# taz.de -- Popkultur im Wahlkampf: Pop oder Flop
       
       > Ikkimel mobilisiert für die Linke, Zahide für die SPD. Der Wahlkampf
       > findet längst nicht mehr nur auf der Straße statt, sondern auch auf
       > Tiktok.
       
 (IMG) Bild: Ikkimel am ersten Mai auf dem Kreuzberger Mariannenplatz
       
       Der Westberliner Rapper Fler findet Ikkimel „hässlich, frech und
       untalentiert“, ein Instagram-User erklärt sie zum Symbol für „so ziemlich
       alles, was in diesem Land schiefläuft“. Die Berliner Linke dagegen feiert
       die Tempelhofer Rapperin als popkulturellen Stimmungsmotor. [1][Mit ihrem
       Auftritt beim Parteifest auf dem Mariannenplatz zog sie am 1. Mai Tausende
       Jugendliche an.]
       
       Ikkimel, bürgerlich Melina Gaby Strauß, steht für Feminismus, für
       antikonservative Rollenbilder, für Provokation als politisches Mittel. Sie
       singt: „Ich steh auf blaue Flecken, außer auf der Wahlkarte“ oder „Schnauze
       halten, Leine an, Schatz, jetzt sind die Weiber dran“. Ihre Konzertkonzepte
       sind inklusiv, es gibt gesonderte Ruhebereiche für Schwangere und
       neurodivergente Besucher*innen. Einen geplanten Auftritt in den USA sagte
       die 29-Jährige im März aufgrund des Irankriegs ab. „Ich bin generell gegen
       Krieg“, erklärte sie.
       
       Die Vorzeigelinke erreicht auf Instagram und Tiktok knapp eine halbe
       Million Follower. Sich diese Reichweite zu Wahlkampfzwecken zunutze zu
       machen, liegt auf der Hand. Für einen Instagram-Post mit Ikkimel und Elif
       Eralp, der Linken-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl am 20.
       September, erntete der Landesverband der Partei 28.000 Likes. Ein Video,
       das Ikkimel wenige Tage später mit Bundestagsfraktionschefin Heidi
       Reichinnek postete, bekam eine halbe Million Likes.
       
       Popkulturelle Akteure spielen im Wahlkampf seit jeher eine Rolle. In den
       USA positionieren sich regelmäßig Stars wie Billie Eilish, Beyoncé und
       Taylor Swift, zuletzt zugunsten von Kamala Harris. Auch hierzulande hat die
       Pop-Politik-Achse Tradition: Die Grünen knüpften auf ihrem Parteitag im
       Dezember 2024 in Anlehnung an ein Fanritual von Taylor Swift
       „Swiftie-Armbändchen“. Gerhard Schröder pflegte seine Freundschaft zu
       Scorpions-Sänger Klaus Meine, die Band BAP trat bei Veranstaltungen von
       Schröder oder Joschka Fischer auf. Die neue Riege, die es von der Straße in
       das Abgeordnetenhaus geschafft hat, heißt: Ikkimel, Zahide, Apsilon.
       
       ## Entertainment statt politischer Inhalte
       
       Vergangene Woche veröffentlichte etwa Raed Saleh, der Berliner
       SPD-Fraktionschef, ein Instagram-Video mit der Kreuzberger Rapperin und
       Tänzerin Zahide Kayaci. Bei der „Entweder-oder“-Challenge im
       Abgeordnetenhaus beantworteten er und die 15-Jährige Fragen wie:
       „Frühaufsteher oder Langschläfer?“, „Wahlalter ab 16: Ja oder Nein?“ oder
       „Lieber ein Jahr ohne Musik oder ohne Internet?“
       
       Die sozialen Medien haben die Grenzen zwischen Popkultur und Politik weiter
       verschoben und den Wahlkampf revolutioniert. Der Fokus hat sich verlagert
       von politischen Inhalten hin zu bürgernahem Content und Entertainmentwert.
       Die Parteien haben verstanden: Wer die Gen Z erreichen will, muss ihre
       Sprache sprechen. Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch schreibt etwa
       auf Instagram im Jugendslang „Rede Schwester“ oder greift Tiktok-Trends
       auf: „on a quest to find the Klimapolitik der CDU“. Linken-Politikerin
       Reichinnek postet „Reality Check für Jens Spahn“ und kooperiert mit
       Lifestyle-Influencerinnen, wie Ronja Jelena Filiz.
       
       Zahide und Ikkimel sind Stimmen ihrer Generation: Erstere [2][zählt zu den
       reichweitenstärksten Influencerinnen Deutschlands], letztere führt mit
       ihrem neuen Album die offiziellen Deutschen Charts an. Doch Kooperation ist
       nicht gleich Überzeugung. Während Ikkimel erkennbar hinter der
       Linksfraktion steht, drängt sich bei Zahide Kayaci der Verdacht auf, dass
       eine weitgehend unpolitische Teenagerin instrumentalisiert wird, um eine
       Generation Tiktok anzusprechen.
       
