# taz.de -- Trauer über Kontinente hinweg: Wenn am Ende der Reise ein Sarg steht
       
       > Distanz ist politisch: Die einen können kommen, zu einer Beerdigung oder
       > einer Hochzeit, die anderen nur mit Visum. Dann wird es schrecklich
       > konkret.
       
 (IMG) Bild: Ein Blick aus dem Flugzeugfenster: die Möglichkeit zu reisen gibt es nur mit Geld und Visum
       
       Es ist nicht so, dass ich nicht zur Beerdigung hätte anreisen können. In
       Berlin ist nichts, was ich verpasst hätte. Richtig arbeiten kann ich
       ohnehin nicht. Wie soll das gehen, wenn in Hirn und Herz nur Trauer ist.
       
       Was ich nicht ertragen konnte – beide Male –, war die Vorstellung einer
       zwölfstündigen Reise, die mich an einen Sarg führt. Eine U-Bahn-Fahrt voll
       Trauer. Eine Busfahrt. Ein schmerzhafter Aufenthalt am Flughafen, sieben
       schmerzerfüllte Stunden eingequetscht zwischen Fremden im Flieger. Der
       Druck im Kopf bei der verheult-verrotzten Landung in der Fremde, die auch
       Zuhause ist. Und dann der Hitze- und Kulturschock, der im Laufe der Jahre
       immer weniger einschlug, aber in einem solch kraftlosen Moment mich doch
       hätte umhauen können.
       
       Der Schock, das wäre diesmal nicht Sprachwechsel, Gerüche, Farben oder
       Temperaturen gewesen, sondern Abwesenheit. Dieser eine vertraute Mensch,
       der mich immer vom Flughafen abgeholt hat – zumindest seit dem letzten Tod,
       den wir zu betrauern hatten –, fehlt und ich weiß nicht, ob ich mich auf
       eine Autofahrt hätte begeben können, die zur Bestätigung führt, dass es ihm
       wirklich unmöglich war, mich abzuholen. Denn am Ende der Reise steht ein
       Sarg, und darin liegt jemand, mit dem ich viel zu wenig Zeit verbringen
       durfte.
       
       An viele Dinge, die das Leben zwischen den Kontinenten betreffen, habe ich
       mich gewöhnt. In besonderen Momenten habe ich sogar gelernt, es zu
       genießen. Woran ich mich aber nie gewöhnen werde: an Trauer und Ängste auf
       Distanz.
       
       ## Wenn man einfach nicht das ist
       
       Nicht für jemanden sorgen zu können, nicht für jemanden da sein zu können,
       weil man einfach im wörtlichen Sinne nicht da ist. Oder man ist da und dann
       sind da Sprachbarrieren und lokale Bildungslücken, die einem klar machen,
       dass man dort nicht so eine große Hilfe ist wie in Deutschland, wo man sich
       auskennt und einschätzen kann, was okay ist und wo man sich beschweren
       muss.
       
       Dann ist da die [1][Distanz, die durch Ungerechtigkeit entsteht]. Denn die
       Frage, wer vom anderen Teil der Familie anreisen könnte, sollte ich einmal
       krank sein, oder die Überlegung, wie die Reise zu meinem Sarg sich anfühlen
       könnte, die muss, die kann sich auf der dortigen Seite der Familie niemand
       stellen.
       
       Und wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir nicht einmal darüber
       sprechen: kein Geld, [2][kein Visum], keine Möglichkeit. Und das gilt
       genauso für die Freuden, die man miteinander teilen möchte. Keine Besuche
       [3][zu Hochzeiten,] Schulabschlüssen oder runden Geburtstagen. Es ist diese
       Distanz, die entsteht, wenn man das Leben und den Alltag, wichtige Menschen
       und Orte des Gegenübers nur aus Erzählungen und von Bildern kennt, weil man
       kein Teil davon sein kann. So gern hätte ich mich nach einem Besuch mit den
       Worten verabschiedet: „Das nächste Mal kommt ihr zu mir.“ Diese Distanz ist
       politisch.
       
       „Wenn wir alt sind“, habe ich gesagt, „dann besuchst du mich in
       Deutschland.“ Es ist etwas einfacher für Rentner*innen, ein Visum zu
       bekommen. „Und dann zeige ich dir Frankfurt und Berlin. Ich zeige dir mein
       Maison familiale, wo Papa gelebt hat, als er in Deutschland war. Dann bin
       ich die, die für dich übersetzt, Tickets löst und einkauft, was du nicht
       findest, weil ich weiß, wo. Wenn wir alt sind, kommst du zu mir und dann
       bist du der Fremde und ich passe auf, dass du nicht verloren gehst.“ Du
       bist nicht alt geworden.
       
       30 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Dede Ayivi
       
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