# taz.de -- Mutmaßlicher Subventionsbetrug: So leicht kommt man an 1 Million Euro aus Steuergeldern
       
       > Hülya Iri kassierte mit ihrem winzigen Stadtteilverein in Hannover
       > jahrelang hohe Summen an Fördergeld. Haben die Geldgeber es ihr zu leicht
       > gemacht?
       
 (IMG) Bild: Hier war für den Stadteilverein von Hülya Iri einiges zu holen: Hannover im Nebel
       
       Es ist schon bizarr: Viele Vereine quälen sich mit den formalen
       Anforderungen herum, wenn es um die Beantragung von Projektmitteln geht.
       Auf den Antrag folgt der Zwischenbericht, kurz darauf der Abschlussbericht.
       Unzählige Exceltabellen müssen ausgefüllt und Belege kopiert werden – immer
       mit der Angst, irgendwo etwas falsch gemacht zu haben und sich am Ende
       Rückforderungen gegenüberzusehen.
       
       Bei Hülya Iris Verein Integrationsarbeit Kronsberg e. V. scheint das kein
       so großes Thema gewesen zu sein. Zumindest am Anfang nicht. Auf drei
       verschiedenen Ebenen – im Rat der Stadt Hannover, im Sozialausschuss des
       Landtages und im Innenausschuss des Bundestages – haben sich nun schon
       Abgeordnete über den Vorgang gebeugt.
       
       Und sie alle staunen darüber, wie mühelos es hier einem winzigen
       Stadtteilverein gelang, mehr als eine Million Euro an Fördergeldern zu
       kassieren. Belege dafür, dass diese Gelder tatsächlich für die
       Integrationsarbeit ausgegeben wurden, sind schwer zu finden. Trotzdem gilt
       für die Ex-SPD-Ratsfrau Hülya Iri die Unschuldsvermutung. Die
       Staatsanwaltschaft ermittelt ja immer noch.
       
       Dabei, so schält sich immer mehr heraus, waren da von Anfang an ein paar
       Merkwürdigkeiten. Das fängt schon mit der Vereinsgründung im September 2018
       an: Die findet bei Hülya Iri zu Hause statt. Der Verein soll damals genau
       die sieben Mitglieder haben, die das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) für eine
       Eintragung ins Vereinsregister fordert. Drei von ihnen sind miteinander
       verwandt: Es handelt sich um Hülya Iri und ihre beiden Kinder, die
       allerdings den Nachnamen ihres Vaters tragen, weshalb das nicht weiter
       auffällt.
       
       ## Die Hälfte der Vereinsmitglieder ist miteinander verwandt
       
       Das Gründungsprotokoll trägt die Unterschriften von weiteren vier Personen.
       Anonyme Hinweisschreiben, die Ende 2025 an das [1][Bundesamt für Migration
       und Flüchtlinge (Bamf)] und den Landesrechnungshof gehen, werden behaupten,
       dass diese Unterschriften gefälscht sind. Überprüfen lässt sich das mit den
       Mitteln der journalistischen Recherche nur schwer: Die genannten
       Vereinsmitglieder sind entweder nicht auffindbar oder reden nicht mit der
       Presse.
       
       Schon hier legt die Satzung fest, dass Hülya Iri in allen Belangen als
       Alleinvertretungsberechtigte auftritt, sich selbst als Geschäftsführerin
       engagieren darf und dafür eine Vergütung erhält. Als SPD-Ratsfrau und
       stellvertretende Fraktionsvorsitzende wird sie wiederum diese Vergütung
       nutzen, um bei der Stadt Hannover hohe Verdienstausfälle geltend zu machen.
       
       2019 wird die Vereinssatzung geändert: Der Vereinszweck – vorher ein
       Sammelsurium von allen Stichwörtern, die einem zum Thema [2][Integration]
       einfallen – wird so formuliert, dass er besser in die
       Gemeinnützigkeitskriterien der Abgabenordnung (AO) passt. Außerdem soll für
       die Beschlussfähigkeit bei Mitgliederversammlungen eine einfache Mehrheit
       aus drei erschienen Mitgliedern reichen – die Familienmitglieder können
       also spätestens ab hier allein entscheiden.
       
       Und noch im Jahr 2019 fließen die ersten Fördergelder: Die Region Hannover
       gibt 9.000 Euro für das Projekt „Arbeitsmarktintegration für
       alleinerziehende Frauen mit Migrationshintergrund“ – womit sich Hülya Iri
       möglicherweise selbst meint.
       
