# taz.de -- Erstwähler:innen in Berlin: „Man muss aufpassen, dass man keine Scheiße liest“
> Erstmals dürfen schön 16-Jährige ihre Stimme bei der Abgeordentenhauswahl
> abgeben. Zwei Erstwähler:innen berichten über ihre Wahlentscheidung.
(IMG) Bild: Deutsche wohnen im Eigenen, Sicherheit schaffen, Verwahrlosung stoppen, und noch viel anderes Klein und Großgedruckten Nonsense gibts auf den Plakaten
Clara, 17, Schülerin
Ich finde es unfassbar sinnvoll, dass Menschen, die unter 18 sind, wählen
können. Die Wahl betrifft die Zukunft und wir müssen einen Einfluss darauf
haben, wie Politik gestaltet wird. Das Recht zu wählen, hilft auch gegen
das Gefühl der Machtlosigkeit. An meiner Schule höre ich oft, dass Leute
politisch interessiert sind, aber das Gefühl haben, sowieso nichts
erreichen zu können. Dadurch nutzen sie die Möglichkeit nicht, sich
politisch zu engagieren.
Mein Interesse kommt durch mein Umfeld. Meine Familie und Freund*innen
sind sehr politisch, der Aktivismus und die Schülervertretung politisieren
auch. Den Politikunterricht an meiner Schule fand ich ein bisschen schwach,
die Lehrkräfte hatten immer Zeitprobleme, viel wurde oberflächlich
behandelt, und aktuelle Themen wurden eher ausgespart. Vorbereitung auf die
Wahlen sind sehr lehrkraftabhängig, viele Klassen haben den Wahl-O-Mat mal
gemacht und gehen sonst kaum auf Wahlen ein. Erst seit der Oberstufe lerne
ich richtig was im Politikunterricht.
Ich glaube, dass Social Media eine wichtige Informationsquelle für meine
Generation ist, obwohl das auf mich eher nicht zutrifft. Aktuelle
Entwicklungen bekomme ich hauptsächlich durch die „Tagesschau“ und die
Nachrichten-Apps mit, durch den Austausch mit Menschen und zu einem
kleineren Teil über Social Media. Wenn man sich nur darüber informiert,
kann man schnell in eine Bubble geraten, wo man dann nicht wieder
rauskommt.
Für Berlin wünsche ich mir eine klimafreundlichere Politik und mehr
Unterstützung für Frauen und Minderheiten, mit Nachttaxis und Frauenhäusern
zum Beispiel. Ich glaube, dass man in der Bildungspolitik einen deutlich
besseren Fokus auf Chancengleichheit und politische Bildung legen müsste.
[1][Es sollte nur eine Schulform geben], und Noten sind ein System, das man
überdenken muss, weil es enormen Druck auf junge Menschen ausübt. Die
mentale Gesundheit fällt dabei oft unter den Tisch. In Berlin hat man krass
an Orten gekürzt, wo Menschen sich austauschen können. Wie Jugendzentren,
Kulturzentren, Kinos und Theater. Das ist ein Aspekt, an den die Politik
noch mal ranmüsste.
Clemens, 18, Auszubildender
Ich denke, je niedriger das Wahlalter liegt, desto früher muss man
anfangen, Kinder zu unterrichten und ihnen zu erklären, wie viel ihre
Stimme wert ist. Ich hatte einen guten Politiklehrer, der hat seit der
siebten Klasse richtig durchgezogen. Es gab es auch Kurse, Infowochen und
richtige geheime Wahlen an der Schule. Doch seit meiner Ausbildung habe ich
mich nicht mehr richtig mit Politik beschäftigt. Wir sind auf Arbeit oder
beim Training, viel Zeit, sich über Politik zu unterhalten, ist da nicht.
Unsere Politiker haben das große Pech, dass sie gleichzeitig [2][mit Trump
regieren], der es gerade richtig verhaut. Für die steigenden Ölpreise zum
Beispiel können wir ja relativ wenig, trotzdem schiebt man so was dann mit
auf unsere Politiker.
Ich habe vor zu wählen, muss aber noch die Wahlprogramme lesen. Wenn viel
los ist, hat man manchmal keine Zeit, sich richtig zu informieren. Und wenn
man [3][nur mal kurz auf Tiktok schaut], muss man aufpassen, dass man keine
Scheiße liest. Wenn ich nicht informiert bin, würde ich meine Stimme
ungültig machen, anstatt gar nicht wählen zu gehen.
Wenn ich mir eine Partei aussuche, würde ich besonders auf die
Schuldenbremse, Migrationspolitik, Wehrpflicht und Aufrüstung achten. Dass
jetzt immer mehr Schulden für die Bundeswehr aufgenommen werden, die wir
dann jahrelang abbezahlen, find ich doof. Ich würde mir da mehr
Generationsverantwortung wünschen.
Und einen besseren Umgang mit Migranten. An meiner Berufsschule werden die
Leute einfach in die Klassen gesteckt, obwohl sie nur ein paar Wörter
Deutsch können. Man würde sich da eine bessere Integration wünschen. Was
Abschiebungen angeht, finde ich die Straffälligkeit, die toleriert wird,
gerade ziemlich hoch. Da wäre ein härterer Umgang manchmal besser. Ein
Freund von mir ist mit einem Messer bedroht worden, als er zum Briefkasten
ging, das kann nicht sein.
Protokolle: Mila Kassem
17 Aug 2026
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