# taz.de -- Gebrauchtwaren-Kaufhaus in Berlin: Eine Warenwelt, die gefällt
> Mit dem Niedergang der Kaufhäuser geht auch eine Einkaufskultur zu Ende.
> In Berlin gibt es einen Ersatz, der ankommt: die NochMall. Eine Hommage.
(IMG) Bild: Das lässt sich doch NochMall verwenden
Es gibt das Glücksgefühl. Und das Solidaritätsgefühl. Das Wirgefühl auch.
Und noch eins, das unterm Radar läuft: das Kaufhausgefühl. Diese Melange
aus Erwartung, Sicherheit, Neugierde und schwebender Zeitlosigkeit stellt
sich bei vielen ein, die ein Warenhaus besuchen. Bei mir auch. Sicher fühle
ich mich, dass ich das, was ich haben will, bekomme. Und neugierig bin ich
auf das, was es beim Stöbern im Kaufhaus zu entdecken gibt und mich
anspricht. Als schärfe ich dabei mein Gefühl für das, was ich schön finde.
Kaufen muss ich es nicht. So vergeht die Zeit. [1][Wer ein Kaufhaus
betritt], erlebt, wie er sich vom Alltagsstatisten des Einkaufens zum
Komparsen des Begehrens wandelt.
Halt. Stopp! Da stimmt etwas nicht. Richtiger wäre, die vorherigen Sätze
kämen nicht im Präsens daher, sondern im Präteritum. „Betrat“, nicht
„betritt“. „Erlebte“, nicht „erlebt“. Warum? So viele Kaufhäuser haben
dichtgemacht. Hertie, Karstadt, Kaufhof – mancherorts gibt es gar keine
mehr. Passé der Kaufhausslogan „Alles, was ich will.“ Oder: „Der Kaufhof
bietet tausendfach alles unter einem Dach.“
Doch jetzt die gute Nachricht: Aufs Kaufhausgefühl muss ich dennoch nicht
verzichten. Ich spüre es neuerdings wieder, und zwar in der [2][NochMall in
Berlin-Reinickendorf,] im Norden der Hauptstadt. Dort geht es nicht szenig
zu. Ich wohne nicht weit davon.
„NochMall“ ist ein geniales Wort. Gefunden von den PR-Leuten der Berliner
Stadtreinigung BSR, einem kommunalen Versorger. Das Unternehmen wirbt gern
mit Sprachwitz. „Gib’s mir“, steht auf Mülleimern in Berlin. Oder:
„Müllorca“, „Kot d’Azur“, „Im nächsten Leben werd ich Briefkasten“ und
vieles mehr. Witzig ist das, auch wenn es kaum dabei hilft, [3][der
Vermüllung der Hauptstadt] Herr zu werden.
## Second Hand auf 2.000 Quadratmetern
Nun also die NochMall. Die Mall steckt drin und noch mal – und das ist
keine Lüge. Alles, was es zu kaufen gibt, wurde vorher von der BSR aus dem
rausgefischt, was auf den Recyclinghöfen landet, aber noch brauchbar ist.
Second Hand auf 2.000 Quadratmetern und zwei Etagen. Die sind unterteilt in
diverse Bereiche. Haushaltswaren, Möbel, Deko, Sport, Kleidung, Bücher,
Elektrogeräte, Musikinstrumente, Spielwaren, Medien.
Zero Waste – das ist der schöne Begriff, der das alles leitet. Die
Müllentsorger haben eigens eine Abteilung, die sich mit Müllvermeidung
beschäftigt. Und eine für Innovation. Frieder Söling gehört dazu. Jetzt
sitzt er im Café der NochMall an einem Tisch, den es für 49 Euro zu kaufen
gibt und auf einem Stuhl für 28 Euro. Das Inventar des Cafés wechselt
ständig, wie auf einem Basar.
Söling, bis vor Kurzem Geschäftsführer der NochMall GmBH, oder
nostalgischer: Kaufhausdirektor, kann davon berichten, wie es zum
Gebrauchtwarenkaufhaus kam. Dass sie in andere Städte gefahren seien, wo es
ähnliche Einrichtungen gibt, München, Wien, Stockholm, um zu gucken, wie
die das machen. Dass sie auf jeden Fall Arbeitsplätze auf dem ersten
Arbeitsmarkt schaffen wollten, was ihnen gelungen ist, 35 sind es.
