# taz.de -- Geschichte der Lufthansa in Berlin: Der Kranich im Schatten
       
       > Im THF Tower zeigt eine neue Ausstellung die frühe Lufthansa als Teil von
       > Aufrüstung und NS-Kriegswirtschaft – eindrucksvoll und schmerzhaft
       > aktuell.
       
 (IMG) Bild: Flugbetrieb auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin um 1940
       
       Zuerst ist da diese Aussicht. Oben im THF Tower, im ehemaligen Flughafen
       Tempelhof, öffnet sich der Blick: das große Feld, die monumentalen Hallen,
       die Stadt bis zum Horizont. Neben den Fenstern kontrastieren große Banner
       mit historischen Fotografien die spektakuläre Weite der Gegenwart mit
       Flugzeugen, Werkhallen, Zerstörung. Die Vergangenheit schiebt sich über den
       Ausblick – und plötzlich wird vorstellbar, was hier organisiert wurde:
       Technikstolz, nationale Inszenierung, Aufrüstung, Zwangsarbeit, Krieg. Die
       Ausstellung [1][„Lufthansa. Berlin-Tempelhof 1926–1945. Zwischen ziviler
       und militärischer Luftfahrt]“ nutzt diesen Ort nicht dekorativ, sondern
       politisch.
       
       Dass die Lufthansa [2][tief in den Nationalsozialismus verstrickt] war,
       dürfte vielen bekannt sein. Und doch trifft dies beim Gang durch diese
       Ausstellung mit neuer Wucht. Denn die Ausstellung zeigt es nicht als eine
       Fußnote unter vielen, sondern als wichtigsten Teil der DNA dieses
       Unternehmens, das dieses Jahr 100 Jahre alt wird. Sie arbeitet mithilfe
       zahlreicher Originalquellen, Fotos, Filmen und Dokumenten haptisch heraus,
       wie eng zivile Luftfahrt, staatliche Förderung, militärische Planung und
       nationaler Machtanspruch von Anfang an in dem Unternehmen zusammengingen.
       
       Der Einstieg in die Ausstellung führt über die Begeisterung für das
       Fliegen: in den 1920er und 1930er Jahren galten Flugzeuge als Wunderwerke
       der Technik. Noch konnten sich die wenigsten Menschen einen Flug leisten,
       wie der Ausstellungstext beschreibt. Das machten sich die Nazis mithilfe
       der Lufthansa zunutze. Ab 1935 bot sie auf dem Tempelhofer Flughafen
       Rundflüge an. 1938 nahmen etwa 350.000 Berliner Schüler*innen teil. Es
       ist perfide: Die Nazis mussten den [3][Traum vom Fliegen] nicht erfinden.
       Sie konnten ihn besetzen, weil zivile Luftfahrt und militärisches Denken
       längst ineinandergriffen.
       
       ## Formal ging es um Passagierverkehr
       
       Von dort führt die Ausstellung zu den Wänden „Rüstung“, „Luftwaffe“ und
       „Aufarbeitung“. Schon in der Weimarer Republik war die angeblich zivile
       Luftfahrt von früherem Militärpersonal geprägt. Formal ging es um
       Passagierverkehr, internationale Strecken und technischen Fortschritt.
       Tatsächlich wurde schon zur Zeit der Gründung der Lufthansa 1926 in
       Berlin-Tempelhof unter dem Deckmantel der zivilen Luftfahrt angeschoben,
       was nach dem Ersten Weltkrieg verboten war: der Aufbau von Flugplätzen,
       Pilotenschulen, Industrie.
       
       Die Lufthansa machte dabei nicht nur irgendwie mit. Als staatlich gestützte
       und eng gelenkte Fluggesellschaft war sie Teil einer Infrastruktur, die für
       eine künftige Luftwaffe nutzbar blieb. Der Kranich flog also nicht nur für
       Fortschritt und Fernweh.
       
       Ab 1933 wurde diese vorbereitete Struktur offen in die
       nationalsozialistische Macht- und Kriegspolitik eingegliedert. [4][Hermann
       Göring rettete die Lufthansa] vor dem finanziellen Ruin. Die Lufthansa
       profitierte von Subventionen, Aufträgen und symbolischer Bedeutung. Umso
       wertvoller ist es, dass es für diese Phase besonders viele biografische
       Stationen in der Ausstellung gibt.
       
       So erhält beispielsweise Klaus Bonhoeffer ein eigenes Kapitel. Der [5][Name
       ruft meist seinen Bruder Dietrich auf], den Theologen und Widerständler.
       Der weniger bekannte Klaus Bonhoeffer war Jurist und arbeitete bei der
       Lufthansa, zuletzt als Leiter der Rechtsabteilung und Mitglied des
       Aufsichtsrats. Gerade diese Position macht seine Biografie so beklemmend:
       Er führte ein Doppelleben und hielt aus dem Inneren eines belasteten
       Unternehmens heraus Kontakt zu Widerstandskreisen, wusste um das
       [6][geplante Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944] und versprach seinen
       Komplizen nach dem Staatsstreich Flugzeuge.
       
