# taz.de -- 100 Jahre Lufthansa: Nur die halbe Wahrheit
       
       > Die wichtigste deutsche Fluggesellschaft feiert ihr 100. Jubiläum. Wie
       > schön – wenn da nur nicht ein paar dunkle Kapitel in der Geschichte
       > wären.
       
 (IMG) Bild: Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Bundeskanzler Friedrich Merz bei den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Lufthansa
       
       Der Bundeskanzler war des Lobes voll. „Dieses Unternehmen Lufthansa
       verbindet Menschen und Märkte in aller Welt – wie kein zweites in
       Deutschland“, sagte Friedrich Merz am Mittwoch beim Festakt zum
       100-jährigen Jubiläum der Lufthansa.
       
       Merz’ Zitat ist zweifellos richtig. Die [1][Lufthansa-Gruppe]
       transportierte im letzten Jahr 135 Millionen Fluggäste in mehr als 700
       Flugzeugen. Aber stimmt auch das Ende des Satzes, dass die Fluggesellschaft
       nämlich dieses Jahr einhundert Jahre alt wird? Die Antwort: etwa zur
       Hälfte.
       
       Eine Luft Hansa – in zwei Worten geschrieben – wurde tatsächlich im Jahr
       1926 gegründet, als Ergebnis einer Fusion der Deutschen Aero Lloyd mit
       Junkers Luftverkehr. Daran erinnert der Konzern sehr gern – Corporate
       Identity! Technik! Tradition! Zuverlässigkeit! Ju52!
       
       Allerdings erfolgte 1955 eine zweite Gründung der Lufthansa, denn die erste
       war mit dem NS-Regime – für Flugzeuge ganz unpassend – abgestürzt. Die neue
       Firma, die juristisch mit der alten nichts zu tun hat, mag dennoch nicht
       ganz vom Traditionsband mit der ersten Linie lassen, was nicht
       unverständlich ist, denn ein Jubiläum „71 Jahre Lufthansa“ würde niemanden
       hinter den Rotoren hervorlocken. Es gibt da nur ein Problem. Und das hat
       durchaus mit der Ju52 zu tun, dieser legendären dreimotorigen Maschine in
       Wellpappenoptik.
       
       Die Ju52 flog erstmals 1932. Ein Jahr später übernahmen die Nazis die
       Macht. Lufthansa, deren technischer Direktor Erhard Milch ein alter Kumpel
       von [2][Hermann Göring] war, profitierte davon wie kaum ein anderes
       Unternehmen. Lufthansa flog auf die NSDAP, ebenso wie die Ju52, die zum
       Transporter für die Wehrmacht avancierte, aber auch als Bomber eingesetzt
       wurde.
       
       Etwa 50 Prozent der Lufthansa-Belegschaft bestand aus Zwangsarbeitern, die
       etwa für die Instandhaltung von Motoren der Wehrmacht eingesetzt wurden.
       Göring wurde Lufthansa-Vorstand, Milch dafür Staatssekretär.
       
       Nun war das Verhalten der Lufthansa im NS-Staat keineswegs ungewöhnlich.
       [3][Deutsche Unternehmer neigten bekanntlich eher weniger zum Widerstand].
       Der Flugkonzern allerdings betrieb bis in die 2000er Jahre eine doch eher
       [4][seltsame Vergangenheitspolitik]. Der Wirtschaftshistoriker Lutz Budrass
       wurde zwar damit beauftragt, eine Studie über die NS-Zwangsarbeit im
       Unternehmen zu verfassen.
       
       Das Ergebnis blieb aber nur einem kleinen Kreis zugänglich, was Budrass so
       erboste, dass er 2016 ein entsprechendes Buch auf eigene Kosten
       veröffentlichte. Er warf dem Konzern damals vor, sich vor der eigenen
       Geschichte zu drücken, weil er darauf beharre, erst 1955 gegründet worden
       zu sein.
       
       Insofern muss man geradezu dankbar dafür sein, dass Lufthansa 2026 doch
       sein 100-Jähriges begeht. Die letzten lebenden Zwangsarbeiter der Lufthansa
       gehen heute auch auf die 100 zu, da hat die Firma endlich begriffen, dass
       man dieser Geschichte nicht entkommt. Die Lufthansa im NS-Staat, das sei
       das „dunkelste Kapitel ihrer Geschichte“ gewesen, gesteht der Konzern heute
       ein. Und ihr [5][Chef Carsten Spohr] lässt nun endlich die Verstrickung der
       Lufthansa im NS-Staat durch Historiker aufarbeiten. Klaus Hillenbrand
       
       18 Apr 2026
       
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