„Annehmen, sortieren, säubern, Regale auffüllen, Kunden beraten, kassieren
– das sind zeitintensive Aufgaben.“
An ein Kaufhaus sei nicht zuerst gedacht worden, als sie 2018 anfingen,
erzählt Söling. Zuerst hätten sie aus dem, was auf den Recyclinghöfen
ankommt, noch brauchbare Waren aussortiert und es etwa von
Sozialkaufhäusern oder Büchertischen abholen lassen. Das war für die
betreffenden Projekte, die meist mit Ehrenamtlichen arbeiten, jedoch nicht
zu leisten gewesen. Zu viel sei angefallen. Deshalb die Idee mit dem
Kaufhaus, sagt Söling: „2020 haben wir dann die NochMall eröffnet, mitten
in der Coronapandemie.“
Zu ihren Zielen zählt dabei, dass sie den bestehenden
Second-Hand-Strukturen keine Konkurrenz machen wollten. Zu den
Besonderheiten gegenüber vergleichbaren Konzepten gehört auch, dass sie das
ganze Warensortiment bedienen wollen, um möglichst viele Dinge aus dem Müll
zu retten. Und dass sie ein Ambiente vor sich sahen, das an die Kaufhäuser
von früher erinnerte. Deshalb die großzügige Gestaltung. „Da soll Luft
zwischen den Dingen sein“, sagt Frieder Söling.
## Mehr als eine halbe Million Waren verkauft
Es scheint zu funktionieren. „2025 hatten wir 420.000 Besucher und
Besucherinnen.“ Am Eingang ist ein Kundenzähler installiert. An Tagen unter
der Woche seien um die 1.000 Kund*innen in der NochMall. „An Samstagen
aber ist der Zulauf riesig, da kommen im Schnitt 2.000“, sagt Söling,
„Manchmal sind die Regale leer geräumt und müssen schnell wieder aufgefüllt
werden.“ 650.000 Waren seien im vergangenen Jahr über den Ladentisch
gegangen, 550 Tonnen Müll so vermieden worden.
Anders gerechnet: 1.500 Tonnen CO2 wurden durch den Wiederverkauf
gebrauchter Waren eingespart. „Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein,
immerhin entspricht es über 500.000 Liter verbranntem Diesel.“ Frieder
Söling mag es nicht, wenn Leute sagen, sie könnten nichts bewirken.
Eine Idee, um die Wahrnehmung zu stärken, dass bewusster Konsum einen
Unterschied macht, gibt es. Nämlich auf den Kassenbons auszuweisen, wie
viel CO2 durch den Kauf von etwas eingespart wurde. Bisher sei es bei der
Idee geblieben. „Innovation darf man nicht nur wirtschaftlich und technisch
denken, sondern auch sozialökologisch und nachhaltig“, sagt Söling. Deshalb
auch die vielen Veranstaltungen in der NochMall – Repair-Cafés,
Versteigerungen, Workshops zur Nachhaltigkeit und zum Upcyceln. Selbst
Weihnachtsfeiern und Totenschmause seien schon im Café veranstaltet worden.
So entsteht Community.
2027 will die NochMall schwarze Zahlen schreiben. „Und wenn das gelingt,
ist an Expansion gedacht.“ Wohin? In den Süden der Stadt, dahin, wo Berlin
szeniger ist. „Wir müssen der BSR echt danken, dass sie das Konzept so
unterstützt.“
Viele Waren, die wiederverkauft werden, werden von den Berliner*innen
direkt zur NochMall gebracht – es gibt eine Annahmestelle vor Ort. „Ich bin
beeindruckt, was die Leute uns schenken“, sagt Frieder Söling. Inzwischen
kann man Sachen gegen eine Gebühr abholen lassen. Bringt man gute Sachen
hin, kriegt man einen 10-Prozent-Gutschein für den nächsten Kauf. So geht
Kundenbindung.
Bei mir wirkt’s. Ich komme gern. Gleich hinter der Eingangssperre der
NochMall gibt es die Haushaltswaren. Sie sind mein Safe Space. Denn wenn
ich in den anderen Abteilungen nichts finde, finde ich sicher ein Glas,
eine Tasse, einen Teller. Manchmal auch eine Blumenvase. Wenn ich später
merke, die gefällt mir doch nicht, gebe ich sie beim nächsten Mal wieder
ab. So ist mein Konsumverhalten Teil eines Kreislaufs.
Die Lampe in unserem Arbeitszimmer, der Stuhl im Wohnzimmer, der Toaster,
alles haben wir aus diesem Kaufhaus. Das Beste ist das Schränkchen, das nun
in unserem Flur steht. Vollholz, Design der 50er/60er Jahre. „Mit
Midcentury können Sie keinen Fehler machen“, sagt ein junger
NochMall-Mitarbeiter. Der Satz versöhnt mit dem Muff von damals.
Und jetzt das Allerbeste: Selbst Freundinnen aus dem In-Bezirk Kreuzberg
besuchen uns, um mit uns in der NochMall zu shoppen. Dort frönen wir dem
Kaufhausgefühl. Wir sind so oldschool.
16 Aug 2026
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## AUTOREN
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