       Als das Attentat misslungen war, bekannte er sich im Verhör offen gegen den
       NS-Staat. Das alles ist in der Ausstellung aufbereitet und schärft die
       Frage nach Mittäterschaft und Handlungsspielräumen, die andere sicher auch
       gehabt hätten. Klaus Bonhoeffer wurde im April 1945 ermordet, wenige Tage
       nach seinem Bruder, als die Rote Armee bereits vor den Toren der Stadt
       stand.
       
       Ähnlich schmerzhaft ist es, beim Ausstellungsbesuch in die Geschichte des
       französischen Zwangsarbeiters Jean Rozière eingeführt zu werden. Auf ihn
       wurden die Ausstellungsmacher*innen durch die [7][Forschungen des
       Historikers Lutz Budrass] aufmerksam, der die dunklen Kapitel in der
       Geschichte der Lufthansa in seinem Buch „Adler und Kranich“ aufgearbeitet
       hat. Aufgrund seiner Schilderungen fanden sie Fotos, Briefe, Spuren eines
       Lebens. Rozière kam 1943 nach Berlin und wurde in die deutsche
       Kriegswirtschaft gezwungen. Besonders bitter ist der Kontrast zu
       Propagandabildern, die ein scheinbar geselliges Lagerleben zeigen sollten.
       
       Die Fotos behaupten sehr viel Normalität und verdecken Zwang, Gewalt und
       Entrechtung. Doch Rozière verweigerte sich hinter dieser Kulisse auch der
       Arbeit und leistete im Kleinen Widerstand. Er wurde mehrmals mit Bußgeldern
       belegt, weil er beispielsweise zu lang in der Toilette geblieben war.
       
       Die ausgestellten Dokumente und Fotos holen diesen Menschen aus der
       [8][Statistik der Zwangsarbeit] heraus: Zeitweise arbeiteten für die
       Lufthansa am Flughafen Tempelhof bis zu 10.000 Menschen, darunter auch
       Kinder und Jugendliche, weil sie mit ihren kleinen Händen besser in die
       verwinkelten Ecken der Flugzeuge kamen. Sie lebten dort unter erbärmlichen
       Umständen. Und je weiter der Krieg voranschritt, desto mehr musste die
       Lufthansa beschädigte Flugzeuge der Luftwaffe reinigen und zusammenflicken.
       
       Die Wand zur „Aufarbeitung“ führt schließlich in die Nachkriegszeit – und
       stellt damit den größten Aufreger bereit. Nach 1945 wurde die alte
       Lufthansa aufgelöst, die neue Lufthansa 1953 gegründet. Nach außen hin
       nutzte die Firma die unfreiwillige Zäsur als bequemen Abstandhalter. Der
       Konzern beschönigte, verzögerte, verwies auf Nichtidentität, pflegte aber
       Name, Symbol und Tradition weiter. Nur die profiliertesten Nazifunktionäre
       wurden nicht übernommen, jüdische Mitgründer dagegen systematisch
       ausgegrenzt.
       
       ## Die Sprache bleibt eingebettet in Markenpflege
       
       In den 1990er Jahren gab das Unternehmen bei Lutz Budrass eine Studie zur
       Zwangsarbeit in Auftrag und hielt diese so lang zurück, dass dieser sein
       erwähntes Buch „Adler und Kranich“ selbst publizierte. Inzwischen spricht
       das Unternehmen offener über die Verbrechen der „Vorgängergesellschaft“,
       über Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion, aber die Sprache bleibt
       eingebettet in Markenpflege, Jubiläen und Zukunftserzählungen, so die
       Ausstellungsmacher*innen.
       
       Alles in allem ist diese Ausstellung also unbedingt sehenswert. Die
       Schwellen, die sie setzt, sorgen nicht für Verflachung, sondern sind
       Voraussetzung dafür, dass die Härte des Materials richtig ankommt: über
       klare Texte, Originalquellen, starke Biografien. Auch die partizipativen
       Formate sind super. Wenn Besucher*innen am Ende notieren sollen, wie
       Unternehmen generell heute Verantwortung übernehmen sollten, steht diese
       Frage nicht im luftleeren Raum. Zurück bleiben Wut und Entsetzen – und die
       Frage, warum es eigentlich immer noch Ausstellungen braucht, damit die
       Wahrheit offenkundig genug wird.
       
       10 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
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