thematisch viel vorgenommen, so
       viel, dass die Form des Films unter der Last der diversen Themen etwas
       schlicht gerät. Wenn Lettmayer erzählt, dass Kameraanweisungen an
       Interviewte und Porträtierte in Reportagen dem Authentizitätsanspruch zum
       Trotz zum Standard gehören, spielen die beiden Regisseure das im Anschluss
       noch einmal mit der nächsten Befragten, der [2][Medienwissenschaftlerin Eva
       Hohenberger], durch.
       
       Hohenberger bringt eine Reihe von medientheoretischen Überlegungen zu
       Authentifizierungsstrategien und filmischen Wirklichkeitsebenen ein. Nicht
       zuletzt aber ist ihr Fazit, dass die Redaktion die Beiträge eben nicht
       notwendigerweise als gefälscht hätte erkennen müssen. Spätestens hier hätte
       es nahegelegen, diese Option ernst zu nehmen und die Dramaturgie des
       einerseits-andererseits in Frage zu stellen.
       
       Die Form, die Brehmer und Rost für ihren Film gewählt haben, entscheidet
       sich dafür, bestimmte Fragestellungen in den Mittelpunkt zu rücken und
       andere, wie die des Zurückgeworfenseins auf Vertrauensverhältnisse zwischen
       Redaktion und Autor, zwischen Zuschauer*in und Redaktion, nur nebenbei
       aufzuwerfen. Sie erzählt Borns gefälschte Beiträge letztlich als
       unterhaltsame Anekdote, die nur für ihn selbst in einer Tragödie endet. Das
       reduziert „Born to Fake“ auf einen sehenswerten, aber wenig radikalen
       Dokumentarfilm.
       
       1 Jun 2026
       
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