       ## Iri ist Vorsitzende, Geschäftsführerin und Beraterin
       
       Und das niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie (LS)
       fördert diverse Projekte im Bereich der Migrationsberatung, in denen Iri
       auch noch als Beraterin fungiert – neben ihrer Tätigkeit als Vorsitzende
       und Geschäftsführerin. Von 2019 bis 2025 fließen dafür 405.536,66 Euro.
       
       Einen zuverlässigen Eindruck habe der Vereinsvorstand gemacht, sagt die
       zuständige Staatssekretärin Christine Arbogast im Sozialausschuss des
       Landtages. Stets ansprechbar für Rückfragen nachgeforderte Belege wurden
       prompt übersandt – kein Grund für Misstrauen.
       
       Im September 2022 beantragt der Verein dann Mittel beim Bamf. Insgesamt
       werden 924.000 Euro bewilligt. Das Bamf stuft das Projekt als „risikoarm“
       ein. Erst im Mai 2025 führt eine reguläre Projektüberprüfung zu ersten
       Zweifeln an den Angaben des Vereins.
       
       Da sind schon längst die ersten Anschuldigungen und anonymen Anschreiben in
       der Welt. Sie sollen auch aus der Familie Hülya Iris kommen –
       möglicherweise ein Grund, warum sie in der hannoverschen SPD am Anfang
       nicht so ganz ernst genommen werden.
       
       Die Hinweise landen auch bei der AfD. Die stellt im September 2025 eine
       [3][Kleine Anfrage im Bundestag]. In der Antwort behauptet die
       Bundesregierung noch, es seien „keine Unregelmäßigkeiten festgestellt“
       worden. Tatsächlich gibt es im Bamf und im Innenministerium zu diesem
       Zeitpunkt aber schon erhebliche Zweifel und es werden weitergehende
       Prüfungen in die Wege geleitet.
       
       ## Verein beantragt munter weiter Geld
       
       Im Winter 2025 kursieren weitere anonyme Schreiben mit immer neuen
       Vorwürfen. Trotzdem versucht der Verein noch im Dezember 2025 einen
       weiteren Projektantrag an das Bamf zu stellen. Umfang: 1.049.643 Euro. Erst
       auf Aufforderung des Bamf wird der im Januar 2026 zurückgezogen.
       
       Im Februar 2026 führt das Bamf eine unangekündigte Vor-Ort-Kontrolle in den
       Räumen des Vereins am Kronsberg durch. Die Räumlichkeiten sind
       offensichtlich ungeeignet für die Veranstaltungen, die der Verein angegeben
       hat. Teilnehmernachweise fehlen genauso wie Personalunterlagen. Mündlich
       wird eingeräumt, dass Personal abgerechnet wurde, das hier nie beschäftigt
       war.
       
       Trotzdem tritt der Verein offenbar noch einmal die Flucht nach vorn an: In
       einer Videokonferenz mit dem Landesamt für Soziales kündigt er an, einen
       neuen Verein gründen zu wollen, weil dem alten Verein aufgrund von
       Rückforderungen die Insolvenz drohe. Jetzt schrillen auch beim Land die
       Alarmglocken und man intensiviert die Überprüfungen, die schon im Dezember
       eingeleitet wurden.
       
       Im März 2026 fordert das Bamf offiziell seine rund 740.000 Euro zurück und
       erstattet Anzeige. Ende März geht der Verein ins Insolvenzverfahren. Im Mai
       2026 hebt das Land Niedersachsen rückwirkend alle Förderbescheide auf und
       fordert rund 400.000 Euro zurück.
       
       Hülya Iri und ihre Kinder tauchen ab und sind für niemanden mehr zu
       sprechen. Der Insolvenzverwalter sitzt vor leeren Aktenordnern in einem
       Büro ohne Computer. Wohin das Geld geflossen ist, müssen die weiteren
       Ermittlungen ergeben. Die anonyme Briefschreiberin hat behauptet, es sei in
       Immobilien geflossen. Erstaunlicherweise stehen diese aber wohl nicht (oder
       zumindest nicht nur) im Ausland – sondern auch auf dem Kronsberg.
       
       2 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Bundesamt-fuer-Migration-und-Fluechtlinge-BAMF/!t5013136
 (DIR) [2] /Integration/!t5010246
 (DIR) [3] https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1109922
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nadine Conti
       
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