       Kayacis öffentliches Image ist konsequent unpolitisch. Die
       Bambi-Preisträgerin rappt über Gucci-Gürtel, Ferragamo-Tracksuits, Ferraris
       und das Leben zwischen Kreuzberg und Dubai. Bei der Abgeordnetenhauswahl
       wird sie zwar immer noch minderjährig, aber 16 Jahre alt sein und somit
       wahlberechtigt – das Landesparlament hat Ende 2023 das Wahlalter von 18 auf
       16 Jahre gesenkt.
       
       Wahlberechtigt sind dadurch noch mehr ihrer 8 Millionen Tiktok-Follower –
       und auf die kommt es an. Von den Berliner*innen zwischen 16 und 29
       Jahren konsumieren 69 Prozent täglich TikTok. [3][Studien belegen, dass
       Online-Partizipation die Wahlbeteiligung der Gen-Z um mehr als das
       Vierfache steigern kann.]
       
       ## Gezielte Desinformationskampagnen
       
       Die Kehrseite: Politische Inhalte werden in den sozialen Medien gezielt
       manipuliert, Desinformationskampagnen nehmen zu. Auf Tiktok kursieren zum
       Beispiel Fake Videos von Zahide mit vermeintlichen AfD-Fans. Die
       Originalaufnahme stammt von einem Schulbesuch in Mitte Anfang April 2025
       anlässlich des Zuckerfests. Hunderte Kinder empfingen die Rapperin
       kreischend.
       
       Im gefälschten Video wurde der Jubel durch einen KI-generierten Stimmchor
       ersetzt: „AfD!“, skandieren die Schüler*innen, „Abschieben!“, und „Wer
       Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Die muslimische
       Rapperin lacht und formt ein Herz in Richtung ihrer Fans. Unter dem Video
       steht: „Kinder feiern mit Zahide zusammen die AfD.“
       
       Auch andere popkulturelle Akteure werden wider Willen gefeiert. So etwa der
       türkischstämmige [4][Moabiter Rapper Apsilon, der in seinen Texten
       Rassismus, Rechtsruck und soziale Ungleichheit thematisiert.] In einem
       Track rappt er: „Bitte sag mal Vizekanzler, warum folgst du mir auf Insta?
       Halt mal lieber bisschen Abstand, ich will nichts mit denen zu tun haben,
       die das Land hier an die Wand fahren.“
       
       Linken-Parteivorsitzende Ines Schwerdtner griff diese Zeilen vergangene
       Woche in einer Bundestagsrede auf und konfrontierte den SPD-Chef damit. Das
       Video ging viral. Glimpflich für die SPD, dass es sich nicht um einen
       Berliner Landespolitiker handelte. Wer weiß, wie sich das auf die Wahl im
       September ausgewirkt hätte.
       
       28 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /1-Mai-in-Berlin/!6175987
 (DIR) [2] /Hype-und-Hate-um-Shooting-Star-Zahide/!6139717
 (DIR) [3] https://www.frank-henkel-berlin.de/tiktok-wahlkampf-berlin-gen-z-mit-follower-boost-erreichen/
 (DIR) [4] /Debuetalbum-von-Apsilon/!6041656
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ikkimel
 (DIR) Abgeordnetenhauswahl 2026
 (DIR) Berlin tokt
 (DIR) taz Bewegung – die Kolumne
 (DIR) Elif Eralp
 (DIR) Elif Eralp
 (DIR) Social Media
 (DIR) Rapper
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Proteste gegen Reichen-Treffen: Haie im Hotel, Protest auf der Straße
       
       Gegen Finanzkonferenz, Mietenkrise, Wehrpflicht und digitale Überwachung
       formiert sich eine breite Protestwoche. Die Popkultur unterstützt sie.
       
 (DIR) Wahlkampfauftakt in Berlin: Manfred, Melek und die Putzfrau
       
       Die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, gibt sich bei ihrem
       Wahlkampfauftakt kämpferisch. Überrascht aber auch nicht.
       
 (DIR) 1. Mai in Berlin: Ikkimel, die Rattenfängerin der Linken
       
       Die Berliner Linke mobilisiert am 1. Mai die Massen, auch dank Rapperin
       Ikkimel. Der Vorwurf, Protest würde durch Party ersetzt, greift aber zu
       kurz.
       
 (DIR) 15-jährige Rapperin Zah1de: Von Tiktok in die Uber Eats Music Hall
       
       Nur 7 Songs und schon ein Bambi: Zah1de ist wohl Deutschlands größte
       Newcomerin. Ihr Hype reicht bis nach Dubai, doch an ihrem Management wächst
       die Kritik.
       
 (DIR) Debütalbum von Apsilon: Dickes Fell gegen Hass und Hetze
       
       Der Berliner Rapper Apsilon singt über Rassismus und Klassenkampf,
       Weltschmerz und Ohnmacht – und spricht damit eine Großstadtgeneration an