# taz.de -- Nur mal kurz die Demokratie retten: Wein trinken und Bürokratie abbauen mit Isa
       
       > Meine geniale Freundin ist leider tot. Aber ihre Stimme wohnt noch in
       > meinem Kopf. Und die hätte zu manchen der aktuellen Debatten was zu
       > sagen.
       
 (IMG) Bild: Im Austausch mit dem Weingeist ward so manche Idee geboren – leider oft nur mit geringer Halbwertszeit
       
       In letzter Zeit musste ich oft an meine alte Freundin Isa denken. Das liegt
       vielleicht an den Themen, die hier so rauf und runter gespielt werden:
       [1][der Wal], [2][der Elefantenp*****] (eine Leserin hat mich gebeten, das
       Wort nicht mehr auszuschreiben), [3][der Maulwurf-Staatsanwalt].
       
       Isa warf mir gern vor, Teil der Verblödungsindustrie geworden zu sein, die
       das Proletariat den ganzen Tag mit Nonsensgeschichten und Affären
       unterhält, damit es keine Revolution macht. Wir haben uns vor gefühlt
       hundert Jahren in einem Marx-Lesekurs am Schneiderberg kennengelernt, den
       ich schnell wieder aufgegeben habe, weil man da ungefähr drei Semester für
       die erste Seite brauchte.
       
       Isa war ganz unbedingt der Meinung, dass man sich mehr mit den
       strukturellen Problemen zu beschäftigen hätte. „Strukturell“ ist ja bis
       heute so ein Lieblingsbuzzword in unserer linken Bubble, auch wenn oft
       unklar ist, was damit gemeint ist.
       
       Einmal habe ich sie gezwungen, mir ihre Browserchronik zu zeigen. Von den
       letzten zwanzig Artikeln, die sie gelesen hatte, befassten sich in
       Wirklichkeit natürlich fast alle mit dem, was sie als Affären, unzulässige
       Personalisierungen und sonstigen Nonsens klassifiziert hätte. Das heiße gar
       nichts, behauptete sie. Über strukturelle Probleme lese man besser auf
       Papier.
       
       ## Gesetze mit Mindesthaltbarkeitsdatum
       
       Später hat Isa dann irgendwas mit Kulturmanagement gemacht. Also so als
       prekär Beschäftigte für irgendwelche Projekte Fördermittel erbettelt. Ich
       bin sicher, sie hätte zu [4][der Affäre um Hülya Iri und ihren Verein für
       Integrationsarbeit] am Kronsberg einiges zu sagen gehabt. Oder zu den
       Angriffen, die rechte Medien, die AfD und Teile der CDU [5][gerade auf NGOs
       fahren]. Aber Isa ist leider nicht mehr da. Sie ist vor einer Weile an
       Krebs gestorben.
       
       Sie fehlt mir vor allem auch deshalb, weil man mit ihr so schön bei zwei
       bis drei Flaschen Wein mal eben kurz die Welt retten oder zumindest
       kolossal vereinfachen konnte. In ihrer Kulturmanagerinnenphase kam sie alle
       zwei Wochen mit einer super neuen Methode um die Ecke, mit der sich –
       dieses Mal wirklich – jedes Problem in den Griff kriegen ließe.
       
       Für eine gut geschulte Altlinke war sie erstaunlich anfällig für
       Selbstoptimierungsquatsch und Projektmanagementtools. Daraus entstanden
       Gespräche, die mit „Man müsste doch einfach nur mal …“ anfingen. Manche
       davon traben bis heute in meinem Vorderhirn herum. „Rentfree“, wie die
       jungen Leute sagen. Daran muss ich denken, wenn ich Landtagsdebatten um
       Bürokratieabbau oder Demokratierettung verfolge.
       
       „Man müsste Gesetze mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen“ war zum
       Beispiel so eine Idee, die zwischen uns und dem Weingeist diskutiert wurde.
       Dann wären die Abgeordneten nämlich damit beschäftigt, die bestehenden
       Gesetze und ihre Auswirkungen zu überprüfen und hätten weniger Zeit, sich
       noch mehr komplizierte Regelungen auszudenken für Probleme, die kaum einer
       hat.
       
       ## Projektmanagement für Gesetzgeber
       
       Überhaupt müsste in jedem Gesetzentwurf drinstehen, welches Problem man
       damit jetzt genau zu lösen gedenke und woran – also an welchen messbaren,
       zählbaren Indikatoren – man erkennt, dass es gelöst wurde. Und wenn das
       nach zwei Jahren nicht geklappt hat, dann müsste es entweder überarbeitet
       oder gestrichen werden.
       
       Einen ganzen Abend lang fanden wir das mittelschwer genial. Am nächsten Tag
       waren wir uns aber nicht mehr sicher, ob wir das nicht vielleicht einfach
       irgendwo gelesen hatten. Und ob es nicht ein strukturelles Problem gibt,
       bei Antworten, die mit „Man müsste doch einfach nur mal …“ anfangen. Weil
       eine komplexe Gesellschaft vielleicht auch komplexere Antworten braucht.
       Aber was weiß ich schon, ich arbeite ja in der Verblödungsindustrie. Und
       Isa ist leider nicht mehr da.
       
       31 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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